Pilzwiderstandsfähige Rebsorten in der Schweiz: Anbau, räumliche Verteilung und Zukunftsperspektiven

Lucca Zachmann & Robert Finger*

Die Verwendung von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten (PIWI) ist die effektivste Massnahme den Einsatz von Pflanzenschutzmittel im Weinbau substanziell zu reduzieren. Sie können den Einsatz von Fungiziden um bis zu 80% reduzieren. Ihr Flächenanteil ist jedoch gering. In einer Reihe von Studien haben wir basierend auf Befragungen mit Weinbaubetrieben in der ganzen Schweiz und Rebbaukadasterdaten analysiert, welche Faktoren die Anpflanzung von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten beeinflussen. Eine vermehrte Anpflanzung könnte ein win-win-win sein, Risken zu reduzieren, die Produktion resilienter zu machen und Kosten zu senken.

Eckdaten der Studie

Die zentralen Forschungsfragen waren:

  • Welche betrieblichen Faktoren beeinflussen die Pflanzung von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten?
  • Inwieweit beeinflusst die Zulassung dieser Sorten für geografische Herkunftsbezeichnungen (z. B. AOC/DOC) deren Pflanzung?
  • Werden diese Sorten räumlich dort angebaut, wo Mensch und Umwelt am meisten profitieren könnten?

Wir verwendeten dabei zwei verschiedene Datengrundlagen. Erstens verwendeten wir grossangelegte Betriebsbefragungen von Schweizer Weinbaubetrieben aus den Jahren 2016–2018 und 2022. Die rund 436 befragten Betriebe stammten aus der gesamten Schweiz, also aus der Deutsch-, Französisch- und italienischsprachigen Schweiz sowie aus allen sechs Weinregionen (siehe Abbildung 1). Zweitens verwendeten wir umfassende georeferenzierten Rebbaukadasterdaten von 19,385 Rebparzellen im Kanton Waadt, ergänzt um Kontextinformationen wie Bevölkerungsdichte, Gewässernähe und Schutzzonen.

Abbildung 1 Winzerinnen und Winzer aus der gesamten Schweiz haben an der Umfrage teilgenommen.

Wir nutzten ökonometrische Regressionsanalysen sowie räumliche Regressions-verfahren zur Quantifizierung der Einflussfaktoren. Dabei kontrollierten wir für betriebsleiter- und betriebsspezifische Merkmale (z.B. Risikopräferenzen, Be-triebsgrösse, Bio-Betrieb, etc.), sortenspezifische Eigenschaften (z.B. önologische Eignung) sowie räumliche Umweltfaktoren (z.B. regionaler Pilzdruck), Weinbauregionen und kulturelle Faktoren

Resultate

Unsere Resultate zeigen, dass trotz der hohen Umwelt- und Gesundheitsvorteile und Kosteneinsparung beim betrieblichen Pflanzenschutz, pilzwiderstands-fähige Sorten bislang nur auf einem sehr kleinen Teil der Rebfläche vertreten sind. Zwar gaben rund 20% der befragten Weinproduzentinnen und -produzenten an, dass sie pilzwiderstandsfähige Rebsorten anbauen, dies jedoch lediglich etwa auf 1,2% der gesamten Rebfläche in 2018, diese Zahlen stiegen aber auf 40% und 4.9% in 2022.

Im Folgenden präsentieren wir 4 zentrale Ergebnisse unserer Studien:

Erstens finden wir eine essentielle Rolle der Vermarktung, wobei wir ausnutzen, dass Be-triebe ihre Reben/Weine auf unterschiedliche Arten vermarkten. Die Ergebnisse zeigen, dass Betriebe, die ihren selbstgekelterten Wein direkt an die Konsumentinnen und Konsumenten vermarkten, eine signifikant höhere Wahr-scheinlichkeit haben – zwischen 8% und 38% – pilzwiderstandsfähige Sorten anzubauen als Betriebe, die ihren Wein über den Handel verkaufen. Bei der Direktvermarktung ermöglicht der direkte Austausch zwischen Produzierenden und Konsumieren-den die bessere Vermarktung weniger bekannter Sorten, während ein solcher Kontakt im Handel kaum stattfindet.

Zweitens nutzen wir die grosse Heterogenität bezüglich Zulassung von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten in den Kantonen aus, den ein Kanton kann selbständig festlegen welche Sorten für geografischen Herkunftsbezeichnung zugelassen werden. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Zulassung zu geografischen Her-kunftsbezeichnungen mittels Labelling für die Anpflanzung von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten eine Rolle spielt. Für eine pilzwiderstandsfähige Rebsorte, die in einem Kanton für eine geschützte Herkunftsbezeichnung zugelassen ist, er-höht sich die Anbauwahrscheinlichkeit dort um etwa 2% im Vergleich zu einem Kanton, in dem sie nicht zugelassen ist. Bei traditionellen Rebsorten liegt dieser Effekt bei rund 5%. Zwar sind diese Zusammenhänge statistisch signifikant, insgesamt jedoch relativ gering ausgeprägt und allein betrachtet nicht aus-reichend, um einen substantiellen Sortenwechsel auszulösen.

Drittens zeigen die räumlichen Analysen, dass pilzwiderstandsfähige Sorten überdurchschnittlich häufig in unmittelbarer Nähe dicht besiedelter Wohngebiete sowie in Seenähe gepflanzt werden, was darauf hindeutet, dass sie bereits teilweise in gesundheitlich und ökologisch sensiblen Lagen eingesetzt werden. Allerdings lassen sich keine statistisch signifikanten Hinweise auf einen verstärk-ten Anbau in anderen potenziell relevanten Bereichen wie Wasserschutzzonen oder entlang von Flüssen und Wanderwegen feststellen.

Viertens finden wir, dass Winzerinnen und Winzer in der Schweiz die Flächen pilzwiderstandsfähiger Sorten voraussichtlich ausweiten werden. Konkret bedeu-tet dies, dass in den nächsten zehn Jahren etwa jede dritte Neupflanzung auf eine pilzwiderstandsfähige Rebsorte fallen dürfte. Speziell Betriebe, die ihr Reben gemäss integrierter Produktion bewirtschaften, gaben an, vermehrt pilzwider-standsfähige Rebsorte anzupflanzen. Dies hätte massive Reduktionen beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln im Schweizer Weinbau zur Folge.

*Autoren: Lucca Zachmann & Robert Finger (ETH Zürich). Kontakt lzachmann@ethz.ch

Projektwebseite: www.trapego.ch

Dieser Beitrag ist auch als Fact Sheet hier publiziert https://trapego.ch/de/factsheets-de/

Weiterführende Informationen und Referenzen

Kurze Lieferketten und der Anbau pilzwiderstandsfähiger Rebsorten – Agrarpolitik-Blog

Schweizer Winzerinnen und Winzer werden die Fläche von robusten Rebsorten in den nächsten 10 Jahren deutlich erhöhen – Agrarpolitik-Blog

Der Einfluss von geografischen Herkunftsbezeichnungen auf die Verwendung von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten – Agrarpolitik-Blog

Pilzwiderstandsfähige Rebsorten: Werden sie dort angebaut, wo sie Mensch und Umwelt am meisten nützen? – Agrarpolitik-Blog

Hinterlasse einen Kommentar

About Robert Finger

I am professor of Agricultural Economics and Policy at ETH Zurich. Group Website: www.aecp.ethz.ch. Private Website: https://sites.google.com/view/fingerrobert/home