Verständnis und Nachvollziehbarkeit der Agrarpolitik ist wichtiger Bestandteil, um den wahrgenommenen administrativen Aufwand zu reduzieren

Gabriele Mack, Katja Heitkämper, Nadja El Benni (Agroscope, Forschungsbereich Wettbewerbsfähigkeit und Systembewertung)

Mit der Einführung der Direktzahlungen und den damit verbundenen Nachweispflichten, vor allem auch für die freiwilligen ökologischen und landschaftspflegerischen Programme, hat der administrative Aufwand für die Betriebsleitenden – nicht nur in der Schweiz – zugenommen */**. Aus der Landwirtschaft ist daher immer häufiger der Ausruf eines „überbordenden administrativen Aufwands“ zu hören ***. Die Forderung nach administrativer Vereinfachung wurde vom BLW aufgenommen **** und spiegelt sich auch in der Zielsetzung der AP22+ wider, mit der der unternehmerische Handlungsspielraum vergrössert, die agrarpolitischen Massnahmen vereinfacht und der administrative Aufwand reduziert werden soll.

Um ein effektives Massnahmenportfolio zur Reduktion des administrativen Aufwandes entwickeln zu können, ist das Wissen um den tatsächlichen (zeitlichen) Aufwand als auch den wahrgenommenen Aufwand wichtig.

Wir haben in einer kürzlich erschienenen Publikation *****/****** den Zusammenhang zwischen Agrarpolitik, administrativem Aufwand und den die Wahrnehmung des administrativen Aufwandes beeinflussenden Faktoren am Beispiel des im Jahr 2014 eingeführten Programms zur Förderung der graslandbasierten Milch- und Fleischproduktion (GMF) untersucht *******. Die Teilnahme am Produktionssystem-Programm GMF ist mit zusätzlichem administrativen Aufwand verbunden, da neben der für den ÖLN-Nachweis notwendigen ausgeglichenen Düngerbilanz (Suisse-Bilanz) und der Anwesenheit bei der Kontrolle mit einer jährlich zu erstellenden Futterbilanz der Nachweis erbracht werden muss, dass die GMF-Anforderungen eingehalten werden.

An einer im Frühjahr 2016 durchgeführten schriftlichen Befragung nahmen knapp 900 Landwirtinnen und Landwirte teil. Die Ergebnisse zeigen folgendes Bild zum tatsächlichen administrativen Aufwand mit dem GMF-Programm:

  • Rund ein Drittel der Befragten (34 %) gaben an, der administrative Aufwand für eine Teilnahme am GMF-Programm sei zu gross, 26 % der Befragten waren unentschieden und 40 % antworteten, der administrative Aufwand sei nicht zu gross.
  • Der angegebene Zeitaufwand für die Bereitstellung der Unterlagen für die Suisse-Bilanz und die Futterbilanz beträgt im Durchschnitt 42 Minuten pro Jahr.
  • Nur 23 % der befragten Landwirtinnen und Landwirte berechnen die Suisse-Bilanz selbst, bei der Futterbilanz waren es nur 18 %. Betriebe, die die Erstellung der Bilanzen an Dritte abgeben, brauchen eigenen Angaben zufolge tendenziell mehr Zeit für die Bereitstellung der Unterlagen.
  • Der Zeitaufwand für die Bereitstellung der Unterlagen für die ÖLN-Kontrolle beträgt nach Angaben der Befragten durchschnittlich 186 Minuten, die Durchführung der Kontrolle selber durchschnittlich 86 Minuten.

Die Wahrnehmung des administrativen Aufwands durch die Landwirtinnen und Landwirte wurde mit der Bewertung der Aussage «Der administrative Aufwand für eine Teilnahme am GMF-Programm ist für mich zu gross» auf einer Fünf-Punkt-Likert-Skala gemessen (fünf mögliche Antworten von «Trifft eindeutig zu» bis «Trifft gar nicht zu»).

agroscope

Abbildung 1: Ein besseres Verständnis und Nachvollziehbarkeit der Agrarpolitik kann den wahrgenommenen administrativen Aufwand mit agrarpolitischen Programmen reduzieren

Die Resultate der Logit und Ordered-Logit-Modelle zeigen, dass die Wahrnehmung des administrativen Aufwands nicht mit dem selbst angegeben tatsächlich geleisteten Aufwand korreliert. Dagegen führen Reklamationen bei Kontrollen des ökologischen Leistungsnachweises (ÖLN) dazu, dass Landwirtinnen und Landwirte ihren administrativen Aufwand höher einschätzen. Ausserdem nehmen Landwirtinnen und Landwirte, welche die Neuerungen im Zuge des Gesamtpakets AP 14–17 als schwer verständlich empfinden, ihren administrativen Zusatzaufwand deutlich stärker wahr. Insgesamt bejahten 73% der Teilnehmenden die Aussage, dass die Neuerungen im Zuge des Gesamtpakets Agrarpolitik 2014-2017 schwer verständlich seien, auch wenn der Schutz der Umwelt für die Mehrheit der Befragten (61%) eine wichtige Aufgabe der Landwirtschaft ist.

Die in der Vergangenheit durchgeführten Projekte zur administrativen Vereinfachung zielten darauf ab, Optimierungsansätze zu erarbeiten, um die zeitliche Arbeitsbelastung der Landwirtinnen und Landwirte zu reduzieren***. Die hier vorgestellte Arbeit zeigt darüber hinaus, dass eine Optimierung der Informationspolitik des Bundes, die das Verständnis und die Nachvollziehbarkeit der Politik verbessert, dazu beitragen könnte, dass die Landwirtinnen und Landwirte ihren Administrationsaufwand als weniger hoch empfinden.

 

Referenzen

* Vatn A. (2010). An institutional analysis of payments for environmental services. Ecological Economics 69 (6), 1245–1252.

** Rørstad, P. K., Vatn, A., Kvakkestad, V. (2007). Why do transaction costs of agricultural policies vary? Agricultural Economics 36 (1), 1–11.

*** Heitkämper, K., Umstätter, C., Schick, M. (2016). Administrative Vereinfachung in der Landwirtschaft. Agrarforschung Schweiz 7 (9), 390–395. download

**** Hasler, S., Werder, D. (2018). Bericht zum Projekt «Administrative Vereinfachungen in der Landwirtschaft», Bundesamt für Landwirtschaft, 17. Mai 2016, Bern. download

***** Mack, G., Heitkämper, K., El Benni, N. (2019a). Welche Faktoren beeinflussen die Wahrnehmung des administrativen Aufwands?, Agrarforschung 10(3), 104-109. download

****** Mack, G., Kohler, A., Heitkämper, K., El Benni, N. (2019b). Determinants of the perceived administration costs caused by the uptake of an agri-environmental program. Journal of Environmental Planning and Management, In Press (open access) https://doi.org/10.1080/09640568.2018.1515311

******* Mack, G., Heitkämper, K., Käufeler, B., Möbius, S. (2017). Evaluation der Beiträge für Graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion (GMF). Agroscope Science 54, Agroscope, Ettenhausen, S. 1-99. download

Eine Antwort auf „Verständnis und Nachvollziehbarkeit der Agrarpolitik ist wichtiger Bestandteil, um den wahrgenommenen administrativen Aufwand zu reduzieren

  1. Schön zu sehen, dass diese Frage beleuchtet wird. In einem so zeitintensiven und gleichzeitig zunehmend bürokratisch geprägten Beruf wie Landwirtschaft ist es sehr wichtig, zu verstehen, was verschiedene Politiken in diesem Kontext bedeuten – gerade wenn es dann um freiwillige Politikinstrumente wie Agrarumweltmaßnahmen geht, die noch so ausgeklügelt, effektiv und effizient sein können, aber wenn sie mit signifikantem (wahrgenommenen) administrativen Aufwand verbunden sind, werden sie vermutlich nicht angenommen. Generell wäre es in diesem Kontext spannend zu wissen, wie die Zeitallokation eine*r typischen Landwirt*in aussieht.

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About Robert Finger

I am Agricultural Economist and head of the Agricultural Economics and Policy Group at ETH Zurich www.aecp.ethz.ch