Maximilian Koppenberg, Ayoub Barissoul, Stefan Hirsch, Robert Finger und Tobias Dalhaus*
Als Reaktion auf nachteilige Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln zielen öffentliche und private Politikmaßnahmen weltweit darauf ab, die Risiken von Pflanzenschutzmitteln für Mensch und Umwelt zu verringern (Schebesta & Candel, 2020; Schneider et al., 2023; Möhring et al., 2023). Innovationen im biologischen Pflanzenschutz und digitalen Technologien haben ein großes Potenzial, den Pflanzenschutzmitteleinsatz zu reduzieren, ohne die landwirtschaftliche Produktivität zu beeinträchtigen (Finger, 2023; Stenberg et al., 2021). Viele dieser innovativen möglichen Lösungen werden von Startups entwickelt, eingeführt und vermarktet (Agfunder, 2017a–2025; Mac Clay et al., 2024; Vergara & Barrett, 2025). Viele dieser Unternehmen werden zudem von großen Firmen übernommen, beispielsweise von großen Pflanzenschutzmittelherstellern (S&P Global, 2024). Bisher hat jedoch keine dieser Innovationen skaliert und den Pflanzenschutzmitteleinsatz wirksam reduziert (FAO, 2024; Wolfram et al., 2026).
Die innovativen Pflanzenschutzmitteltechnologien sind aus mehreren Gründen nicht im großen Maßstab erfolgreich, z.B. wegen mangelnder wirtschaftlicher Tragfähigkeit für Landwirte und hoher regulatorischer Hürden für Innovationen (z. B. Finger, 2023; Lowenberg-DeBoer et al., 2022; Möhring et al., 2020; Purnhagen & Wesseler, 2021; Wyckhuys et al., 2024). Wir analysieren hier sogenannte „Killerakquisitionen“ als einen weiteren möglichen Grund für das Ausbleiben der Skalierung der innovativen Pflanzenschutztechnologien. Killerakquisitionen sind Unternehmensübernahmen, bei denen das Hauptziel in der Vermeidung des Wettbewerbs durch die Produkte des Zielunternehmens besteht, indem die Skalierung und/oder Weiterentwicklung dieser Produkte nach der Übernahme verhindert wird (Cunningham et al., 2021). Killerakquisitionen wurden bereits in anderen Sektoren, etwa in der Pharmaindustrie, als bedeutendes Phänomen identifiziert (Cunningham et al., 2021). Für den Agrarsektor und insbesondere für innovative Pflanzenschutztechnologien fehlen jedoch bislang entsprechende Analysen.
In einer in der Fachzeitschrift Q Open erschienen Studie (Koppenberg et al. 2026) untersuchen wir das Auftreten potenzieller Killerakquisitionen in den Bereichen des biologischen Pflanzenschutzes und der digitaler Innovationen für den Pflanzenschutz (z.B. digitalen Betriebsmanagement- und Entscheidungsunterstützungssysteme für den Pflanzenschutz), die von den vier größten Akteuren der globalen Pflanzenschutzmittelindustrie (d.h. BASF, Bayer/Monsanto, Dow Chemical/DuPont/DowDuPont/Corteva und Syngenta) im Zeitraum von 2000 bis 2020 durchgeführt wurden:.
Hintergrund
In ihrer wegweisenden Studie zeigen Cunningham et al. (2021) beispielsweise, dass 5,3–7,4 % der Übernahmen in der US Pharmaindustrie Killerakquisitionen sind und dass diese deutlich häufiger auftreten, wenn der Übernahmepreis unterhalb der Prüfschwellen der Wettbewerbsbehörden liegt, das heißt bei kleineren Zielunternehmen. Dies ist auch für die Pflanzenschutzmittelindustrie relevant. Kartellbehörden prüfen große Fusionen in der Pflanzenschutzmittelindustrie gründlich (Affeldt et al., 2021; Duso et al., 2011), zum Beispiel die Übernahme von Monsanto durch Bayer im Jahr 2018 (European Commission, 2024a). Im Gegensatz dazu schenken Wettbewerbsbehörden Übernahmen kleinerer Unternehmen hingegen meist deutlich weniger Beachtung (Baker, 2003; Weichselbaumer, 2024), da EU-Behörden nur dann über eine Fusion oder Übernahme informiert werden, wenn die beteiligten Unternehmen einen bestimmte Umsatzschwellen überschreiten (European Commission, 2024b). Während dieses Umsatzkriterium für große Pflanzenschutzmittelhersteller in der Regel erfüllt ist, gilt dies nicht zwingend für die potenziellen Zielunternehmen, wie den hier analysierten Übernahmen im Bereich des biologischen Pflanzenschutzes und digitaler Innovationen für den Pflanzenschutz. Zudem führen die Behörden lediglich eine vereinfachte Prüfung im Routineverfahren durch, wenn die fusionierenden Unternehmen nicht in derselben Branche tätig sind oder bestimmte Marktanteilsschwellen nicht überschreiten (European Commission, 2024b).
Vorgehensweise
Killerakquisitionen werden durch zwei zentrale Merkmale definiert (Cunningham et al., 2021). Erstens muss es eine Überschneidung zwischen den Aktivitäten oder Produkten des Käufer- und des Zielunternehmens geben. Zweitens werden nach der Übernahme Entwicklungsprojekte des Zielunternehmens eingestellt oder nicht weiterverfolgt. Diese Kombination deutet darauf hin, dass Innovationen gezielt aus dem Market genommen oder gar nicht erst auf den Markt gebracht werden, um bestehende Produkte des Käuferunternehmens vor Wettbewerb durch das Zielunternehmen zu schützen.
Auf Basis dieser beiden Kriterien haben wir einen mehrstufigen Ansatz zur Identifizierung potenzieller Killerakquisitionen angewendet. Im ersten Schritt haben wir Übernahmen der weltweit größten Pestizidhersteller – darunter BASF, Bayer (einschließlich Monsanto), Corteva (einschließlich Dow und DuPont) sowie Syngenta – im Zeitraum von 2000 bis 2020 in der S&P Capital IQ Datenbank identifiziert. Im zweiten Schritt haben wir den Datensatz auf alle Transaktionen im Bereich der biologischen Pflanzenschutzlösungen und digitaler Technologien im Pflanzenschutz beschränkt, da das erfolgreiche Skalieren dieser Technologien die Nachfrage nach chemisch-synthetischen Pestiziden reduzieren würde. Somit besteht hier ein indirekter Wettbewerbsdruck, der einen Anreiz für Killerakquisitionen schaffen kann.
Im dritten Schritt haben wir drei Indikatoren genutzt, um das mögliche Einstellen von Innovationsaktivitäten zu identifizieren. Erstens wird untersucht, ob Käuferunternehmen nach der Übernahme in ihren Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichten über Erfolge in der Produktentwicklung oder über aus den Übernahmen resultierenden Umsätzen berichten. Zweitens werden die Bewertungen der Transaktionen analysiert. Sowohl ungewöhnlich hohe als auch ungewöhnlich niedrige Bewertungen können auffällig sein. Hohe Preise deuten auf starkes erwartetes Wachstum hin, während niedrige Preise Zweifel an der wirtschaftlichen Logik der Übernahme aufwerfen. Die Bewertungen messen wir mittels des Kaufpreis-Umsatz-Verhältnisses und des Anteils des Geschäftswerts (engl. „goodwill“) am Kaufpreis und vergleichen die Bewertungen der vorliegenden Transaktionen mit Durchschnittswerten aus der Literatur. Drittens wird die Marktdurchdringung der übernommenen Produkte betrachtet. Bleiben Wachstum und Verbreitung verglichen mit dem Zeitraum vor der Übernahme und anderen nicht übernommenen Unternehmen gering, kann dies ein weiteres Indiz für eine Killerakquisition sein, da die großen Pflanzenschutzmittelhersteller über ihr bestehendes Geschäft über weitreichenden Kundenzugang verfügen. Die Datengrundlage für diese Analyse umfasst neben Capital IQ auch die Nexis Uni Nachrichtendatenbank, Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichte der vier großen Pflanzenschutzmittelhersteller sowie die ORBIS-Datenbank für Finanzdaten.
Ergebnisse
Unsere Analyse zeigt, dass die vier größten Pflanzenschutzmittelhersteller zwischen 2000 und 2020 insgesamt 211 Unternehmen übernommen haben, von denen 18 im Bereich des biologischen Pflanzenschutzes und digitaler Technologien für den Pflanzenschutz tätig (gewesen) sind und darauf abzielen, den Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel zu reduzieren. Für 16 dieser 18 Übernahmen mit einem Gesamttransaktionsvolumen von nahezu 5 Mrd. US-Dollar finden wir Hinweise auf Merkmale von Killerakquisitionen. Diese Einschätzung basiert auf verschiedenen Kriterien. So führen die Käuferunternehmen bestehende Produkte aus diesen Übernahmen selten fort oder bringen neue Produkte auf den Markt, die auf die übernommenen Unternehmen zurückgeführt werden. Zudem sind in den Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichten der großen Pflanzenschutzmittelhersteller meist keine Hinweise auf erfolgreiche Produktentwicklungen, signifikante Umsatzbeiträge aus den Übernahmen oder daraus resultierende Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten zu finden.
Für die Mehrheit (15) der potenziellen Killerakquisitionen stellen wir fest, dass die Käuferunternehmen nicht über Umsatzbeiträge oder Produktentwicklungen, die aus den Übernahmen resultieren, berichten (vgl. Tabelle 1). In vier Fällen waren die Unternehmensbewertungen (Umsatz/Kaufpreis oder Anteil des Goodwills am Kaufpreis) ungewöhnlich hoch oder niedrig, während in zwei Fällen eine geringe Marktdurchdringung der übernommenen oder nach den Übernahmen kommerzialisierten Produkte und Dienstleistungen erkennbar ist (vgl. Tabelle 1).
Table 1. Übersicht relevanter Akquisitionen durch die vier größten Pflanzenschutzmittelhersteller im Bereich des biologischen Pflanzenschutzes und digitaler Innovationen für den Pflanzenschutz (2000-2020)

Anmerkung: Kaufpreise sind in Nominalwerten angegeben (nicht inflationsangepasst).
Quelle: S&P Global (2024), Nexis Uni (2024) und Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichte der Käuferunternehmen.
Bedeutung für die Politik
Politische Entscheidungsträger sollten rechtliche Rahmenbedingungen schaffen, die den Wettbewerb auf dem Markt für Innovationen zur Reduzierung des Einsatzes chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel fördern. Kartellbehörden könnten Fusions- und Übernahmetransaktionen auch dann untersuchen, wenn Unternehmen in unterschiedlichen Branchen tätig sind – insbesondere wenn das Zielunternehmen klein ist. Eine tatsächliche Produktüberschneidung zwischen Käufer und Zielunternehmen stellt keine ausreichende Grundlage für eine Untersuchung dar, weil die Start-ups in unserer Analyse überwiegend im Bereich des biologischen Pflanzenschutzes sowie der Informations- und Softwaretechnologie tätig sind und keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel produzieren. Aus praktischer Sicht könnten Kartellbehörden erwägen, eine zweckorientierte Definition zugrunde zu legen, das heißt, welchen Zweck die Produkte oder Dienstleistungen beider Unternehmen erfüllen. Wettbewerbsbehörden hätten die in dieser Arbeit untersuchten Transaktionen somit geprüft, sofern – wie oben vorgeschlagen – das Mindestgrößenkriterium angepasst worden wäre. Das bedeutet, dass die Entscheidung über die Genehmigung von Fusionen auch auf dem Innovationspotenzial – das zwar schwer messbar, aber insbesondere dann von großer Bedeutung ist, wenn sich der betreffende Markt noch in einem frühen Entwicklungsstadium befindet.
Darüber hinaus würden alle politischen Maßnahmen, die Anreize zur Reduzierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes und damit zur Nutzung von Alternativen zu chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittelen schaffen, den Wettbewerb um die Skalierung innovativer Lösungen zur Schädlingsbekämpfung fördern und die Anreize der Unternehmen verringern, diese Innovationen zu verzögern oder einzustellen (Möhring et al., 2020). Auch das Erleichtern des Marktzugangs für innovative Pflanzenschutzmitteltechnologien, beispielsweise durch beschleunigte Zulassungsverfahren für biologische Pflanzenschutzmittel (Godinho et al., 2025), kann die Anreize für Start-ups verringern, Unterstützung von großen Pflanzenschutzmittelherstellern zu suchen.
Originalstudie:
Koppenberg, M., Barissoul, A., Hirsch, S., Finger, R. und Dalhaus, T. (2026). Do killer acquisitions by large pesticide producers hold back innovative pest control technologies?. Q Open 6(1): qoag011. Open Access https://doi.org/10.1093/qopen/qoag011
*Autoren: Maximilian Koppenberg (Wageningen University), Ayoub Barissoul, Stefan Hirsch (Hohenheim University), Robert Finger (ETH Zürich) und Tobias Dalhaus (Rhine-Waal University of Applied Sciences). Kontakt: max.koppenberg@wur.nl
Referenzen
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