Management von Wetterrisiken in der Landwirtschaft – von der Risikobeurteilung hin zu einer verbesserten Versicherbarkeit

Janic Bucheli.1 Dieser Blogbeitrag fasst die Dissertation von Janic Bucheli «Managing weather risks in agriculture – from risk assessment to improved insurability»2 zusammen. Janic Bucheli schrieb seine Dissertation in der Gruppe für Agrarökonomie- und Politik der ETH Zürich und schloss sie im Dezember 2022 ab.

Wetterrisiken wie anhaltende Dürre- oder Hitzeperioden stellen die Landwirtschaft vor grosse Herausforderungen, da sie zu erheblichen Schwankungen im landwirtschaftlichen Einkommen führen können. Der fortschreitende Klimawandel verstärkt den vielseitigen Einfluss solcher Wetterrisiken und erhöht dadurch die Notwendigkeit das betriebliche Management anzupassen. Versicherungen können dabei eine wesentliche Rolle spielen und betriebliche Massnahmen komplementieren. Der Nutzen einer Wetterversicherung (z.B. wie effektiv und effizient Landwirte vor Risiken und Einkommensschwankungen geschützt werden) hängt hierbei unter anderem vom Versicherungsdesign ab, welches auf einer Risikobeurteilung des zu versichernden Wetterrisikos aufbauen sollte.

Diese Dissertation trägt zu einem verbesserten Management von Wetterrisiken in der europäischen Landwirtschaft bei, indem spezifische Wettereffekte auf die Landwirtschaft geschätzt und deren Versicherbarkeit verbessert werden. Die Dissertation beinhaltet insgesamt 6 wissenschaftliche Artikel. Dabei beinhalten die beiden ersten Artikel grundlegende Risikobeurteilungen zu i) dem Einfluss von Regen auf die preisbildende Weizenqualität und ii) dem Effekt von Hitze auf ökonomisch relevante Kennzahlen in der Milchproduktion. Der dritte Artikel schlägt ein verbessertes Design für indexbasierte Hitzeversicherungen vor, um deren Attraktivität im betrieblichen Risikomanagement zu erhöhen. Der vierte Artikel bietet einen Überblick über bestehende Versicherungslösungen in Europa und fasst aktuelle Trends in europäischen Versicherungsmärkten zusammen. Zusätzlich befinden sich im Appendix zwei weitere veröffentlichte Artikel3,4,5,6, die sich mit einem verbesserten Design von indexbasierten Dürreversicherungen befassen. Auf diese wird hier jedoch nicht weiter eingegangen.

Der erste Artikel schätzt den Effekt von Niederschlag auf das Risiko einer Deklassierung im Weizenanbau aufgrund mangelnder Backqualität und simuliert Umsatzrückgänge basierend auf der resultierenden Preisreduktion. Hierfür werden langjährige Daten aus der schweizerischen Sortenversuchsprüfung vom Kompetenzzentrum für landwirtschaftliche Forschung (Agroscope) verwendet. Die Resultate zeigen, dass jeder zusätzliche Millimeter Regen 31 Tage vor der Ernte das Risiko einer Deklassierung um durchschnittlich 0.1 Prozentpunkte erhöht und die Umsätze aufgrund einer Deklassierung um bis zu 1’445 Schweizer Franken pro Hektar (rund einen Drittel) abnehmen. Dies veranschaulicht, dass Wetterrisiken die Umsätze nicht nur durch die Erntemenge, sondern auch durch die Erntequalität, beeinflussen können.

Im zweiten Artikel7,8 werden mögliche Hitzeeffekte auf Milchumsätze, Veterinärkosten und Futtermittelkäufe unter Berücksichtigung möglicher Anpassungen des Managements geschätzt. Hierzu werden langjährige Buchhaltungsdaten aus der Schweiz verwendet und in einem statistischen Model mit feinskalierten Wetterdaten verbunden. Die Resultate zeigen, dass Hitze im Schnitt keinen signifikanten Effekt auf Milchumsätze, Veterinärkosten und Futtermittelzukäufe in der Schweiz hat, obwohl Schweizer Milchbetriebe regelmässig Hitze ausgesetzt sind, welche in anderen Studien als schädlich ermittelt wurde. Folglich bietet dieser Artikel einen spannenden Kontrast zur bisherigen Literatur und impliziert, dass Schweizer Milchbetriebe robust gegenüber aktuellem Hitzestress sind.

Der dritte Artikel9,10 schlägt ein neues Versicherungsdesign für indexbasierte Hitzeversicherungen vor, um deren Attraktivität und Potential zur Risikoreduktion zu steigern. Bei einer solchen indexbasierten Versicherung hängt die Auszahlung lediglich von einer gemessenen Wettervariable (z.B. Temperatursumme) ab und wird folglich nicht vor Ort auf dem Feld geschätzt. Dies bietet zahlreiche Vorteile, aber birgt die Gefahr, dass die Auszahlung nicht dem tatsächlichen Schaden entspricht. Diese Gefahr wird Basisrisiko genannt. Das hier vorgeschlagene Versicherungsdesign kann das Basisrisiko reduzieren, indem es nicht-lineare Temperatureffekte auf den Verlust der Erntemenge mittels neuster statistischer Methoden schätzt, tägliche Temperaturschwankungen berücksichtigt und sich selbst basierend auf historischen Temperatur- und Ertragsdaten kalibriert. In einem ersten Teil bietet der Artikel die mathematischen Grundlagen für das neue Versicherungsdesign und simuliert anschliessend Risikoreduktionspotentiale für 88 Weizen- und/ oder Rapsproduzenten in den östlichen Bundesländern Deutschlands. Dabei wird gezeigt, dass dieses neue Versicherungsdesign, das lediglich Hitzestress deckt, das Risiko für den einzelnen Landwirten unter der Annahme einer aktuarisch fairen Prämie und moderater Risikoaversion im Median um 20% senkt. Somit bietet dieses Design eine attraktive Möglichkeit, um bisher kaum versicherbare Hitzerisiken zu reduzieren.

Der vierte Artikel bietet einen strukturierten Überblick über aktuelle Wetterversicherungen in Deutschland, Frankreich, Italien, der Schweiz, und Spanien und fasst aktuelle Lücken und trends zusammen. Basierend auf einer systematischen Datenerhebung kann gezeigt werden, dass es in diesen Versicherungsmärkten eine grosse Diversität bezüglich Marktkonzentrationen, Produktangeboten, und politischen Marktinterventionen gibt. Die meisten Wetterrisiken sind versicherbar, aber es bestehen einzelne Versicherungslücken (z.B. Überschwemmungen sind in Deutschland nicht gedeckt) und Dürre- sowie Hitzerisiken sind in Anbetracht ihrer ökonomischen Relevanz untervertreten. Die meisten Versicherungsprodukte ermitteln Schäden direkt vor Ort, aber auch indexbasierte Produkte werden zunehmend angeboten und können von wissenschaftlichen Erkenntnissen bezüglich Versicherungsdesign profitieren. Es gibt verschiedene politische Marktinterventionen, wobei der Fokus auf Prämiensubventionen wächst. Diese Markinterventionen sollten auf andere politische Zielgrössen abgestimmt werden und den Übergang hin zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft fördern.

Zusammenfassend erweitert diese Dissertation die bisherige Literatur, indem neue Wettereffekte geschätzt, Versicherungsdesigns verbessert und aktuelle Markttrends zusammengefasst werden. Dies bietet entscheidende Informationen für landwirtschaftliche Betriebe, Versicherungen, Politik und andere Akteure in der Lebensmittelproduktion. So konnte gezeigt werden, dass Wetterrisiken nicht nur die Ertragsmenge sondern auch die preisrelevante Erntequalität negativ beeinflussen können und Anpassungen des betrieblichen Managements negative Auswirkungen mindern können. Wo solche Anpassungen nicht möglich sind, können Versicherungen zur Risikoreduktion beitragen. Indexbasierte Versicherungslösungen können insbesondere für Hitze und Dürren einen wesentlichen Beitrag zur Risikoreduktion leisten, brauchen hierfür aber ein Versicherungsdesign, das Wettereffekte auf die finanziellen Verluste akkurat widerspiegelt. Ein solches Design benötigt, wie auch eine zugrundeliegende Beurteilung eines Wetterrisikos, grosse Datensätze von hoher Qualität. Daher sollte die Politik die öffentliche Bereitstellung solcher Datensätze und wissenschaftlicher Forschung fördern und die Effekte weiterer Marktinterventionen auf verschiedenste politische Ziele berücksichtigen.

1 Janic Bucheli war Doktorand der Agrarökonomie- und Politik Gruppe der ETH Zürich.

2 Link zur Dissertationsschrift: Janic Bucheli. (2022). Managing weather risks in agriculture – From risk assessment to improved insurability. https://doi.org/10.3929/ethz-b-000586214

3 Bucheli, J., Dalhaus, T., & Finger, R. (2021). The optimal drought index for designing weather index insurance. European Review of Agricultural Economics, 48(3), 573-597. https://doi.org/10.1093/erae/jbaa014

4 Bucheli, J., Dalhaus, T., & Finger, R. (2020). Optimale Dürreindikatoren für wetterbasierte Indexversicherungen. Beitrag im Agrarpolitikblog vom 22.09.2020. https://agrarpolitik-blog.com/2020/09/22/optimale-durreindikatoren-fur-wetterbasierte-indexversicherungen/

5 Vroege, W., Bucheli, J., Dalhaus, T., Hirschi, M., & Finger, R. (2021). Insuring crops from space: the potential of satellite-retrieved soil moisture to reduce farmers’ drought risk exposure. European Review of Agricultural Economics, 48(2), 266-314. https://doi.org/10.1093/erae/jbab010

6 Vroege, W., Bucheli J., Dalhaus, T., Hirschi, M., & Finger, R. (2021). Insuring crops from space: Das Potential satellitengestützter Bodenfeuchteinformationen für Agrarversicherungen. Beitrag im Agrarpolitikblog vom 22.02.2021. https://agrarpolitik-blog.com/2021/02/22/insuring-crops-from-space-das-potenzial-satellitengestutzter-bodenfeuchteinformationen-fur-agrarversicherungen/

7 Bucheli, J., Uldry, M., & Finger, R. (2022). Heat risks in Swiss milk production. Journal of the Agricultural and Applied Economics Association, 1(3), 304-319. https://doi.org/10.1002/jaa2.24

8 Bucheli, J., Uldry, M., & Finger, R. (2022). Ökonomische Auswirkungen von Hitzestress in der Schweizer Milchproduktion. Beitrag im Agrarpolitikblog vom 07.09.2022. https://agrarpolitik-blog.com/2022/09/07/okonomische-auswirkungen-von-hitzestress-in-der-schweizer-milchproduktion/

9 Bucheli, J., Dalhaus, T., & Finger, R. (2022). Temperature effects on crop yields in heat index insurance. Food Policy, 107, 102214. https://doi.org/10.1016/j.foodpol.2021.102214

10 Bucheli, J., Dalhaus, T., & Finger, R. (2022). Hitzestress besser versichern. Beitrag im Agrarpolitikblog vom 26.04.2022. https://agrarpolitik-blog.com/2022/04/26/hitzestress-besser-versichern/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

About Robert Finger

I am Agricultural Economist and head of the Agricultural Economics and Policy Group at ETH Zurich. Group Website: www.aecp.ethz.ch. Private Website: https://sites.google.com/view/fingerrobert/home