Teilnahme an pestizidfreier Weizenproduktion in der Schweiz

Niklas Möhring & Robert Finger*

Wir haben eine Umfrage mit 1105 IP Suisse Weizenproduzenten durchgeführt und die Umstellung in pestizidfreie Weizenproduktion untersucht. Zum Zeitpunkt der Umfrage (Beginn 2020) nahmen 14% der Befragten am Programm teil, und weitere 44% gaben an, in Folgejahren wahrscheinlich daran teilzunehmen. Wir zeigen bestimmende Faktoren für die Teilnahme, aber auch Herausforderungen und Hindernissen für die Umsetzung der pestizidfreien Weizenproduktion auf.

Pflanzenschutz ist essenziell für die Produktion von Nahrungsmitteln in adäquater Quantität und Qualität, und damit für die Ernährungssicherheit. Jedoch hat insbesondere der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt. Die Reduktion von Risiken des Pflanzenschutzmitteleinsatzes ist daher ein wichtiges Politikziel, auch in der EU und der Schweiz (Finger, 2021, Möhring et al., 2020). So sollen in der Schweiz bis 2027 die Risiken des Pflanzenschutzmitteleinsatzes um 50% reduziert werden (BLW 2021).

Um diese ambitionierten Ziele zu erreichen, braucht es ganzheitliche Perspektiven und Massnahmen, die über Auflagen für landwirtschaftliche Betriebe hinausgehen. In einer früheren Publikation (Möhring et al. 2020) haben wir skizziert, was solch eine ganzheitliche Perspektive ausmachen kann. So ist zum Beispiel das Zusammenspiel von vorlagerten Stufen (z.B. Züchtung, Technologien), Anpassungen auf dem Betrieb (was-wann-wie und wo angebaut wird), griffigen Politikmassnahmen, aber auch Anpassungen in nachgelagerten Stufen zentral. Landwirte brauchen umsetzbare Alternativen und klare, langfristige und wirtschaftlich attraktive Anreize um diese umzusetzen.  Eine schnelle und grossflächige Umstellung hin zu neuen Produktionssystemen und deren Positionierung im Markt ist zentral, um die Risiken des Pflanzenschutzmitteleinsatzes zu reduzieren. 

Die Einführung einer grossflächigen ‘pestizidfreien’ Weizenproduktion in der Schweiz unter dem Dach von IP Suisse ist dafür ein gutes Beispiel und zeigt, dass es ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren für eine erfolgreiche Umsetzung in der Praxis braucht. Pflanzenschutzmittel werden durch eine Kombination verschiedener Massnahmen subsituiert, zum Beispiel durch die Wahl resistenter Sorten, einer angepassten Fruchtfolge, aber auch mechanischer Unkrautkontrolle. Das entstehende Produktionssystem ist zwar ‘pestizidfrei’, aber nicht ‘Bio’. So ist zum Beispiel weder der Einsatz von Kunstdünger, noch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in anderen Kulturen der Fruchtfolge eingeschränkt.

Abbildung 1. Pestizidfreie Weizenproduktion stellt Landwirte vor diverse Herausforderungen. Bildquelle: Bauernzeitung

Der Verzicht auf alle Pflanzenschutzmittel in der Weizenproduktion geht zwar mit einer Reduktion der Risiken für Mensch und Umwelt einher, hat aber auch Nachteile. Es führt oft zu reduzierten Erträgen und Mehraufwendungen für die Landwirte (z.B. für mechanische Unkrautkontrolle statt Herbizideinsatz) und damit in der Summe zu tieferen Deckungsbeiträgen (siehe z.B. Böcker et al., 2018, Möhring und Finger, 2022). Um dies zu kompensieren, werden Landwirte in dem hier untersuchten Programm finanziell entschädigt. Zum einem von Staat, mittels zusätzlicher Direktzahlungen (in Höhe von zusätzlichen 650 Fr/ha im Vergleich zu konventioneller Produktion), sowie vom Markt (in Höhe von 15 Fr/dt, d.h. einem Zuschlag von mehr als 30%, im Vergleich zu konventioneller Produktion). Seit der Anbauperiode 2019/2020 können alle IP Suisse Weizenproduzenten an diesem Programm zur pestizidfreien Produktion teilnehmen. Das Programm ergänzt dabei die bereits etablierte Extensoproduktion durch den zusätzlichen Verzicht auf Herbizide und Saatgutbeize**.

Die Migros hat sich entschieden bis 2023 für die Brot- und Backwarenproduktion nur noch Getreide aus komplett pestizidfreiem Anbau einzusetzen***. Dies bedingt die Umstellung eines grossen Teils der Schweizer Weizenproduktion auf diese pestizidfreie Produktion. Solch eine grossflächige Umstellung der Schweizer Weizenproduktion hätte einen relevanten Beitrag zur Erreichung der Reduktionsziele im Bereich der Risiken des Pflanzenschutzmitteleinsatzes. Zwar ist der Pflanzenschutzmitteleinsatz im Weizen geringer als in anderen Kulturen, aber Weizen stellt die flächenmässig grösste Ackerbaukultur und damit in der Gesamtheit einen grossen Hebel zur Zielerreichung dar.  

Abbildung 2. Die Migros hat sich entschieden bis 2023 für die Brot- und Backwarenproduktion nur noch Getreide aus komplett pestizidfreiem Anbau einzusetzen. Quelle: Migros.

Wir haben im Dezember 2019 bis Januar 2020 eine Onlineumfrage durchgeführt, um die ersten Umstellungen in diese neue pestizidfreie Produktion zu untersuchen. Ziel unserer Untersuchung ist es, bestimmende Faktoren für die  Teilnahme zu identifizieren aber auch Herausforderungen und Hindernissen für die Umsetzung der pestizidfreien Weizenproduktion in der Schweiz aufzuzeigen. Eine erste Publikation mit Ergebnissen aus dieser Umfrage wurde nun in der Fachzeitschrift Food Policy (Möhring und Finger, 2022) veröffentlicht. 

Die Umfrage wurde in der ganzen Schweiz unter allen IP Suisse Weizenproduzenten (N= 4749, davon 1105 Antworten) durchgeführt. Produzenten gaben an, ob sie auf die neue pestizidfreie Weizenproduktion umgestellt haben, oder dies in den kommenden Jahren vorhaben. Zudem wurden Details zu potenziell wichtigen Faktoren für die Umstellung, wie Eigenschaften des Betriebs und der Betriebsleiter, deren Präferenzen und deren Einschätzung des Produktionsprogramms, sowie vorhandene Kenntnisse und Maschinen zur pestizidfreien Produktion abgefragt. Diese Umfragedaten wurden mit Daten zu Klima, Bodeneigenschaften, Unkrautdruck und Herbizidresistenzen kombiniert. Mittels ökonometrischer Analysen haben wir entscheidende Faktoren für die Umstellungsbereitschaft analysiert.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass zum Zeitpunkt der Umfrage (Beginn 2020) bereits 14% der 1105 Umfrageteilnehmer an dem Programm teilnehmen, und weitere 44% sind bereit in Folgejahren daran teilzunehmen. Dabei scheint das Programm attraktiv für alle Betriebstypen zu sein: Wir finden, dass sich teilnehmende und nicht teilnehmende Betriebe nicht hinsichtlich struktureller Charakteristika des Betriebs und Betriebsleiters wie Region, Anteil Weizen, Betriebsgrösse, Alter und Ausbildung unterscheiden. Im Einklang mit den Erwartungen erhöhen ökonomische Anreize die Teilnahmebereitschaft – die Produzenten und Produzentinnen scheinen jedoch Marktkompensation (d.h. die Preisprämie der IP-Suisse) mehr zu gewichten als Direktzahlungen des Bundes.

Wichtige Determinanten für die Teilnahme sind einerseits das wahrgenommene wirtschaftliche Risiko und die Risikopräferenzen der Landwirte. Je mehr Risiko ein Produzent toleriert, desto wahrscheinlicher ist eine Teilnahme in pestizidfreier Weizenproduktion. Im Gegensatz führen grössere Erwartungen von Ertragsverluste und wahrgenommene Risiken (z.B. bzgl. Ertragsvariabilität, Investitionen etc.) zu geringer Teilnahmewahrscheinlichkeit.

Wir finden zudem, dass die Erwartung einer positiven Umweltwirkung des Programmes ein wesentlicher Faktor für die Teilnahme ist. Produzenten und Produzentinnen, die eine starke positive Umweltwirkung des Programmes erwarten nehmen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit daran teil.

Ein wesentlicher Faktor ist zudem die Verfügbarkeit von geeigneten Maschinen und die bisherige Ausrichtung der Produktion. So stellt besonders eine Kombination der pestizidfreien Weizenproduktion mit schonender Bodenbearbeitung die Produzenten vor Herausforderungen. Unsere Ergebnisse zeigen, Produzenten, die schon an Direktzahlungsprogrammen für schonende Bodenbearbeitung teilnehmen, stellen weniger wahrscheinlich auf pestizidfreie Produktion um.

Schlussfolgernd, scheint die grossflächige Etablierung des Programmes einer ‚pestizidfreien‘ Weizenproduktion realisierbar, da viele Landwirte prinzipiell interessiert sind an diesem Programm teilzunehmen. Für solch eine Umstellung sind ökonomische Anreize wichtig, so dass Produzenten ökonomisch machbare Alternativen zur bisherigen Produktionsweise haben. Darüber hinaus ist das wahrgenommene wirtschaftliche Risiko durch die Umstellung zu pestizidfreier Produktion zentral. Die grosse Heterogenität der Erwartungen von Risiken (z.B. zu Ertragseinbussen) zwischen befragten Produzenten, zeigt wie wichtig verlässliche Daten und Informationen zu Auswirkungen des Programms sind. Dabei kann zum Beispiel die Kommunikation von Erfahrungen pestizidfrei produzierender Landwirte ein effizientes Mittel sein. Darüber hinaus können Massnahmen zur Absicherung von Ertragsrisiken (z.B. gezielte Versicherungen) das Programm attraktiver zu machen. Wir zeigen zudem, auch die Quantifizierung und Kommunikation der positiven Umwelteffekte des Programms kann eine Teilnahme attraktiver machen.

Unsere Ergebnisse zeigen auch, dass es essenziell ist Trade-offs zu betrachten. Pestizidfreie Weizenproduktion kann zum Beispiel zu tieferen Erträgen führen und die Umsetzung schonender Bodenbearbeitung schwieriger machen. Solche zentralen Aspekte sollten daher quantifiziert und kommuniziert werden. Mittelfristig müssen Lösungen bereitgestellt werden, die diese Trade-offs reduzieren, oder eliminieren.

Unsere Studie unterstreicht zudem die Relevanz von Zusammenarbeit über Betriebsgrenzen hinweg. Das Teilen von Wissen, Erfahrungen aber auch Maschinen können immense Hebelwirkungen haben. Unterstützt man diese Prozesse, kann das die grossflächige Umsetzung von pestizidfreier Weizenproduktion stärken. Das Beispiel pestizidfreier Weizenproduktion zeigt zusätzlich, dass das Zusammenwirken verschiedeneren Akteure entlang der Wertschöpfungskette relevant ist. Produzenten benötigen geeignete Produktionsmöglichkeiten z.B. Sorten und Maschinen, aber auch einen stabilen und verlässlichen Rahmen, von der Verarbeitung zur Vermarktung, um langfristig ökologisch und wirtschaftlich nachhaltig zu produzieren.

In Folgestudien analysieren wir basierend auf der Befragung zudem die Rolle des Risikos und der Risikopräferenzen sowie die Rolle der Wahrnehmung von Risiken des Pflanzenschutzmitteleinsatzes für Mensch und Umwelt detaillierter. Zudem quantifizieren wir die Relevanz der Nachbarschaftseffekte für die Umstellung auf pestizidfreie Produktion. Auch wollen wir die Dynamik der Teilnahme über die Zeit analysieren.

Unsere Studie ist dabei auch über die Schweiz hinaus relevant. Produktionssysteme zwischen konventionellem und biologischem Landbau, wie die hier analysierte ‘pestizidfreie’ Weizenproduktion, gewinnen momentan in ganz Europa zunehmend an Relevanz. Die Schweiz kann hier eine Vorreiterrolle einnehmen. Zudem erlaubt eine konsequente Umsetzung und Sichtbarmachung nachhaltigerer Produktionsmethoden in der Schweiz das Schaffen von Alleinstellungsmerkmalen der Schweizer Landwirtschaft.  

*Niklas Möhring ist Fellow des Schweizer Nationalfonds am Centre d’etudes biologiques de Chizé des französischen nationalen Forschungszentrums (CNRS) Robert Finger ist an der ETH Zürich. Kontakt: Robert Finger (rofinger@ethz.ch)

**https://www.migros.ch/de/unternehmen/medien/mitteilungen/show/news/medienmitteilungen/2020/pestizidfreier-weizenanbau.html

*** Details bei IP Suisse siehe https://www.ipsuisse.ch/produzenten/pflanzenbau/#. Pestizidfreie Produktion ist  auch für andere Getreide wie Dinkel und Roggen möglich und unterstützt.

Referenzen

Bundesamt fürLandwirtschaft. Verordnungspaket Parlamentarische Initiative 19.475 ‘Das Risiko beim Einsatz von Pestiziden reduzieren’, https://www.blw.admin.ch/blw/de/home/politik/agrarpolitik/agrarpakete-aktuell.html (accessed 14 June 2021).

Böcker, T., Möhring, N., Finger, R. (2019). Herbicide free agriculture? A bio-economic modelling application to Swiss wheat production. Agricultural Systems 173, 378-392 >> https://doi.org/10.1016/j.agsy.2019.03.001

Finger, R. (2021). No pesticide free Switzerland. Nature Plants 7, 1324–1325 >> https://doi.org/10.1038/s41477-021-01009-6 (Blog : https://agrarpolitik-blog.com/2021/10/15/keine-pestizidfreie-schweiz/)

Möhring, N., Ingold, K., Kudsk, P., Martin-Laurent, F., Niggli, U., Siegrist, M., Studer, B., Walter, A., Finger, R. (2020). Pathways for advancing pesticide policies. Nature Food 1, 535–540. https://doi.org/10.1038/s43016-020-00141-4 (Blog: https://agrarpolitik-blog.com/2020/10/08/pfade-zu-einer-ganzheitlichen-pestizid-politik/

Möhring, N., Finger, R. (2022). Pesticide-free but not organic: adoption of a large-scale wheat production standard in Switzerland . Food Policy 106: 102188 https://doi.org/10.1016/j.foodpol.2021.102188 (open access)

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About Robert Finger

I am Agricultural Economist and head of the Agricultural Economics and Policy Group at ETH Zurich. Group Website: www.aecp.ethz.ch. Private Website: https://sites.google.com/view/fingerrobert/home