Wie lassen sich die Risiken durch Pestizide in der Schweizer Landwirtschaft verringern? Eine Bewertung verschiedener politischer Massnahmen

Milena Wiget & Judith Lienert*

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse über Rückstände von Pflanzenschutzmitteln (PSM) in Gewässern und deren negative Auswirkungen auf Mensch und Umwelt haben in der Schweiz eine intensive Debatte über geeignete politische Maßnahmen zur Reduktion von Risiken ausgelöst. Effektive Maßnahmen zu finden, ist komplex: Es gibt viele Akteure, Ziele, Zielkonflikte und Unsicherheiten zu berücksichtigen. Die Präferenzen der Akteure bezüglich der Zielerreichung divergieren. Politische Instrumente können unterschiedlich kombiniert werden. Die Konsequenzen, wie gut ein Ziel durch ein Maßnahmenpaket erreicht wird, können zudem sehr unsicher sein. In einer Studie (Wiget und Lienert 2026) haben wir verschiedene Maßnahmenpakete analysiert. Wir konnten eine Kombination politischer Instrumente identifizieren, die trotz unterschiedlicher Präferenzen und unsicherer Konsequenzen für alle involvierten Akteure gut abschneidet.

Eckdaten der Studie

In der Studie haben wir insgesamt sieben Massnahmenpakete anhand einer multikriteriellen Entscheidungsanalyse analysiert und bewertet – eines, das die aktuellen Massnahmen abdeckt, sowie sechs weitere neue Pakete. Jedes Massnahmenpaket kombinierte zwei bis drei regulatorische oder marktwirt-schaftliche Instrumente. Die neu zusammengestellten Pakete deckten je eine etwas andere Pflanzenschutz- resp. Risikoreduktionstrategie ab. Eines sah zum Beispiel eine Subventionierung von Agrartechnologie wie Jätrobotern und neuer Spritztechnik vor. Ein anderes wollte den Anbau resistenter Sorten durch die Unterstützung von Branchenvereinbarungen fördern. PSM-Anwendungsrestrik-tionen in Kombination mit angepassten Anforderungen hinsichtlich der visuellen Qualität landwirtschaftlicher Produkte wurden auch analysiert. Wiederum ein anderes Paket wollte die Errichtung von Feldinfrastruktur für den geschützten Anbau erleichtern. Es gab ein Massnahmenpaket, das Prozesse optimieren und entsprechend den PSM-Zulassungsprozess anpassen und eine risiko-basierte Lenkungsabgabe einführen wollte. Auch ein Verbot chemisch-synthetischer PSM in Kombination mit einem verbesserten Grenzschutz zur Förderung des bio-logischen Pflanzenschutzes in der Schweiz wurde bewertet. Ziel war es, ein möglichst breites Spektrum an Strategien abzudecken und unterschiedlichste Kombinationen zu analysieren.

Die Bewertung eines Massnahmenpakets ergab sich einerseits aus wissen-schaftlichen Erkenntnissen und Einschätzungen darüber, wie gut verschiedene Ziele erreicht wurden und wie unsicher diese Zielerreichung ist. Die Konsequen-zen der Massnahmenpakete für insgesamt 16 verschiedene Ziele wurden in Experteninterviews ermittelt. Die politischen Massnahmen sollten nicht nur die Gesundheit von Anwenderinnen und Konsumenten schützen und die Umweltrisiken zu Land und zu Wasser reduzieren, sondern auch die agrarökonomische Produktivität sicherstellen. Gleichzeitig galt es, die externen Kosten für die Gesellschaft möglichst gering zu halten und Innovation im Pflanzenschutz zu fördern. Andererseits wurden die Präferenzen von relevanten Akteuren in die Bewertung der Massnahmenpakete einbezogen. Diese spiegeln die Prioritäten und Werte von Akteuren wider. Prioritäten bestimmen, welches Ziel in einem Zielkonflikt Vorrang hat. Werte zeigen an, wie ein Akteur die Erreichung eines bestimmten Ziels und somit den Nutzen eines Maßnahmenpakets und seine Konsequenzen grundsätzlich beurteilt. Wir haben die Präferenzen von drei Akteursgruppen in einem Workshop erhoben und dabei auch die Unsicherheit von Konsequenzen mitberücksichtigt (Abbildung 1). Für unsere Analyse teilten wir mit Hilfe einer sozialen Netzwerkanalyse alle relevanten Akteure in drei Gruppen mit ähnlichen Präferenzen ein. Zusammen decken diese Akteurs-gruppen das gesamte Präferenzspektrum in der Schweiz ab. Als relevant wurden Akteure definiert, die vom Feld bis auf den Teller Einfluss auf den Pflanzenschutz in der Landwirtschaft und auf die damit verbundenen politischen Entscheidungen  in  der  Schweiz  nehmen.  Zu  ihnen  gehörten  politische  Parteien,  die Landesregierung, Bundesämter, Berufs- und Industrieverbände, der Großhandel, Verbraucher- und Umweltschutzorganisationen, wissenschaftliche Institute so-wie die landwirtschaftliche Beratung.

Resultate

Unsere Ergebnisse zeigen, dass die sieben untersuchten Massnahmenpakete für die verschiedenen Akteure unterschiedlich gut abschneiden. Trotzdem scheint ein Paket vielversprechend zu sein. Es kombiniert eine risikobasierte Lenkungsabgabe auf die Anwendung von PSM mit einer Anpassung des Zulassungs-prozesses. Letzterer würde mehr Ressourcen erhalten und die Kriterien für die Zulassung biologischer PSM würden angepasst werden. Diese Kombination erzielte über alle Massnahmenpakete hinweg und für alle Akteure eine relativ gute Bewertung. Das Massnahmenpaket wurde den sehr unterschiedlichen Präferenzen der Akteursgruppen am besten gerecht. Im Vergleich zu anderen Paketen wurde dieses auch weniger stark durch Unsicherheiten darüber, wie gut bestimmte Ziele wie zum Beispiel die Reduzierung von Umweltrisiken oder die Erhöhung des Selbstversorgungsgrads erreicht wurden, beeinflusst. Interessanterweise wurden die in diesem Paket kombinierten politischen Instrumente einzeln in früheren Debatten oft sehr kritisch beurteilt, insbesondere die risikobasierte Lenkungsabgabe.

Abbildung 1 Präferenzen der drei identifizierten Akteursgruppen («Umwelt», «Mensch» und «Landwirt-schaft»), welche widerspiegeln, wie die Akteure in den Gruppen Gesundheitsziele (rot), Umweltziele (grün), landwirtschaftliche Ziele (gelb) und gesellschaftliche Ziele (blau) priorisieren. Die Summe aller Gewichtungen (y-Achse) der Ziele (x-Achse) pro Akteursgruppe ergibt 1

Unser Ergebnis verdeutlicht, dass der Fokus auf mehrere Ziele und Instrument-kombinationen zu überraschenden Resultaten führen kann. Debatten, die sich bisher auf einzelne Instrumente und deren Auswirkungen auf individuelle Ziele konzentrierten, könnten durch diese Perspektive neue Denkanstöße erhalten. Unsere Studie zeigt auch, dass die Bewertung der Massnahmenpakete viel sen-sibler auf die Präferenzen der Akteure reagiert als auf unsichere Konsequenzen.

Tabelle 1: Resultat der multikriteriellen Entscheidungsanalyse. Auswahl vier interessanter Massnah-menpakete (E, B, I, V), ihrer Zusammensetzung (Instrumente), ihrer Konsequenzen (farbige Zeilen) und ihrer Bewertung für drei Akteursgruppen relativ zueinander (Rang 1 = beste Bewertung).

Die Präferenzen der Akteure spielen demnach eine entscheidende Rolle bei der Beurteilung politischer Massnahmen. Heute besteht der Anspruch, dass Vorher-sagemodelle immer genauer werden und die Konsequenzen politischer Mass-nahmen besser vorhersagen. Solche Modelle werden dadurch zunehmend kom-plexer. Bei der Bewertung politischer Massnahmen wird jedoch oft vergessen, dass die Präferenzen von Akteuren voneinander abweichen und die Konsequenzen der Massnahmen von Akteuren unterschiedlich bewertet werden können. Gerade im politischen Kontext, in dem politische Massnahmen von zahlreichen Akteuren mit unterschiedlichen Ansichten getragen werden müssen, sollten Präferenzen deshalb unbedingt bei der Bewertung von Massnahmenpaketen berücksichtigt werden.

*Autorinnen: Milena Wiget & Judith Lienert (EAWAG). Kontakt: milena.wiget@eawag.ch

Studie: Wiget, M., & Lienert, J. (2026). How to reduce agricultural pesticide risks? An evaluation of policy mixes considering stakeholder preferences and uncertain consequences. Agricultural Systems, 1-22. https://doi.org/10.1916/j.agsy.2026.104735

Weitere Literatur: Wiget, M. (2024). Does (dis)agreement reflect beliefs? An analysis of advocacy coalitions in Swiss pesticide policy. European Policy Analysis, 10(4): 488-514. https://doi.org/10.1002/epa2.1219 ; Wiget, M., Lienert, J., & Ingold, K. (2025). Understanding policy instrument preferences under conflicting beliefs and uncertainty. Journal of Public Policy. https://doi.org/10.1017/S0143814X25100664

Projekt: https://trapego.ch/de/

Hinterlasse einen Kommentar

About Robert Finger

I am professor of Agricultural Economics and Policy at ETH Zurich. Group Website: www.aecp.ethz.ch. Private Website: https://sites.google.com/view/fingerrobert/home