Artenvielfalt im Bestand und in der Umgebung bedeutsam für viele Ökosystemleistungen des Graslands

Von Valentin Klaus1 Von den Ökosystemleistungen des landwirtschaftlich genutzten Graslands profitieren wir alle, denn sauberes Wasser, ein attraktives Landschaftsbild, Kohlenstoffspeicherung und vieles mehr sind für die gesamte Gesellschaft höchst wichtig. Die Pflanzendiversität kann viele dieser Leistungen fördern.

Zahlreiche Studien zeigen einen Zusammenhang vieler Ökosystemleistungen mit der lokalen Artenvielfalt. Saatmischung mit unterschiedlichen Arten unterstützen beispielsweise zahlreiche Ökosystemleistungen von Kunstwiesen (Suter et al. 2021). In Dauergraslandbeständen hingegen, die nicht durch Ansaat entstandenen sind, ist die Bedeutung der Artenvielfalt für Ökosystemleistungen weniger erforscht (Klaus et al. 2020). Dies hat sich nun geändert.

Ein internationales Team um die Frankfurter Forscher:innen Dr. Gaëtane Le Provost und Dr. Peter Manning vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum hat untersucht, wie wichtig die Artenvielfalt auf Ebene des Graslandbestands und in der näheren Umgebung für gesellschaftlich relevante Ökosystemleistungen ist (Le Provost et al. 2022). Dabei wurden insgesamt 16 Ökosystemleistungen betrachtet – von Ertrag und Futterqualität über regulierende Funktionen bis hin zu kulturellen Leistungen (Tabelle 1).

Tabelle 1. Die 16 in der Studie von Le Provost et al. (2022) untersuchten Ökosystemleistungen des Dauergraslands.

Um ein genaueres Bild der Beziehung von Biodiversität und Ökosystemleistungen zu erhalten, wurden landwirtschaftlich genutzte Wiesen- und Weideflächen in drei Regionen Deutschlands untersucht. Dafür werteten die Forscher:innen Daten aus, die im Zeitraum 2006 bis 2018 im Projekt „Biodiversitäts-Exploratorien“ (Fischer et al. 2010) erhoben wurden. Die 150 untersuchten Graslandparzellen unterschieden sich dabei in ihrer Nutzungsintensität, also in der Anzahl von Schnitten, der Intensität der Beweidung und der Menge an ausgebrachten Düngern. Mit der Nutzungsintensität variierte auch die Artenvielfalt der Pflanzen, so dass sowohl artenreiche ungedüngte Wiesen und Weiden wie auch gedüngte mittelintensive und intensive Parzellen mit wenigen, aber dafür sehr produktiven Arten, untersucht wurden.

Zusätzlich wurde die Bedeutung der 16 verschiedene Ökosystemleistungen von verschiedenen lokalen Interessengruppen bewertet (Le Provost et al. 2022), um die Ergebnisse der Studie direkt mit dem aus der Artenvielfalt resultierenden gesellschaftlichen Nutzen zu verbinden. So wurden unter anderem Anwohner:innen als auch Vertreter:innen von Naturschutzorganisationen sowie der Agrar- und Tourismuswirtschaft zu Workshops eingeladen und dabei nach ihren Präferenzen bei den verschiedenen Ökosystemleistungen befragt. So konnte festgelegt werden, welche der Leistungen mehr und welche weniger wichtig sind für die lokalen Akteure.

Besonders interessant an der vorliegenden Studie ist, dass nicht nur der Einfluss der lokalen Pflanzendiversität, also der Vielfalt der Pflanzen im jeweils untersuchten Graslandbestand, sondern auch die Pflanzendiversität in der jeweiligen Umgebung studiert wurde. Hierfür wurde in einem Radius von 75 m um die Mitte jeder Untersuchungsfläche die Vielfalt der Pflanzen in allen Lebensräumen und Nutzungstypen bestimmt (Abbildung 1). Es zeigte sich, dass die Pflanzenvielfalt sowohl des Bestands wie auch der direkten Umgebung wichtig für viele Ökosystemleistungen ist (Le Provost et al. 2022).

Abbildung 1. Die in der Studie von Le Provost et al. (2022) in den unterschiedlichen Skalen erhobenen Daten, von Plot über Feld bis Landschaft. Beispielluftbild mit Copyright von geo.admin.ch

Insbesondere kulturelle und oberirdische regulierenden Leistungen wie eine natürliche Schädlingsbekämpfung standen im engen Bezug zur Pflanzenvielfalt. Die Vielfalt der Pflanzen in der Umgebung hatte dabei sowohl einen direkten Effekt auf diese Ökosystemleistungen, vermutlich durch das Lebensraumangebot für beispielsweise Nützlinge, als auch einen indirekten Effekt, indem sie die Artenvielfalt auf Parzellenebene förderte. Die Produktivität der Graslandbestände, erfasst durch Menge und Qualität des Futterertrags, und unterirdische regulierende Funktionen wie etwa Nährstoffretention wurden hingegen stärker durch die Nutzungsintensität der Wiesen und Weiden bestimmt, und weniger durch die Artenvielfalt. Da aber alle Interessensgruppen die Förderung einer Vielzahl unterschiedlicher Ökosystemleistungen gefordert hatten, war die Pflanzenvielfalt für jede Gruppe von grosser oder mittlerer Bedeutung (Le Provost et al. 2022).

Die Studie zeigt also, dass nicht nur eine hohe Artenvielfalt im Bestand, sondern auch im weiteren Umkreis einen Nutzen für unterschiedliche lokale Akteur:innen bringt. Studienleiter Peter Manning betont somit in der Pressemeldung zur Studie (LINK): „Dass die Pflanzendiversität der Umgebung Einfluss auf die Bereitstellung verschiedener Ökosystemleistungen hat, ist eine wichtige Grundlage für lokale Entscheidungsträger:innen.» Die Studie ruft somit nicht nur zur Erhaltung der Biodiversität innerhalb des Graslands auf, sondern betont auch die Notwendigkeit, Biodiversität auf Landschaftsebene zu schützen und zu mehren.

1 Valentin Klaus ist tätig in der Gruppe Futterbau und Graslandsysteme bei Agroscope und in der Gruppe Graslandwissenschaften der ETH Zürich.

Referenzen

Fischer, M., Bossdorf, O., Gockel, S., Hänsel, F., Hemp, A., Hessenmöller, D., … and W. W. Weisser. 2010. Implementing large-scale and long-term functional biodiversity research: The Biodiversity Exploratories. Basic and Applied Ecology 11: 473–485.

Klaus, V. H., Whittingham, M. J., Báldi, A., Eggers, S., Francksen, R. M., Hiron, M., … and N. Buchmann. 2020. Do biodiversity-ecosystem functioning experiments inform stakeholders how to simultaneously conserve biodiversity and increase ecosystem service provisioning in grasslands? Biological Conservation 245: 108552.

Le Provost, G., Schenk, N. V., Penone, C., Thiele, J., Westphal, C., Allan, E., … and P. Manning. 2022. The supply of multiple ecosystem services requires biodiversity across spatial scales. Nature Ecology and Evolution: in press, doi: 10.1038/s41559-​022-01918-5

Suter, M., Huguenin-Elie, O., and A. Lüscher. 2021. Multispecies for multifunctions: combining four complementary species enhances multifunctionality of sown grassland. Scientific Reports 11: 1–16.

Web-Inhalte

Forschungsprojekt Biodiversitäts-Exploratorien: https://www.biodiversity-exploratories.de/

Pressemitteilung: Gut und schön: Biodiversität von Wiesen- und Weideflächen kann Gewinn für Natur, Landwirtschaft und Tourismus sein | Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung


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