Nicht die Menge allein bestimmt das Risiko

Robert Finger & Niklas Möhring. Um Risiken des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln zu senken, muss man sie messen, was häufig über mengenbasierte Indikatoren erfolgt. Doch diese verkennen Risiken.

Die Risiken aus dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln für Mensch und Umwelt zu senken ist weltweit von grosser agrar- und umweltpolitischer Relevanz. In der Schweiz streben zwei Volksinitiativen drastische Einschränkungen des Pflanzenschutzmittel-Einsatzes an, und der Bundesrat hat im Jahr 2017 einen nationalen Aktionsplan zur Reduktion von Risiken verabschiedet. Politische Massnahmen sind jedoch nur zielführend, wenn sie auf messbaren und sinnvollen Indikatoren beruhen.

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Was beim Pflanzenschutz für die Umwelt gefährlich ist, lässt sich kaum über Mengenangaben erfassen.

 

Gängige Messgrössen sind unzulänglich

Ein sinnvoller Indikator ermöglicht es, Pflanzenschutzmittel-Anwendungen nach Risiko zu klassieren. Erst dann können Massnahmen abgeleitet werden, wie etwa Anwendungseinschränkungen, Förderung bestimmter Anbaupraktiken oder Lenkungsabgaben1. In der gesellschaftlichen und politischen Diskussion dominieren jedoch mengenbasierte Indikatoren, welche etwa die ausgebrachte Menge in Kilogramm pro Hektar beziffern.

Solche Indikatoren sind kontraproduktiv, da sie Risiken verkennen und womöglich sogar verschleiern. Schädlinge werden beispielsweise mit Insektiziden bekämpft, die in geringen Dosen angewendet werden jedoch hoch toxisch sein können. Zugleich werden auch pflanzliche Öle angewendet, welche wenig toxisch sind, jedoch in grossen Mengen ausgebracht werden.

Menge und Risiko einzelner Stoffe müssen also zusammen betrachtet werden, um wirksame Massnahmen ergreifen zu können. Eine Studie aus den USA konnte zeigen, dass sich aus nationalen Statistiken berechnete Trends in der Pflanzenschutzmittel-Nutzung sogar umkehren können, je nachdem, welcher Indikator verwendet wird: Während die Menge der in den USA verwendeten Herbizide über die Zeit zugenommen hat, sind die Risiken gesunken2.

Extreme Risiken bleiben unerkannt

Wir haben in einer neuen Studie3 nun überdies gezeigt, dass mengenbasierte Indikatoren besonders risikoreiche Pflanzenschutzmittel-Anwendungen nicht als solche identifizieren können. Für die Studie testeten wir die meist verbreiteten Mengenindikatoren (Menge pro Hektar und Standardanwendungen pro Hektar) sowie den in Dänemark angewendeten Risikoindikator «Pesticide Load». Letzterer erlaubt es, detailliert und umfangreich Risiken für Mensch und Umwelt in einer Masszahl auszudrücken4.

Anhand der Schweizer Winterweizen- und Kartoffelproduktion in den Jahren 2009-2013 haben wir alle drei Indikatoren parallel berechnet. Die Analyse beruht auf tatsächlich beobachteten Anwendungsmustern von Pflanzenschutzmitteln in diversen Betrieben über mehrere Jahre und ergibt so eine realistische Abbildung. Danach haben wir untersucht, ob jene Indikatoren, die die ausgebrachten Mengen an Pflanzenschutzmitteln beziffern, auch eine Bewertung der Risiken erlauben. Berechnet haben wir dies mittels Korrelationskoeffizienten und Copulas. Korrelationskoeffizienten geben an, ob im Mittel aller Anwendungen ein Zusammenhang zwischen Risiko- und Mengenindikator besteht. Copulas erlauben es, diesen Zusammenhang speziell für die Anwendungen mit extrem niedrigen und extrem hohen Risiken zu untersuchen.

Die Resultate zeigen: Im Mittel birgt eine grössere Menge Pflanzenschutzmittel auch grössere Risiken. Aber: Extrem hohe Risiken werden von den zurzeit genutzten Mengenindikatoren überhaupt nicht identifiziert – notabene auch bei politisch umstrittenen Pflanzenschutzmitteln.

Was heisst das für die Politik?

Wenn wir Risiken für Mensch und Umwelt reduzieren wollen, ist es sicher keine sinnvolle Strategie, auf eine Reduktion hoher Mengen oder Intensitäten abzuzielen. Aussagen wie «die Menge des Pflanzenschutzmittel-Einsatzes muss reduziert werden» sind als nicht zweckdienlich, im Gegenteil: Die Nutzung von Mengenindikatoren kann zu einer Verzerrung und sogar zu einer Umkehr der Wirkung der durch die Politik eingeführten Massnahmen führen. Für eine sinnvolle Pflanzenschutzmittelpolitik braucht es einen fundierten, (inter-)nationalen Risikoindikator. Dieser fehlt momentan in vielen Ländern, auch in der Schweiz.

Dieser Beitrag ist auch im ETH Zukunftsblog erschienen (auf Deutsch und Englisch) >>

 

Referenzen
1  Zukunftsblog: Pflanzen schlauer schützen (Robert Finger 12.06.2018)

2 Kniss, A. R. (2017). Long-term trends in the intensity and relative toxicity of herbicide use. Nature communications, 8, 14865.
3 Möhring, N., Gaba, S., & Finger, R. (2019). Quantity based indicators fail to identify extreme pesticide risks. Science of The Total Environment 646, 503-523 >>
4 Kudsk, P., Jørgensen, L. N., & Ørum, J. E. (2018). Pesticide Load—A new Danish pesticide risk indicator with multiple applications. Land Use Policy, 70, 384-393.

Für Zugang zu nicht frei verfügbaren Inhalten, schreiben Sie bitte eine Email an Robert Finger (rofinger@ethz.ch)

 

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About Robert Finger

I am Agricultural Economist and head of the Agricultural Economics and Policy Group at ETH Zurich www.aecp.ethz.ch