Setzten mehr zukunftsorientiert Länder mehr auf umweltpolitische Leistungen?

Autor: Sergei Schaub1,2,3

Cover Picture (Source: http://www.pngegg.com):

Zusammenfassung. In einem kürzlich erschienen Artikel (Schaub, 2022) habe ich untersucht, ob mehr langfristig orientiert Ländern im Vergleich zu mehr kurzfristig orientierten Ländern mehr auf umweltpolitische Leistungen setzen. Die kurze Antwort ist: nicht mehr als was sich durch wirtschaftliche und andere Faktoren erklären lässt.

Wir sind derzeit mit grossen Umweltkrisen konfrontiert, darunter Klimawandel, Verlust der Biodiversität und Bodenerosion. Diese Krisen verursachen erhebliche Risiken für den enormen intrinsischen und wirtschaftlichen Wert der Natur (Dasgupta, 2021), weshalb sie und deren Management auch ganz oben auf der Agenda der Vereinte Nationen stehen. Wie nationale Regierungen mit den Umweltkrisen umgehen, kann von der nationalen Kultur abhängen, einschliesslich der Zeitpräferenz (d. h. kurz- oder langfristige Orientierung). Es lässt sich die Hypothese ableiten, dass Länder, die mehr langfristig orientiert sind, eine höhere Leistung im Bereich der Umweltpolitiken haben (fortan „umweltpolitische Leistung“). Allerdings wurde bisher global noch nicht untersucht, ob 1) tatsächlich eine solche Beziehungen zwischen langfristige Orientierung und umweltpolitische Leistung besteht und 2) die Beziehung nur aufgrund positiver Korrelationen von langfristiger Orientierung und umweltpolitische Leistung mit wirtschaftlicher und demokratischer Entwicklung gründet. In einem kürzlich in der Fachzeitschrift Environmental Science & Policy erschienenen Artikel (Schaub, 2022; open access) bin ich diesen Fragen nachgegangen und fasse die Antworten in diesem Blogbeitrag zusammen.

1. Wo von hängt es ab, ob eine langfristige Orientierung die umweltpolitische Leistung unabhängig von der wirtschaftlichen und demokratischen Entwicklung steigert?

Die wichtigsten Voraussetzungen für die Hypothese sind: a) Die Öffentlichkeit und ihre Regierung wertschätzen den Nutzen der Umwelt, sie verstehen (bis zu einem gewissen Grad) die aktuellen Bedrohungen der Umwelt, und sie wissen, dass sie etwas tun können die Bedrohungen abzuschwächen (z. B. Bain et al., 2019). b) Eher langfristig orientierte Personen schätzen zukünftigen Nutzen höher ein als eher kurzfristig orientiert Personen. c) Unter knappen Ressourcen (z.B. Zeit und Finanzen) werden Umweltmassnahmen gegenüber anderen Massnahmen bevorzugt.

2. Wie wurden in dem Artikel Zeitpräferenz und umweltpolitische Leistung gemessen?

Zeitpräferenzindizes messen generell, ob die Bewohner*innen eines Landes eher kurzfristig oder langfristig orientiert sind. Der zentrale Index in der Studie misst die Zeitpräferenz in Bezug auf sofortige und spätere finanzielle Belohnungen (Falk et al. 2018). Im Detail bestand die Messung des Indexes aus zwei Teilen. Im ersten Teil wurden Studienteilnehmer*innen befragt, ob sie eine Zahlung heute oder eine größere Zahlung in 12 Monaten bevorzugen. Im zweiten Teil wurden die Studienteilnehmer*innen aufgefordert auf einer Skala von 0 bis 1 anzugeben „Wie sehr sind Sie bereit, auf etwas zu verzichten, das Ihnen heute nützt, um in Zukunft mehr davon zu haben?“.  Neben diesem zentralen Index wurden zwei weitere Zeitpräferenzindizes verwendet um die Robustheit der Resultate zu analysieren.  

Um die umweltpolitische Leistung zu messen, habe ich den Environmental Performance Index verwendet (Wendling et al. 2020). Dieser Index misst auf nationaler Ebene im Jahr 2020 die Erreichung von Umweltpolitikzielen, welche auf internationaler und nationaler Ebene sowie von der Wissenschaft festgelegt wurden. In der Analyse habe ich mir drei Ebenen dieses Indexes genauer angeschaut: den gesamten Index, den Index in Bezug auf Klima und in Bezug auf Biodiversität.

3. Wie wurden die Daten analysiert?

Um die Beziehung zwischen Zeitpräferenz und umweltpolitischer Leistung zu verstehen wurden zwei verschiedene (bootstrapped) lineare Regressionsmodelle verwendet. In dem ersten Model wurde nur die Beziehung zwischen umweltpolitischer Leistung und langfristiger Orientierung ohne die Berücksichtigung von weiteren Faktoren angeschaut («Model ohne Berücksichtigung von wirtschaftlicher und demokratischer Entwicklung»).

Das zweite Model berücksichtigte neben Zeitpräferenz und umweltpolitischer Leistung auch weitere Faktoren («Model mit Berücksichtigung von wirtschaftlicher und demokratischer Entwicklung»). Diese Faktoren beinhalten in der Hauptanalyse: das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner*in (wirtschaftliche Entwicklung), ein Demokratie Index (demokratischer Entwicklung) und den Breitengrad (Standort) jedes Landes. Die Verwendung dieses Models erlaubt Rückschlüsse darüber, ob die Beziehung zwischen umweltpolitischer Leistung und langfristiger Orientierung nur aufgrund positiver Korrelationen mit wirtschaftlicher und demokratischer Entwicklung besteht. In der Hauptanalyse wurden insgesamt Daten von 75 Ländern verwendet.

4. Was sind die Resultate? 

Die Ergebnisse zeigen, dass Länder mit einer höheren langfristigen Orientierung eine höhere umweltpolitische Leistung aufweisen (Abbildung 1). Die ist der Fall für umweltpolitische Leistung gesamt, in Bezug auf Klima und in Bezug auf Biodiversität. Jedoch sind diese Beziehungen in den meisten Fällen auf den positiven Zusammenhang zwischen langfristiger Orientierung und umweltpolitischer Leistung mit der wirtschaftlichen Entwicklung zurückzuführen. Die Verwendung alternativer Indizes für Zeitpräferenzen ändert die Ergebnisse nicht wesentlich.

Eine zusätzliche Analyse, in der ich mir den Zusammenhang zwischen langfristige Orientierung und öffentlicher Priorität von Umweltthemen angeschaut habe, zeigt ähnliche Resultate: Es besteht eine Beziehung zwischen langfristiger Orientierung und öffentlicher Priorität von Umweltthemen, allerdings basiert auch diese massgeblich auf anderen Faktoren (z.B. wirtschaftlicher Entwicklung).

Abbildung 1: Zusammenhang zwischen langfristiger Orientierung und umweltpolitischer Leistung. Die drei Felder zeigen die Beziehung zwischen der langfristigen Orientierung und der umweltpolitischen Leistung gesamt (A), in Bezug auf Kima (B) und in Bezug auf Biodiversität (C). Die Balken zeigen die 95%- und 99%-Konfidenzintervalle. *Diese Analyse zeigt die Ergebnisse der Hauptanalyse unter Verwendung des zentralen Indexes.

5. … und das Fazit?

Momentan beeinflusst Zeitpräferenz die umweltpolitische Leistung nicht mehr als was sich aus wirtschaftlichen und anderen Faktoren ergibt. Die Gründe dafür, dass unsere Ergebnisse nicht mit der vorgeschlagenen Hypothese übereinstimmen, könnten eine psychologische Distanz zu Umweltkrisen sowie ein Mangel an Bewusstsein und Gefühlen für die Werte der Natur und die aktuelle Gefährdung der Natur sein. Eine verstärkte Umweltbildung (für alle Generationen) und die Schaffung einer direkteren Beziehung zur Natur könnten die Priorität der Öffentlichkeit für Umweltthemen und damit die umweltpolitische Leistung erhöhen (z.B. Dasgupta, 2021). Um Unterstützung für politische Massnahmen zu erhöhen, kann es auch wichtig sein, die psychologische Distanz zu Umweltkrisen zu verringern. Dies könnte beispielsweise damit erreicht werden, dass eindringlicher, konkreter und mehr über die heutigen und zukünftigen Auswirkungen von Umweltkrisen sowie über die Wirksamkeit von Umweltmassnahmen kommuniziert wird (z.B. Singh et al., 2017, Sparkman et al., 2021). Gegeben, dass diese und andere Strategien den zukünftigen subjektiven Wert der Natur erhöhen und damit die Unterstützung für umweltpolitischen Massnahme steigern sowie die Priorisierung von Umweltpolitik im Vergleich zu anderen Politikbereichen erhöht, wäre diese Zunahme plausibler weisse stärker in mehr langfristig orientiert Ländern. Somit wären Strategien, die das Bewusstsein für zukünftige Nutzen der Umwelt stärker betonen effektiver in mehr langfristig orientiert Ländern, wohingegen in mehr kurzfristig orientierten Ländern mehr Augenmerk auf den jetzigen Nutzern gelegt werden sollte. Die Untersuchung dieser Zusammenhänge und Effektivität von Strategien sind wichtige neue Forschungsfelder. 

Fussnoten

1Gruppe für Agrarökonomie und -politik, 2Gruppe für Graslandwissenschaften, 3Gruppe für Ökosystemmanagement.

Literatur

Dasgupta, P. (2021). The Economics of Biodiversity: the Dasgupta Review. HM Treasury.

Falk, A., Becker, A., Dohmen, T., Enke, B., Huffman, D., & Sunde, U. (2018). Global evidence on economic preferences. The Quarterly Journal of Economics, 133(4), 1645-1692. https://doi.org/10.1093/qje/qjy013

Schaub, S. (2022). Global Relationships between Time Preference and Environmental Policy Performance. Environmental Science & Policy https://doi.org/10.1016/j.envsci.2021.11.017 (open access)

Singh, A. S., Zwickle, A., Bruskotter, J. T., & Wilson, R. (2017). The perceived psychological distance of climate change impacts and its influence on support for adaptation policy. Environmental Science & Policy, 73, 93-99. https://doi.org/10.1016/j.envsci.2017.04.011

Sparkman, G., Lee, N. R., & Macdonald, B. N. (2021). Discounting environmental policy: The effects of psychological distance over time and space. Journal of Environmental Psychology, 73, 101529. https://doi.org/10.1016/j.jenvp.2020.101529

Wendling, et al. (2020). 2020 Environmental Performance Index. Yale Center for Environmental Law & Policy, New Haven, USA

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About Robert Finger

I am Agricultural Economist and head of the Agricultural Economics and Policy Group at ETH Zurich. Group Website: www.aecp.ethz.ch. Private Website: https://sites.google.com/view/fingerrobert/home