Was tun, wenn der Boden verschwindet?

von Adrian Müller* und Moritz Müller**. Wie wollen wir mit der nicht-erneuerbaren Ressource der entwässerten Moorböden umgehen?

Die Böden im Seeland sind fruchtbare, entwässerte Moorböden, die seit Jahrzehnten intensiv genutzt werden. Erst die Absenkung des Wasserspiegels ermöglichte diese Nutzung. Die Moorböden werden aber so der Luft ausgesetzt und oxidieren – der Torf geht als CO2 verloren. Sichtbar wird dieser Verlust über die Jahrzehnte, in dem sich der Boden 1-3 cm pro Jahr absenkt. Dasselbe Phänomen wird auch in anderen ehemaligen Moorgebieten der Schweiz, z.B. im St. Galler Rheintal oder in der Orbeebene, beobachtet.

Die Torfsackung führt zu Problemen: innerhalb weniger Jahrzehnte geht über Jahrtausende gebildeter, oft mehrere Meter mächtiger Torfboden verloren. Darunter kommt entweder guter, fruchtbarer Mineralboden oder schlechtes Material wie z.B. Seekreide oder Ton – im Volksmund oft „Lätt“ genannt – zum Vorschein. Die Landwirte wissen oft nicht, was unter ihren Torfböden liegt und welche Kulturen nach deren Verschwinden noch angebaut werden können. Gleichzeitig bedeutet dieser Verlust hohe CO2-Emissionen. Ohne grundlegende Änderung wird aus den entwässerten Moorböden ein Zehntel der Treibhausgase ausgestossen, welche im Rahmen der internationalen Klimapolitik für das 2°C-Ziel in der Schweiz noch emittiert werden dürften.

Was tun? Erste Möglichkeit: wir machen weiter wie bisher. Dann produzieren wir noch für einige Jahre oder Jahrzehnte und nutzen die hohe Wertschöpfung dieser Böden. Dabei verbrauchen wir eine nicht-erneuerbare Ressource. Welche Aktivitäten danach noch möglich sind, ist unklar, und die Entwässerung, der Bodenverlust und die Emissionen führen zu hohen gesellschaftlichen Kosten. Zweitens, wir überschütten die schwindenden Böden mit geeignetem Oberbodenmaterial. Dies mag lokal möglich sein und das Produktionspotential erhalten. Aber für grössere Flächen ist es unrealistisch, da schon nur eine Hektare für 50 cm Boden etwa 250 Lastwagen à 20 Tonnen Material benötigen würde. Woher das Material stammen soll, wäre unklar. Was dies für die Sackung, die Grundwasserflüsse und die Emissionen bedeutete, wissen wir nicht. Drittens, Wiedervernässen der Böden. Dies stoppt deren Verlust und die Emissionen, würde aber nicht das ursprüngliche Ökosystem wiederherstellen. Es wäre nur noch eine sehr extensive Produktion auf diesen Flächen möglich. Dies kann z.B. dort Sinn machen, wo grössere Flächen noch mächtiger Torfböden erhalten und die entsprechenden Emissionen vermieden werden können. Aber dort, wo die Torfböden schon weitgehend verloren sind, wäre es umstritten. Teils gute landwirtschaftliche Böden ohne Torf würden vernässt, um die wenigen dazwischenliegenden verbleibenden Flächen mit mächtigeren Torfböden, deren genaue Lage nicht bekannt ist, zu erhalten.

Andererseits wäre vielleicht auch mit wiedervernässten Böden durchaus eine intensive Produktion möglich, wenn man innovative Ansätze, wie „vertical farming“ anschauen würde. Wir müssen uns immer auch vor Augen führen und darüber bewusst entscheiden, dass eine Aufgabe produktiver Flächen bei gleichbleibender Nachfrage einfach zur Verlagerung der Produktion führt, mit entsprechenden Umweltwirkungen anderswo, und dass es dabei auch immer um Menschen und Lebensgrundlagen geht, nicht nur um Zahlen.

Diese ganze Problematik der Nutzung entwässerter Moorböden wird sehr kontrovers und emotional diskutiert, und eine entspanntere, selbst-kritischere, objektivere und visionäre Diskussion täte Not. Zum Beispiel darüber, was man denn wirklich gewinnen würde, wenn man die Flächen wiedervernässt, und darüber, was wirklich passiert, wenn man sie überschüttet. Der Mangel an Daten ist dabei ein grosses Problem. Wir wissen nicht, wo genau die genutzten Torfböden liegen und wie mächtig sie noch sind – die Verhältnisse können sich über Distanzen von wenigen Metern stark verändern. Ohne dieses Wissen kann nicht standortgerecht entschieden und gehandelt werden, und die Gefahr kontraproduktiver Massnahmen ist gross.

Wie wollen wir mit der nicht-erneuerbaren Ressource der entwässerten Moorböden umgehen – im Kontext von landwirtschaftlicher Produktion, Boden- und Klimaschutz? Dies ist eine dringende Frage in Gebieten wie dem Seeland. Wir müssen sie jetzt unvoreingenommen diskutieren, allfällige Grundsatzentscheide treffen und dringend benötigte, aber derzeit fehlende Daten erheben.

Mit der anstehenden Erneuerung grosser Teile der Entwässerungsinfrastruktur in den kommenden Jahren, den Diskussionen zur Erreichung der Klimaziele der Schweiz und einer generell zunehmenden Sensibilität gegenüber der Ressource Boden rücken die drainierten Moorböden wieder zunehmend in den Fokus einer breiteren Diskussion, wie zum Beispiel an einer Veranstaltung zum integralen Wassermanagement im Seeland vom 1. März 2018, oder in der vertieften Diskussion zum Thema in der Bauernzeitung  im März 2018.

Das vom Schweizerischen Nationalfonds SNF im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms „Nachhaltige Nutzung der Ressource Boden“ (NFP 68) geförderte Projekt „Moorböden: Nachhaltige Bewirtschaftung organischer Böden“ befasste sich mit der oben dargelegten Thematik. Dieses Projekt untersuchte einerseits die Eigenschaften der organischen Substanz in drainierten Moorböden unter unterschiedlicher Nutzung und wie diese Eigenschaften den Verlust der organischen Bodensubstanz beeinflussen. Andererseits untersuchte es verschiedene Politikoptionen, um eine nachhaltigere Nutzung dieser Böden zu fördern.

Torfsackung auf einem Acker bei Créssier NE (Photo: Cédric Bader). Das Bild zeigt einen Schacht, der einen Meter über den Ackerboden hinausragt. Dieser Schacht ist Teil der Entwässerungsinfrastruktur und war vor Jahrzehnten noch ebenerdig. Grund, dass dies heute nicht mehr so ist, ist die sogenannte „Torfsackung“.

 

*Adrian Müller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Umweltentscheidungen IED, ETH Zürich; und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL, Frick.

**Moritz Müller war von 1988 bis 2015 Dozent für Bodenkunde an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften in Zollikofen.

Dieser Blog-Post ist bis auf ein paar Ergänzungen, insbesondere zum weiteren Projektkontext, identisch mit einem Artikel, der am Freitag 9.3.2018 in der Bauernzeitung erschien.

 

Weiterführende Referenzen:

Link zu den anderen Beiträgen in der Bauernzeitung:

https://www.bauernzeitung.ch/news-archiv/2018/die-seelaender-bauern-verlieren-den-boden-unter-den-fuessen

https://www.bauernzeitung.ch/news-archiv/2018/eine-dritte-juragewaesserkorrektion

Link zum NFP68-Projekt: http://www.nfp68.ch/de/projekte/themenschwerpunkt-1-organische-bodensubstanz/moorboeden; Leitung: Dr. Jens Leifeld, Agroscope; Partner: Dr. Adrian Müller, Dr. Marie Ferré (ETH Zürich), Prof. Moritz Müller (HAFL Zollikofen), Prof. Stefanie Engel (Universität Osnabrück), Dr. Cédric Bader (Agroscope).

 

Eine Antwort auf „Was tun, wenn der Boden verschwindet?

  1. Adrian und Moritz Müller haben in ihrem Beitrag wichtige Punkte bei der Problematik der Nutzung organischer Böden angesprochen. Dass mit der möglichen Rückführung solcher Flächen in einen naturnahen Zustand der Nutzungskonflikt vorprogrammiert ist, leuchtet ein, und die Vor- und Nachteile solcher Massnahmen müssen sorgfältig gegeneinander abgewogen werden. In der Klimadebatte spielen organische Böden eine immer stärkere Rolle. Wir haben in einer neuen Studie gezeigt, dass die organische Böden nicht nur viel Kohlenstoff speichern, sondern dies auch mit verhältnismässig wenig Stickstoff können, im Gegensatz zu landwirtschaftlich genutzten Mineralböden (https://www.nature.com/articles/s41467-018-03406-6). Dies ist ein weiteres gewichtiges Argument, bei der standortgerechten Landnutzung ein besonderes Augenmerk auf ehemalige Moorböden zu legen.

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