Eileen Ziehmann, Lucca Zachmann, Robert Finger*
Die Reduktion von Pflanzenschutzmittelrisiken gehört zu den zentralen Zielen der Agrarpolitik in Europa und der Schweiz (Finger 2024, Möhring et al. 2025). Gerade der Weinbau steht dabei besonders im Fokus: Kaum eine andere Kultur ist so stark auf Pflanzenschutz angewiesen. Mit bis zu 12 bis 15 Anwendungen pro Jahr zählt der Rebbau zu den intensivsten Nutzern von Pflanzenschutzmitteln, ca. ein Drittel des Schweizer Pflanzenschutzmitteleinsatzes findet im Rebbau statt (Zachmann et al. 2024). Gleichzeitig ist das Potenzial zur Reduktion erheblich – und damit auch die Bedeutung des Sektors für das Erreichen politischer Umweltziele.
Vor diesem Hintergrund untersuchen wir in einer in der Fachzeitschrift Journal of Wine Economics erschienene Studie, wie Weinbaubetriebe in der Schweiz Pflanzenschutzmittelreduktion konkret umsetzen. Statt einzelne Massnahmen isoliert zu betrachten, richtet sich unser Blick auf ganze Strategien, also auf die Kombination verschiedener Massnahmen im Betrieb. Diese Perspektive ist entscheidend, denn nachhaltiger Pflanzenschutz entsteht selten durch eine einzelne Massnahme, sondern durch das Zusammenspiel vieler Ansatzpunkte. Das widerspiegelt das Prinzip der ‘many small hammers’ im integrierten Pflanzenschutz (Finger et al. 2024).
Die Studie basiert auf einer umfangreichen Befragung von 436 Weinbaubetrieben in der Schweiz im Jahr 2022 (Zachmann et al. 2023), von denen wir die 313 nicht biologisch produzierenden Betriebe für die Analyse berücksichtigt wurden. Insgesamt wurden 21 verschiedene Massnahmen zur Pflanzenschutzmittelreduktion untersucht. Diese reichen von Instrumenten wie Entscheidungsunterstützungssystemen über präventive Massnahmen und die Förderung von Nützlingen bis hin zu strukturellen Veränderungen wie dem Einsatz pilzwiderstandsfähiger Rebsorten oder mechanischer Unkrautbekämpfung.
Ein zentrales Ergebnis der Analyse ist, dass Betriebe Massnahmen zur Pflanzenschutzmittelreduktion keineswegs zufällig kombinieren. Vielmehr zeigen sich klare Muster. Insbesondere Massnahmen, die wenig zusätzliche Arbeit oder Investitionen erfordern, werden häufig gemeinsam genutzt. Dazu zählen etwa digitale Entscheidungsinstrumente oder präventive Verfahren. Diese lassen sich relativ einfach in bestehende Betriebsabläufe integrieren und ergänzen sich gut.
Im Gegensatz dazu werden arbeits- oder kapitalintensive Massnahmen deutlich seltener Bestandteil solcher Bündel. Praktiken wie mechanische Unkrautbekämpfung oder das Entfernen befallener Pflanzenteile sind oft mit erheblichen zusätzlichen Aufwänden verbunden und werden daher eher einzeln umgesetzt. Die Ergebnisse zeigen damit deutlich, dass betriebliche Ressourcen – insbesondere Arbeit und Kapital – eine zentrale Rolle für die Umsetzung integrierter Pflanzenschutzstrategien spielen.
Einige Kombinationen treten besonders häufig auf, obwohl sie durchaus anspruchsvoll in der Umsetzung sind. Ein Beispiel ist die Kombination von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten mit der Förderung von Nützlingen. Solche Kombinationen deuten auf komplementäre Effekte hin: Einzelne Massnahmen verstärken sich gegenseitig und erhöhen gemeinsam ihre Wirksamkeit.
Abbildung 1 gibt einen Überblick über die gemeinsame Nutzung verschiedener Strategien.
Abbildung 1: Was wird miteinander kombiniert? Kontingenzdiagramm für alle Massnahmen und Technologien im Datensatz.

Hinweis: Die Abbildung zeigt Zusammenhänge zwischen den Massnahmen auf einem Signifikanzniveau von 1 %. Blau steht für positive und Orange für negative Zusammenhänge, wobei die Kreisgrösse die Stärke des Zusammenhangs angibt. Die Massnahmen sind wie folgt gruppiert: Massnahmen zur Reduzierung des Einsatzes von Fungiziden (blau), Massnahmen zur Reduzierung des Einsatzes von Herbiziden (grün), Massnahmen zur Reduzierung des Einsatzes von Insektiziden (gelb) und Technologien zur präzisen Ausbringung (grau). Beachten Sie, dass die Zusammenhänge in beide Richtungen dargestellt sind, d. h. die Gesamtzahl der Zusammenhänge einer Massnahme mit einer anderen ist die Summe der horizontalen und vertikalen Zusammenhänge in der Matrix.
Die Bedeutung dieser Zusammenhänge wird besonders deutlich, wenn man die identifizierten Strategietypen betrachtet. Wir gehen dafür über den Zusammenhang zwischen 2 Massnahmen hinaus und identifizieren Cluster. Mithilfe einer Clusteranalyse identifizieren wir, dass es zwei Gruppen von Betrieben gibt, die sich in ihrem Umgang mit Pflanzenschutzmittelreduktion deutlich unterscheiden. Etwa die Hälfte der Betriebe verfolgt eine umfassendere Strategie und setzt eine grössere Bandbreite an Massnahmen ein. Diese Gruppe wird als „High-IPM“-Betriebe bezeichnet, da sie sich stärker an den Prinzipien des integrierten Pflanzenschutzes orientiert. Die andere Hälfte, die sogenannten „Low-IPM“-Betriebe, setzt deutlich weniger alternative Massnahmen ein und verlässt sich stärker auf konventionelle Pflanzenschutzmittel. Abbildung 2. Zeigt die in den Clustern genutzten Strategien.
Abbildung 2. Einführung von Strategien zur Reduzierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes in beiden Clustern.

Auffällig ist, dass sich diese beiden Gruppen nicht primär regional unterscheiden, sondern vielmehr durch betriebliche und persönliche Merkmale (siehe auch Abbildung 3). Betriebe, die ihre Produkte selbst vermarkten – also Wein statt Trauben verkaufen – sind häufiger in der Gruppe der High-IPM-Betriebe zu finden. Dies könnte darauf hindeuten, dass eine stärkere Marktintegration oder ein direkter Kontakt zu Konsumentinnen und Konsumenten die Bereitschaft erhöht, umweltfreundlichere Praktiken anzuwenden (Finger et al. 2023).
Auch Ausbildung und Information spielen eine wichtige Rolle. Winzerinnen und Winzer mit landwirtschaftlicher Ausbildung oder mit aktivem Zugang zu Beratung und wissenschaftlichen Informationen setzen häufiger auf vielfältige Massnahmen zur Pflanzenschutzmittelreduktion. Gleichzeitig zeigt unsere Analyse, dass Wissen allein nicht ausreicht. Persönliche Einstellungen und Verhaltensmerkmale sind ebenfalls entscheidend. Dazu zählen etwa Risikoeinstellungen, Zukunftsorientierung oder das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Abbildung 3. Unterschiede zwischen den Clustern hinsichtlich der Merkmale der landwirtschaftlichen Betriebe und der Landwirte, der Verhaltensfaktoren und der Umwelteinflüsse.

Hinweis: Die Abbildung zeigt die relativen Unterschiede zwischen den Variablenwerten für beide Cluster, nicht die absoluten Variablenwerte. Dabei steht der äussere Rand des Diagramms für den Wert 1, während der Kern den Wert 0 darstellt. Diese Skalierung ist angemessen, da die meisten Variablen im Datensatz binärer Natur waren (1 = ja/Anwendung, 0 = nein/keine Anwendung). Kontinuierliche Variablen (z. B. Betriebsgrösse, Arbeitskräfte, Alter) wurden skaliert, um der 0-1-Skala des Diagramms zu entsprechen
Diese Ergebnisse haben wichtige Implikationen für die Agrarpolitik. Erstens wird deutlich, dass Förderinstrumente stärker auf ganze Massnahmenbündel ausgerichtet werden sollten, anstatt nur einzelne Praktiken zu unterstützen. Zweitens erfordert die grosse Heterogenität der Betriebe eine gezieltere Ansprache verschiedener Gruppen. Während einige Betriebe bereits intensiv auf nachhaltige Strategien setzen, benötigen andere gezielte Anreize und Unterstützung, um ihre Praktiken umzustellen.
Drittens unterstreichen die Ergebnisse die Bedeutung von Wissenstransfer und Beratung. Der Zugang zu relevanten Informationen und der Austausch zwischen Betrieben können entscheidend dazu beitragen, Unsicherheiten zu reduzieren und die Umsetzung komplexerer Strategien zu erleichtern. Schliesslich zeigt die Studie, dass auch „weiche“ Faktoren wie Einstellungen, Ziele und Selbstverständnis eine Rolle spielen – und damit Aspekte, die sich nicht allein durch finanzielle Anreize beeinflussen lassen.
Insgesamt macht die Studie deutlich, dass die Transformation hin zu einem nachhaltigeren Pflanzenschutz im Weinbau (und darüber hinaus) vor allem als systemische Aufgabe verstanden werden muss. Es geht nicht um die isolierte Einführung einzelner Massnahmen, sondern um die Entwicklung integrierter Strategien, die ökonomisch tragfähig und agronomisch wirksam sind.
Studie: Ziehmann, E., Zachmann, L., & Finger, R. (2026). Patterns and clusters of pesticide reduction strategies in Swiss viticulture. Journal of Wine Economics. Open Access: https://doi.org/10.1017/jwe.2026.10118
Autoren: Eileen Ziehmann, Lucca Zachmann, Robert Finger (alle ETH Zürich). Kontakt: rofinger@ethz.ch
Referenzen
Finger, R., Zachmann, L., & McCallum, C. (2023). Short supply chains and the adoption of fungus‐resistant grapevine varieties. Applied Economic Perspectives and Policy, 45(3), 1753-1775. https://doi.org/10.1002/aepp.13337
Finger, R. (2024). Europe’s ambitious pesticide policy and its impact on agriculture and food systems. Agricultural Economics, 55(2), 265-269. https://doi.org/10.1111/agec.12817
Finger, R., Sok, J., Ahovi, E., Akter, S., Bremmer, J., Dachbrodt-Saaydeh, S., … & Möhring, N. (2024). Towards sustainable crop protection in agriculture: A framework for research and policy. Agricultural Systems, 219, 104037. https://doi.org/10.1016/j.agsy.2024.104037
Möhring, N., Ba, M. N., Braga, A. R. C., Gaba, S., Gagic, V., Kudsk, P., … & Finger, R. (2025). Expected effects of a global transformation of agricultural pest management. Nature Communications, 16(1), 10901. https://www.nature.com/articles/s41467-025-66982-4
Zachmann, L., McCallum, C., & Finger, R. (2023). Data on Swiss grapevine growers’ production, pest management and risk management decisions. Data in Brief, 51, 109652.
Zachmann, L., McCallum, C., & Finger, R. (2024). Determinants of the adoption of fungus-resistant grapevines: Evidence from Switzerland. Journal of Wine Economics, 19(3), 232-264. https://doi.org/10.1017/jwe.2023.36
Ziehmann, E., Zachmann, L., & Finger, R. (2026). Patterns and clusters of pesticide reduction strategies in Swiss viticulture. Journal of Wine Economics. Open Access: https://doi.org/10.1017/jwe.2026.10118