@Swiss agriculture: Total disaster

Die Schweizer Landwirtschaft stirbt leise. Eine Buchbesprechung in eigener Sache.

Jakob Weiss, promovierter Soziologe, verfolgt mit seinem neu erschienenen Buch* zur Schweizer Landwirtschaft das Ziel, den «Agrardiskurs» aus einer sprachlichen Perspektive zu analysieren. Das ist insofern wichtig, weil die Sprache, mit der wir uns über die Landwirtschaft unterhalten, auch unser Denken widerspiegelt. Weiss stellt dabei die Hypothese auf, dass unser Diskurs über die Landwirtschaft von ökonomischen und technischen Begriffen durchsetzt sei, was zur Folge habe, dass unser Blick auf den Agrarsektor verengt und Lösungsansätze rein ökonomisch motiviert werden.

Ich selber arbeite an der ETH in der Gruppe «Agrarökonomie und Agrarpolitik» und unterrichte unter anderem die Fächer «Optimierung landwirtschaftlicher Produktionssysteme» und «Agrarpolitik». Ich verwende also berufsbedingt ökonomische und technische Begriffe, wenn ich über die Landwirtschaft spreche und erhoffte mir in dieser Hinsicht von Jakob Weiss` Buch einen kritischen Blick auf mein eigenes Denken.

Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt. In den drei einleitenden Kapiteln des ersten Abschnittes umschreibt Jakob Weiss seine Perspektive auf die grundlegende Problematik in der Schweizer Landwirtschaft, die sich wie folgt gliedern: 1) Der Verlust des «Bäuerlichen», 2) der Einsatz jeglicher Art von Hilfsmitteln wie Benzin/Diesel, Pflanzenschutzmittel oder Dünger und 3) jede Form von Wettbewerb oder Konkurrenz. Im zweiten Abschnitt des Buches begibt sich der Autor auf eine «Flurbegehung» in sieben Kapiteln. Er wählt dazu spezifische Beispiele aus den Bereichen Ökonomie, Politik, Forschung, Konsum, Gesellschaft und Medien, um seine Sicht auf die Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft zu verdeutlichen. Im letzten und dritten Abschnitt fasst Jakob Weiss seine Argumente schliesslich nochmals zusammen.

Durch alle Kapitel hindurch lässt der Autor kein gutes Haar an der Land- und Ernährungswirtschaft. Mit Furor werden Begriffe wie Multifunktionalität, Biolandwirtschaft, Ernährungssicherheit oder Strukturwandel auseinandergenommen und sämtliche Akteure – von den heutigen Bäuerinnen und Bauern bis zum Konsumenten – zugleich als Opfer und Täter eines kapitalistischen Systems dargestellt. Die «Flurbegehung» ist ein wildes Sammelsurium von Kapitalismus- und Konsumkritik. Dabei schreckt Jakob Weiss auch nicht vor unangebrachten Vergleichen mit Pornografie oder dem Nacktwandern zurück. Und so bleibt man als Leser am Ende des Buches ratlos zurück. Wie soll man denn jetzt über die Landwirtschaft sprechen, was ergibt sich denn nun aus dem Agrardiskurs aus sprachlicher Perspektive? Offenbar scheint auch der Autor bezüglich dieser Frage ratlos zu sein, denn wie er gleich selber anfügt: «Im ganzen Buch wurde ja kein einziger konkret umsetzbarer Vorschlag gemacht, wie die Landwirtschaft besser zu machen ist» (S.196.).

Diese Argumentationsweise erinnert – wenn auch ungewollt – an diejenige Donald Trumps. So wie er mit der Losung «Make America great again» den Verlierern der wirtschaftlichen Entwicklung und der Globalisierung eine vermeintliche Stimme gegeben hat, so möchte Jakob Weiss mit seinem Motto «Lasst die Bauern wieder Bauern sein» die Landwirtschaft wieder zu ihrem bäuerlichen Kern, ihren Wurzeln zurückführen.

Nur stellt sich die Frage, wo und wann es denn «den Bauern» eigentlich gab. War der Bauer noch Bauer als er in den 1970er und 1980er Jahren Überschüsse produzierte? Oder in der Nachkriegszeit, als zahlenmässig der grösste Strukturwandel stattfand? Etwa während den Kriegszeiten, als Mangelernährung herrschte und die Bauern überschuldet waren? Während der Industrialisierung und der «Verbäuerlichung» der Landwirtschaft? Oder vielleicht noch früher, als der grösste Teil der Bevölkerung gar keinen eigenen Boden besass und die «Bauern» noch Grossgrundbesitzer waren? Wann eigentlich produzierte der Bauer nur mit Sonnenlicht und seiner eigenen Arbeitskraft abseits böser ökonomischer Einflüsse?**

Es ist nicht die Kritik am ökonomischen und technischen Denken, die mich an Jakob Weiss’ Buch irritiert. Es ist die fehlende sozial- und wirtschaftshistorische Perspektive. Ohne Bezug zur wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Entwicklung mündet die sprachliche Kritik am bestehenden System in wütender Ablehnung und der Flucht in eine unbestimmte, rückwärtsgewandte Utopie.

Eine grundsätzliche und ernsthafte Diskussion zur Rolle der Agrarökologie oder Biolandwirtschaft in den heutigen Zeiten – geprägt von neuen Kommunikations- und Informationstechnologien – wäre enorm wichtig. Dabei hätte auch die Agrarsoziologie eine zentrale Funktion. Die sprachliche Dekonstruktion von allem, das die heutige Agrarpolitik konstituiert, leistet diesem Diskurs jedoch einen Bärendienst.

Den Studierenden werde ich somit weiterhin die ökonomischen und technischen Begriffe der Agrarpolitik wie bis anhin erklären. Ich werde weiterhin mit Nachdruck auf den ökonomischen Ursprung des Diskurses hinweisen und darauf hoffen, dass es schon bald einen aktuellen agrarsoziologischen Beitrag zur Agrarpolitik gibt, der sich nicht auf eine «Trumpsche» Logik stützt.

 

*Jakob Weiss. Die Schweizer Landwirtschaft stirbt leise. Lasst die Bauern wieder Bauern sein. Orell Füssli Verlag. ISBN 978-3-280-05651-6. 214 S.

**Interessante Literatur zur historischen Entwicklung der Agrarpolitik und Agrarwirtschaft findet sich in den Schriften von Peter Moser. Ein konkretes Beispiel, wie die ökonomischen Kräfte schon sehr lange auf die Landwirtschaft und Bauern auswirkt findet sich im Beitrag von Bruno Fritzsche und Max Lemmenmeier: Die revolutionäre Umgestaltung von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat 1780-1870. In: Geschichte des Kantons Zürich, Bd. 3, Zürich 1994, S. 20-43. Peter Rieder hat seine Perspektive in der Ideen und Geistesgeschichte der Europäischen Agrarpolitik festgehalten (1993).

 

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