Eileen Ziehmann, Niklas Möhring und Robert Finger*
Der Anbau pilzwiderstandsfähiger Rebsorten (PIWIs) kann den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln im Rebbau erheblich reduzieren. Aufgrund der niedrigeren Kosten und des geringeren Arbeitszeitbedarfs können sie langfristig auch ökonomisch vorteilhaft sein. Dennoch bleibt die Umstellung in der Praxis noch gering. Wir entwickeln ein bioökonomisches Modell auf Basis des Realoptionsansatzes und zeigen, dass Produzentinnen und Produzenten aufgrund hoher, irreversibler Investitionskosten und ausgeprägter Unsicherheiten einen grossen Anreiz haben, abzuwarten. Dies erklärt die zögerliche Umstellung und ermöglicht die Analyse von Lösungsansätzen, um Anreize für eine Umstellung in kurzer Frist zu schaffen. Unsere Analyse zeigt auch, dass sich PIWIs aufgrund ihrer Vorteile langfristig stärker durchsetzen werden.
Die Reduzierung der Risiken von Pflanzenschutzmitteln ist eines der zentralen Ziele der aktuellen Agrarumweltpolitik. Dabei ist der Rebbau von besonderer Relevanz. Circa ein Drittel des in der Schweiz eingesetzten Pflanzenschutzmittels wird im Rebbau verwendet. Gleichzeitig ist das Reduktionspotenzial erheblich – und damit auch die Bedeutung des Sektors für das Erreichen politischer Umweltziele. Im Weinbau bieten pilzwiderstandsfähige Rebsorten (PIWIs) ein enormes Potenzial, da der Einsatz von Fungiziden um bis zu 80 % gesenkt werden kann. Dabei reduzieren sich auch die Kosten für Pflanzenschutzmittel und Arbeit, ohne den Ertrag zu beeinträchtigen. Zudem gibt es politische Unterstützung, in der Schweiz zum Beispiel in Form von Strukturverbesserungsbeiträgen. Trotz dieser Möglichkeiten zögern viele Schweizer Weinbaubetriebe, ihre Flächen grossflächig auf PIWIS umzustellen.
Bisherige ökonomische Evaluationen von PIWIs basieren meist auf statischen Kosten-Nutzen-Vergleichen oder dem Kapitalwertansatz (Net Present Value, NPV), bei dem die diskontierten erwarteten Kosten dem diskontierten erwarteten Nutzen gegenübergestellt werden. Diese Perspektiven greifen jedoch zu kurz, insbesondere wenn, wie bei PIWIs, Investitionen unumkehrbar sind (ist die Rebe mal gepflanzt kann man sie nicht einfach wieder rausreissen und verkaufen) und unter grosser Unsicherheit (z.B. bzgl. Markt und Produktion) stattfinden. In solchen Situationen ist Flexibilität von zentraler Bedeutung: Landwirte können mit der Neuanpflanzung warten, bis mehr Informationen über Märkte und Risiken vorliegen.
Ein Realoptionsansatz zur Abbildung von Anbauentscheidungen unter Unsicherheit
In unserem neuen Beitrag, der im Fachjournal Agricultural Economics (Ziehmann et al., 2026) veröffentlicht wurde, analysieren wir die Adoptionsdynamik von PIWIs mithilfe eines bioökonomischen Simulationsmodells über einen Zeitraum von 20 Jahren. Das Modell kombiniert agronomische und ökonomische Annahmen mit einem stochastischen Realoptionsansatz, um betriebliche Anbauentscheidungen abzubilden. Wir nutzen dafür einen beispielhaften Schweizer Rebbaubetrieb, bilden ein breites Spektrum agronomischer und ökonomischer Kennzahlen ab und berücksichtigen zwei zentrale Risikofaktoren. Erstens den stochastischen Krankheitsdruck als Produktionsrisiko: Bei traditionellen Sorten schwankt das Risiko für Ernteverluste durch Echten und Falschen Mehltau jährlich stark. PIWIs federn dieses Risiko ab. Wie gross dieser Krankheitsdruck und damit der Mehrwert von PIWIs genau ist, ist jedoch hochgradig unsicher. Zweitens die unsichere Konsumentennachfrage nach PIWIs als Marktrisiko. Es besteht grosse Unsicherheit darüber, wie PIWIs, grade in grösserer Skala als heute, vom Markt angenommen werden. Wir analysieren verschiedene Preisdifferenzen (positiv und negativ). Wie hoch diese Preisdifferenzen für die Zeit nach der Anpflanzung sind, ist jedoch unsicher.
Bei der Neuanpflanzung von PIWIs fallen die hohen, irreversiblen Kosten der Umstellung an: Das Herausreissen bestehender Rebstöcke und die Neuanpflanzung kosten rund 100.000 CHF pro Hektar und binden das Kapital für die nächsten 20 bis 30 Jahre. Auch die Politik ist zentral. In der Schweiz wird die Neuanpflanzung von PIWIs mit Strukturverbesserungsbeiträgen von 30.000 CHF pro Hektar gefördert. Wir analysieren, wie sich diese Zahlung, aber auch veränderte Zahlungshöhen und Ausgestaltungen dieses Politikinstruments auf die Entscheidung PIWIs anzubauen auswirken.
Abwarten lohnt sich oft (noch)
Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Landwirte zögern, kurzfristig traditionelle Sorten durch PIWIs zu ersetzen, auch wenn diese durchschnittlich wirtschaftliche Vorteile bringen. Wir zeigen, dass diese Zurückhaltung auf die damit verbundenen Risiken zurückzuführen ist. Die Analyse verdeutlicht die Trägheit in solch Umstellungsprozessen, die durch den Wert des Abwartens für den einzelnen Betrieb entsteht. Betriebe entscheiden sich also nicht per-se gegen PIWIs, sondern warten eher noch etwas länger ab.
Zudem stellen wir fest, dass eine frühzeitige Neuanpflanzung mit PIWIs eher stattfindet, wenn i) Produzentinnen und Produzenten niedrige Kalkulationszinsfüsse haben, ii) positive Preisaufschläge für Weine aus PIWI-Trauben erzielt werden können und iii) die krankheitsbedingten Verluste bei traditionellen Sorten erheblich sind. Wir stellen ausserdem fest, dass die finanziellen Anreize für die Neuanpflanzung, wie sie derzeit in der Schweiz bestehen, für die Entscheidung zur Neuanpflanzung nicht zwingend ausschlaggebend für die Anbauentscheidung sind.
Wichtig ist ausserdem, dass unsere Ergebnisse darauf hindeuten, dass die grossflächige Einführung von PIWIs langfristig auf natürliche Weise erfolgen wird. Wenn die Rebstöcke ihr Erneuerungsalter erreichen, ist der Wechsel auf PIWIs oft, trotz aller Risiken, vorteilhaft. Der Zeitrahmen der politischen Ziele in Bezug auf Pflanzenschutzmittelziele erfordert jedoch ein rascheres Handeln. Es ist daher unerlässlich, dass Massnahmen ergriffen werden, um Anreize für eine frühzeitige Neubepflanzung zu schaffen.
Implikationen für die Politik und andere Stakeholder
Aus unserer Analyse lassen sich Schlussfolgerungen ziehen. Erstens sollten günstige Marktbedingungen für pilzresistente Sorten geschaffen werden, da Preisaufschläge bei Entscheidungen über Neuanpflanzungen von entscheidender Bedeutung sind. Dabei könnten die Nachhaltigkeitsvorteile von PIWI-Sorten hervorgehoben werden, um eine höhere Zahlungsbereitschaft zu ermöglichen. Marktrisiken abzubauen und Marktanreize zu schaffen ist ein essenzieller Hebel für den Anbau von PIWIs.
Zweitens sollten die Vorteile pilzresistenter Sorten für die Erzeuger stärker betont werden. Sie bieten ein hohes Potenzial für Kosteneinsparungen und Arbeitserleichterungen und die Möglichkeit, erwarteten Anstiegen des Krankheitsdrucks (z.B. durch den Klimawandel) zu begegnen. Eine verstärkte Verbreitung von Informationen über diese Vorteile könnte das abwartende Verhalten der Landwirte verringern und die Neuanpflanzung kurzfristig fördern. Unsere Analyse zeigt, dass die Förderung dieser Massnahmen besonders relevant ist, um Anreize für die Neubepflanzung bei Erzeugern hochpreisiger Weine mit hohen Opportunitätskosten der Neubepflanzung zu schaffen.
Drittens müssen bestehende Anreize für den PIWI-Anbau kurzfristig effizienter und wirksamer gestaltet werden. Um ihre Wirksamkeit zu steigern, könnten Strukturverbesserungsbeiträge mit anderen politischen Massnahmen in Paketen kombiniert werden. Dies könnte vor- und nachgelagerte Massnahmen umfassen, wie beispielsweise zusätzliche Marktanreize und Preisaufschläge in Zusammenarbeit mit anderen Akteuren der Lieferkette. Solche Massnahmen würden den ganzheitlichen Charakter der Neubepflanzung berücksichtigen und entlang der gesamten Weinwertschöpfungskette verschiedene Anreize bieten. Wichtig ist, dass alle Anreize zur Förderung der Einführung pilzresistenter Rebsorten auch die technischen Aspekte des Anbaus dieser Sorten berücksichtigen, d. h. Kenntnisse über die Weinbereitung und önologische Verfahren, sodass Produzenten über das notwendige Wissen und die Fachkompetenz verfügen.
Schliesslich ist Risiko ein grosser Hemmschuh für den PIWI-Anbau, also können Bemühungen zur Verringerung der Risikoexposition und der Risikowahrnehmung der Landwirte entscheidend sein, um eine schnellere Umstellung auf PIWIs zu erreichen.
Eine Anmerkung: Diese Analyse baut auf einer Vielzahl an Studien zu PIWIs auf, die wir in den letzten Jahren durchgeführt haben, in denen wir auch bereits verschiedene ergänzende Schlussfolgerungen gezogen haben **.
Link zum Artikel: Ziehmann, E., Möhring, N., Finger, R., 2026. Adoption Dynamics of Fungus-Resistant Grapevine Varieties: A Real Options Approach. Agricultural Economics. https://doi.org/10.1111/agec.70132 (Open Access)
*AutorInnen: Eileen Ziehmann und Robert Finger, ETH Zürich, Niklas Möhring, Universität Bonn.
Kontakt: rofinger@ethz.ch
**Zusammenfassungen zu weiteren Studien zu PIWIs im Agrarpolitik Blog
Kurze Lieferketten und der Anbau pilzwiderstandsfähiger Rebsorten – Agrarpolitik-Blog
Pilzwiderstandsfähige Rebsorten in der Schweiz: Anbau, räumliche Verteilung und Zukunftsperspektiven
Massnahmenbündel für Pflanzenschutzmittelreduktionen im Schweizer Rebbau