Muss die Landwirtschaft naturnah sein?

Die Landwirtschaft ist abhängig von natürlichen Prozessen. «Naturnah» ist aber nicht automatisch eine notwendige Bedingung für eine nachhaltige Landwirtschaft.

Mit der Annahme des Gegenvorschlags zur Ernährungssicherheitsinitiative beginnt auch der Kampf um die Deutungshoheit des neuen Verfassungsartikels. Dieser sieht beispielsweise vor, dass die Lebensmittelproduktion standortangepasst und ressourceneffizient sein muss. Standortangepasst kann aber je nach Interessenlage wahlweise mit ökologischen oder produktionsorientierten Argumenten in Verbindung gebracht werden.

Ein Beispiel ist die Nutzung der Torfböden im Grossen Moos. Einerseits eignen sich diese gut für den Anbau von Gemüse und machen das Seeland zu einem der produktivsten Gebiete der Schweiz. Andererseits bilden sich die organischen Böden schnell zurück und CO2 entweicht in die Atmosphäre. Was im Grossen Moos also standortgerecht bedeutet, hängt wesentlich von den Interessen und Perspektiven der involvierten Akteure ab.

Ein ähnliches Beispiel ist der Begriff naturnah. Die Verfassung sieht vor, dass Produktionsformen, die besonders naturnah, umwelt- und tierfreundlich sind, mit wirtschaftlichen Anreizen zu fördern seien. Die implizite Annahme dahinter ist, dass möglichst natürliche Systeme auch automatisch gut für die natürlichen Lebensgrundlagen seien, die es ja zu schützen gilt. Naturnah impliziert, dass die landwirtschaftlichen Erzeugnisse tatsächlich auch im (Kultur-)Boden wachsen und trennen diese beispielsweise von einer substratbasierten Produktion in Gewächshäusern ab.

Standortangepasst und naturnah scheinen auf den ersten Blick gut zusammenzupassen. In einem aktuellen Meinungsbeitrag in der Zeitschrift Land Use Policy* plädieren wir, dass naturnahe bzw. natürliche Systeme alleine aber noch kein hinreichender Garant für eine standortangepasste und damit nachhaltige Landwirtschaft sind. Im wissenschaftlichen Diskurs scheiden sich hier nämlich die Geister.

Das kritische Argument ist, dass mit der Produktion von Nahrungsmitteln in Hydrokulturen bzw. hors-sol Produkten (soil-less crop production) die zur Verfügung stehenden landwirtschaftlichen Flächen weniger intensiv genutzt werden müssen. High-tech Systeme wie beispielsweise auch das «vertical farming» können theoretisch knappe Flächen in der Nahrungsproduktion einsparen (land sparing) und für eine standortangepasste (sprich ökologischere) Nutzung frei machen. Dieser Ansatz widerspricht aber dem Grundsatz von naturnaher Produktion und steht dem multifunktionalen Denken entgegen, in welchem die Flächen sowohl für die Nahrungsmittelproduktion als auch ökologische Leistungen genutzt werden sollen (land sharing).

Welche Form der Produktion am Ende für die Umwelt besser ist (land sparing vs. land sharing) ist höchst umstritten und hängt wesentlich vom Verhältnis der Verfügbarkeit von Land und Kapital ab (siehe Abbildung). Unabhängig davon, ob man nun das eine oder andere System präferiert, ist es wichtig, die zu Grunde liegenden Annahmen zu kennen und offen zu diskutieren. Wenn man den Begriff naturnah oder natürlich als wichtigen Bestandteil der Nahrungsmittelproduktion sieht, dann sollte man dies auch begründen. Aus unserer Sicht gibt es drei Argumente, die in diesem Kontext berücksichtigt werden sollten:

  • Es gibt keine rein natürlichen Systeme in der Landwirtschaft. Diese beinhaltet immer «künstliche» Inputs wie Energie, Kapital oder Arbeitskräfte und meistens auch eine künstliche räumliche Struktur. Der Übergang von als natürlich zu als künstlich wahrgenommenen Systemen ist daher fliessend. Das Bild der Landwirtschaft, welches oft in Werbe- und PR Botschaften vermittelt wird, hat dabei oft nur wenig mit der bäuerlichen Realität zu tun.
  • Nicht alles Natürliche ist automatisch auch irgendwie moralisch «gut» und sollte deshalb unbedingt als Vorbild für die landwirtschaftliche Produktion dienen. In der Natur beispielsweise überleben meistens die «Fittesten». Die Landwirtschaft richtet sich ja aber gerade nicht nach diesem Prinzip aus. Sie schafft einen geschützten Raum für ertragsstarke Kulturpflanzen, die ja nicht mehr fit genug sind, um im Naturraum zu überleben. Daher sollte man auch nicht Produktionssysteme per se aus den Überlegungen zu einer nachhaltigen Landwirtschaft ausschliessen, nur, weil sie nicht naturnah sind.
  • Die Konsumenten spielen im Kontext einer naturnahen landwirtschaftlichen Produktion eine zentrale Rolle. Unbestritten gibt es klare Präferenzen für «natürliche» Nahrungsmittel in Befragungen und politischen Debatten. Die Marktrealität spiegelt sich jedoch darin nur ansatzweise. Der Anteil der biologischen Lebensmittel liegt nach wie vor bei durchschnittlich weniger als 10% und die Migros hat in diesem Kontext Anfang dieses Jahres auch die Deklaration von Hors-Sol-Gemüse abgeschafft.

Diese Argumente sollen nicht einfach einer unkritischen Befürwortung von hors-sol Produkten und anderen high-tech Ansätzen Vorschub leisten. «Künstliche» Systeme sind oft an einen hohen Energieverbrauch gekoppelt. Zudem sind solche Systeme unter Umständen anfällig auf Krankheitsbefall, Resistenzen oder schlicht und einfach technische Störungen. Hier braucht es weitere Forschung und ein bedachtes Vorgehen. Schliesslich ist es natürlich sinnlos, betonierte Gewächshäuser auf fruchtbarem Boden zu installieren. Das würde den Nutzen aus der intensiven Produktion, nämlich die standortangepasste Nutzung der übrigen Flächen, pervertieren.

Hier schliesst sich der Kreis zum Dilemma einer standortangepassten und naturnahen Landwirtschaft. Im Berner Seeland planen Landwirte das grösste Gewächshaus der Schweiz. Konfliktpunkt: Soll die Produktion auf landwirtschaftlichem Boden stattfinden oder nicht – ein Abbild der wissenschaftlichen Diskussion zu «land sparing» vs. «land sharing».

Aus unserer Sicht ist klar, dass «künstliche» Produktionssysteme – in Ergänzung zur herkömmlichen Produktion – letztendlich ein Vorteil für eine standortangepasste Landwirtschaft sein können. In der Schweiz, wo fruchtbares Kulturland knapp ist und geschützt werden muss, sollten Hydrokulturen nicht ohne Diskussion der Vor- und Nachteile politisch benachteiligt oder ausgeschlossen werden. Der ökologische Vorteil, die Möglichkeit einer extensiveren Bewirtschaftung sensitiver Böden, muss aber auch tatsächlich umgesetzt werden. Sonst resultiert die Diskussion um die Deutungshoheit von standortangepasst und naturnah in einer bodenabhängigen und intensiven Landwirtschaft, mit der tiefsten Erbringung von ökologischen Leistungen.

Abbildung: Gradient von (1) high-tech basierter, (2) intensiver, (3) agrarökologischer Bewirtschaftung und die schematische Erbringungen von Ökosystemleistungen (ES) in Abhängigkeit von Land und Kapital. Viele ökologische Leistungen kann die Landwirtschaft im System (1) und (3) erbringen. Weniger jedoch in der Mitte (System 2). Quelle: Muller et al. 2017.

 

*Muller A., M.Ferré, S.Engel, A.Gattinger, A.Holzkämper, R.Huber, M.Müller, J.Six. 2017. Can soil-less crop production be a sustainable option for soil conservation and future agriculture? Land Use Policy Volume 69, Pages 102-105 >>

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