Der ökonomische Wert von Ökosystemleistungen im Grasland

von Robert Huber, Nina Buchmann, Solen Le’Clech und Robert Finger* Eine überbetriebliche Erbringung von Ökosystemleistungen kann die Trade-offs zwischen Produktion und Umweltleistungen im Grasland reduzieren.

Grassland ist in erster Linie Futterlieferant für die Produktion von Milch und Fleisch. Durch die Nutzung des Grünlands entstehen aber weitere Leistungen, die von der Gesellschaft geschätzt werden. Dazu gehören beispielsweise die Erhaltung von Habitaten, die Bereitstellung atttraktiver Landschaften oder die Sequestrierung von Kohlenstoff. Allerdings hängt der Futterertrag und das Ausmass dieser anderen Ökosystemleistungen stark von der Intensität der landwirtschaftlichen Nutzung ab. Je intensiver die Nutzung, d.h. je öfters eine Wiese geschnitten oder eine Weide bestossen wird, desto höher der Wert des Futters. Mit dieser intensiveren Nutzungen nimmt jedoch auch oft der Beitrag der anderen Ökosystemleistungen ab (siehe dazu auch folgenden Blogbeitrag und den dazugehörigen Artikel: Le’Clech et al. 2019).

Aus einer agrarökonomischen Perspektive führt dieser Zusammenhang zu einer Austauschbeziehug (engl. Trade-off) zwischen den verschiedenen Leistungen des Grasslands. Politische Anreize für eine Erhöhung der Flächen mit einer extensiven Nutzung sind ökonomisch solange sinnvoll, wie der zusätzliche Wert der Ökosystemleistungen höher ist als die entgangenen Einnahmen (d.h. der Opportunitätskosten), welche durch die Aufgabe einer intensiven Nutzung entstehen. In einem in der Zeitschrift Scientific Reports publizierten Studie (Huber et al. 2022) analysieren wir, wie diese Austauschbeziehung für ein konkretes Fallbeispiel in der Schweiz, den Kanton Solothurn, aussieht und wo das Optimum des Verhältnisses zwischen extensiver und intensiver Grasslandnutzung zu liegen kommen könnte. Dabei fokussierten wir auf den ökonomischen Wert von drei Ökosystemleistungen: Futter, Habitatsleistungen und Kohlenstoffsequestrierung.

Neben der Bestimmung des Optimums gingen wir dabei noch einer zweiten Frage nach. Der Wert der Ökosystemleistungen hängt nicht nur von der Intensität der Nutzung, sondern auch vom Standort ab. Je nachdem wo eine gewisse Fläche liegt, ist das Potenzial für die Erbringung von Ökosystemleistungen von Wiesen und Weiden unterschiedlich. Das bedeutet, dass man den totalen Wert der Leistungen erhöhen kann, wenn man diese im Raum verschieben kann. In diesem Kontext haben wir berechnet, wie sich das Optimum von Ökosystemleistungen verändern würde, wenn man die Zuteilung von extensiven und intensiven Wiesen und Weiden nicht auf Stufe Betrieb, sondern auf einer regionalen (d.h. überbetrieblichen) Ebene optimieren würde.

Für die Beantwortung unserer Forschungsfragen haben wir ein bio-ökonomisches Modell entwickelt, welches den gesellschaftlichen Wert über alle drei Ökosystemleistungen auf der Stufe Betrieb oder Region optimiert. Dieses basiert auf drei unterschiedlichen Datensätzen. In der Arbeit von Le’Clech et al. (2019) hatten wir die standortabhängigen Ökosystemleistungen Wiesen und Weiden im Kanton Solothurn berechnet. Konkret haben wir Informationen zum Artenreichtum, zur Kohlenstoffsequestrierung und zum landwirtschaftlichen Futterertrag für intensiv und extensiv genutzte Wiesen und Weiden in Abhängigkeit des jeweiligen Standorts berechnet. Auf dieser Basis konnten wir rund 17’000 Graslandparzellen simulieren, welche Ökosystemleistungen durch eine intensive Wiesen- oder Weidenutzung beziehungswiese einer extensiven Nutzung entstehen würde. Die Grundlagen für die bestehenden Graslandparzellen konnten wir aus den Direktzahlungsdaten des Kantons Solothurn herleiten. Diese Information verknüpft das bio-ökonomische Modell mit Informationen zur Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung für Wiesen und Weiden, welche sich ebenfalls nach Art, Intensität und Standort des Grasslands unterscheiden (Huber und Finger 2020). Mit Hilfe der betrieblichen Informationen über die derzeitige Nutzung und den Standort von Grassland im Kanton Solothurn, erlaubte unser Modellansatz die Berechnung der Austauschbeziehung zwischen dem Wert für die Futterproduktion, der Erhaltung von Habitaten für die Biodiversität und die Bindung von Kohlenstoff. Wir berechneten zuerst den Wert der Grasslandökosystemleistungen, wenn sämtliche Flächen intensiv genutzt würden und erhöhten dann den Anteil der extensiven Flächen in 5% Schritten. Dabei berücksichtigte das Modell zwei Ebenen (oder Levels): Entweder wurde der Anteil extensiv genutzter Wiesen und Weiden auf jedem einzelnen Betrieb erhöht oder aber der entsprechende prozentuale Anteil musste auf der Ebene der ganzen Region erbracht werden. In letzterem Fall macht sich das Modell zu nutze, dass an gewissen Standorten in der Region der Austausch von intensiven mit extensiven Flächen weniger Opportunitätskosten verursacht als auf betrieblicher Ebene. Dadurch zeigt das Modell auf, in welcher Beziehung die Ökosystemleistungen zueinander stehen und welches ökonomische Potenzial ein regionales Management von Grassland für die Erbringung von Ökosystemleistungen hätte.

Die Ergebnisse zeigen, dass mit einer Zunahme der extensiv genutzten Flächen der Wert der Ökosystemleistungen zuerst zunimmt (Abbildung 1). Der zusätzliche Wert beläuft sich im Optimum auf ungefähr 250 Franken pro Hektare Grasland. Steigt der Anteil der extensiv genutzen Weiden und Wiesen über einen Anteil von 25% an der totalen Graslandfläche, nimmt der Wert wieder ab, weil die Opportunitätskosten der Futterverwertung den zusätzlichen Wert der Biodiversität und der Kohlenstoffsequestrierung übersteigen.

Die Resultate zeigen auch das Potenzial einer überbetrieblichen Optimierung der Graslandflächen. In diesem Fall könnte der Wert der Ökosystemleistungen um rund 45% oder zwischen 400 und 600 Franken pro Hektare Grasland gesteigert werden. Auch hier zeigt sich, dass eine Ausdehnung des Anteils von extensiv genutzten Wiesen und Weiden über 25% der totalen Graslandfläche wieder zu einer Reduktion des Wertes der Ökosystemleistungen führt.

Modellergebnisse beruhen immer auf fundierten und breit abgestützten Annahmen, die jedoch natürlicherweise auch mit Unsicherheit behaftet sind. Wir haben deshalb verschiedene Sensitivitätsanalysen durchgeführt. Dabei zeigte sich einerseits, dass die Unsicherheit darüber, wo der optimale Standort für extensive Graslandnutzung ist, den zusätzlichen Wert einer regionale Erbringung der Ökosystemleistungen um 30% reduzieren kann. Anderseits zeigen unsere Analysen, dass die Ergebnisse stärker von den Preisannahmen als von den räumlichen Unterschieden beeinflusst werden.

Die Politikimplikation unserer Ergebnisse ist, dass eine überbetriebliche Erbringung von Ökosystemleistungen ein politisch und ökonomisch interessanter Weg wäre, um die Trade-offs zwischen Produktion und Umweltleistungen im Grasland zu reduzieren.

Es gilt zu beachten, dass wir auf drei Ökosystemleistungen fokussiert haben. Es wäre wichtig, dass zukünftige Forschung zusätzliche Leistungen berücksichtigen würde und auch unterschiedliche Produktionsformen wie beispielswiese die biologische Landwirtschaft oder IP Suisse grossflächiger berücksichtigen könnte. Unsere konzeptionelle Herangehensweise erlaubt es aber, die Frage nach Trade-offs im Grasland aus einer ganzheitlichen Perspektive anzugehen.

*Affiliations

Robert Huber und Robert Finger: ETH Zurich, Agricultural Economics and Policy

Solen Le’Clech: Environmental Systems, Analysis, Wageningen University

Nina Buchmann: Grassland Sciences, ETH Zurich

Wir möchten uns beim Landwirtschaftsamt des Kantons Solothurn für die Bereitstellung der Daten bedanken. Das Projekt wurde über die ETH Foundation finanziert.

Referenzen

Huber, R., Finger, R., 2020. A Meta-analysis of the Willingness to Pay for Cultural Services from Grasslands in Europe. Journal of Agricultural Economics 71, 357-383. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/1477-9552.12361

Huber, R., Le’Clec’h, S., Buchmann, N., Finger, R., 2022. Economic value of three grassland ecosystem services when managed at the regional and farm scale. Scientific Reports 12, 4194. https://www.nature.com/articles/s41598-022-08198-w

Le Clec’h, S., Finger, R., Buchmann, N., Gosal, A.S., Hörtnagl, L., Huguenin-Elie, O., Jeanneret, P., Lüscher, A., Schneider, M.K., Huber, R., 2019. Assessment of spatial variability of multiple ecosystem services in grasslands of different intensities. Journal of Environmental Management 251, 109372. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0301479719310874

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