Chancen und Herausforderungen der Paralandwirtschaft in der Alpen-Region

Sebastian Lakner. Landwirtschaftliche Betriebe suchen in zunehmenden Maße ihre Chancen in neuen landwirtschaftsnahen Betriebszweigen wie z.B. der Direktvermarktung, der Gastronomie, dem ländlichen Tourismus, der Forstwirtschaft, der Landschaftspflege oder der Vermietung/Verpachtung von Gebäuden und Maschinen. In der Schweiz ist dieser Bereich unter dem Begriff Paralandwirtschaft gut bekannt. Lt. Schweizer Agrarbericht trägt der Bereich der Paralandwirtschaft 2017 zur Erzeugung zu Herstellungspreisen 420 Mio. SFr. bei, was 4,1% des gesamten Erzeugungswertes ist.

Eine Studie* der Georg-August-Universität Göttingen, der Universität für Bodenkultur in Wien und der Schweizer Bundesforschungsanstalt Agroscope (Tänikon) hat jetzt die ökonomischen Auswirkungen der Diversifizierung auf die Produktivität und die technische Effizienz am Beispiel von Ökobetrieben in der Schweiz, Österreich und Bayern und Baden-Württemberg untersucht.

In den Nachbarländern der Schweiz, in Österreich und Deutschland sind zwar die Tätigkeiten zwar verbreitet, allerdings gibt es hierfür keinen vergleichbaren Sammelbegriff. Übersetzt in die Terminologie der Betriebswirtschaft könnte man die „Paralandwirtschaft“ als Diversifizierung über den engen Bereich der Landwirtschaft hinaus bezeichnen. In den Buchführungsdaten der drei Länder sind diese Tätigkeiten erfasst, die allerdings in der Schweiz nur in begrenztem steuerlichen Umfang bis zu einer Obergrenze von 250.000 SFR möglich sind (vgl. Schmid, Lengenhager und Steingruber 2009). Bei dieser Tätigkeit werden z.B. die Geräte oder die Infrastruktur des Betriebes noch genutzt, die erbrachten Dienstleistungen gehen jedoch über die Produktion hinaus. Der Vorteil der Diversifizierung besteht in einer Verbreitung der Einkommensquellen.

Die folgende Abbildung zeigt, dass die Diversifizierung auch in Deutschland verbreitet ist:

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Abbildung 1: Einkommenskombination in der Landwirtschaft in Deutschland (2016) (Quelle: Bundesamt für Statistik 2017).

Die ökologische Landwirtschaft eignet sich insofern besonders für eine solche Untersuchung, da hier der Trend zur Diversifizierung ausgeprägter ist als auf konventionellen Betrieben. Die Studie verwendete Buchführungsdaten aus den drei Ländern von 2003-2005 und analysierte die Daten mit Hilfe der Methode der Stochastic Frontier Analysis, die die betriebliche Effizienz schätzt und die Einflussfaktoren auf die technische Effizienz darstellt.

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Abbildung 2: Diversifizierter Bio-Betrieb mit Käserei, Bäckerei, Hofladen und Gastronomie

Das Ergebnis der Studie zeigt zwei gegenläufige Trends:

  • Zum einen können die Einnahmen dazu führen, dass landwirtschaftliche Einkommen durch Diversifizierungsmaßnahmen stabilisiert werden können. In der Schweiz und Österreich macht der Anteil der Diversifizierung 20% und 30% der Einkommen aus, in Süddeutschland ist der Anteil dagegen etwas niedriger bei im Durchschnitt 5%. Die Daten der untersuchten Ökobetriebe belegen deutlich, dass sich Ökobetriebe mehr in Richtung Diversifizierung engagieren (vergleichbare Betriebe in der Schweiz haben einen geringeren Umsatzanteil der Diversifizierung) und offensichtlich konsequenter ihre Chancen in einer breiten Aufstellung suchen.
  • Allerdings geht die Diversifizierung landwirtschaftlicher Betriebe in der Schweiz und in Süddeutschland zu Lasten der technischen Effizienz, die bei besonders stark diversifizierten Betrieben geringer ist. D.h. die breite Aufstellung geht zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit.

Dieses Ergebnis ist keineswegs überraschend: Wenn Betriebe mehrere Betriebszweige gleichzeitig führen, geht dies häufig zu Lasten der sog. Spezialisierungsvorteile in der Landwirtschaft und reduziert folglich die technische Effizienz dieser Betriebe. Multitasking erfordert hohe Managementfähigkeiten, über die nicht jede*r Betriebsleiter*in in gleichem Maße verfügt.

Was können wir aus der Studie insgesamt lernen?

Die diversifizierten Betriebe können andererseits ihre Einkommensbasis verbreitern und sind z.B. bei unerwarteten Ertragseinbrüchen oder Preisrückgängen weniger anfällig – ein Thema, was angesichts der Dürre im Sommer 2018 hoch aktuell ist (Vgl. Sind Beihilfen für die Landwirtschaft gerechtfertigt?). Die neuere betriebswirtschaftliche Literatur spricht in diesem Zusammenhang teilweise von einer „höheren betrieblichen Resilienz“, was die Widerstandsfähigkeit von Betrieben gegenüber zufälligen äußeren Einflüssen beschreibt. Ein Betrieb, der stark diversifiziert ist, ist aufgrund seiner breiten Aufstellung evtl. weniger anfällig bei zufälligen äußeren Ereignissen (wie die genannten Preiskrisen oder Missernten aufgrund von Dürre oder Starkregen).

Basierend auf den Ergebnisse liegt der Schluss nahe, dass die Entscheidung für oder gegen eine stärkere Diversifizierung auch von der Risikoeinstellung von Betriebsleiter*innen abhängig ist: Wenn Risiko gern in Kauf genommen wird, so ist eine Spezialisierungsstrategie ökonomisch durchaus sinnvoll, währen man bei risiko-aversen Einstellungen (wie die Studie zeigt) Diversifizierung durchaus eine mögliche Strategie zur Reduktion von Risiko sein kann, allerdings bei ggf. gleichzeitigem Effizienzverlust. Für eine Fortsetzung für zukünftige Studie könnte in der Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Risikoeinstellungen und der Diversifizierung liegen.

Ein überraschendes Ergebnis der Studie ist allerdings, dass dieser Effekt in Österreich nicht festgestellt werden konnten. In Österreich ist die Diversifizierung am stärksten ausgeprägt, so dass hier vermutlich die Integration der landwirtschaftsnahen Betriebszweige hoch ist und es daher vermutlich keine Effizienzverluste festzustellen sind. Es gibt dazu einen alternativen Erklärungsansatz, der mitunter in Entwicklungsländern zum Tragen kommt: Wenn Betriebe andere Einkommensquellen erschließen, so können sie auch ihre betriebliche Tätigkeit verbessern und durch das zusätzliche Einkommen steigt auch die Effizienz des Betriebes. Der Grund dafür liegt v.a. auch in einer verbesserten Nutzung der Arbeitskraft, die bei ausschließlicher landwirtschaftlicher Tätigkeit nicht immer zu 100% effizient eingesetzt wird.

Die Studie beschäftigt sich auch mit der Rolle der agrarpolitischen Förderung in den drei Ländern: Hierbei zeigt sich, dass die Betriebe in der Alpenregion in hohem Maße von agrarpolitischer Förderung abhängen. Die Direktzahlungen (2003-05 in DE/AT noch gekoppelt, in CH schon entkoppelt) und teilweise auch die Umweltzahlungen wirken negativ auf die technische Effizienz und reduzieren die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe. Andererseits erscheint es gerade in der Landwirtschaft in den bergigen Regionen ohne Förderung schwierig, da viele Betriebe gerade in den Alpen gesellschaftliche Leistungen wie die Offenhaltung der Landschaft oder die extensive Bewirtschaftung von Bergwiesen bereitstellen. Gerade gesellschaftliche Leistungen sind ein gutes Argument für agrarpolitische Förderung, das auch in der ökonomischen Theorie als Eingriffsgrund akzeptiert ist.

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Abbildung 3: Weidehaltung des gleichen Bio Milchviehbetrieb im bayrischen Allgäu

Für zukünftige Studie sollten die strukturellen Unterschiede der drei Länder stärker berücksichtigt werden, was im Rahmen dieser Studie nicht möglich war: Die Modellierung der Effizienzanalyse zeigt, dass vor allem in Süddeutschland mögliche Gewinne durch Strukturwandel erzielt werden könnten, während die Modellergebnisse nahe legen, dass die Betriebe in der Schweiz und Österreich kaum Gewinne aufgrund von Größeneffekten (economies of scale) erzielen können. Ein mögliches Ziel einer neuen Modellierung wäre, die Strukturunterschiede besser in der Modellierung zu berücksichtigen, was mit diesem Datensatz nicht möglich war.

*Lakner, S., S. Kirchweger, D. Hoop, B. Brümmer, und J. Kantelhardt (2018): The Effects of Diversification Activities on the Technical Efficiency of Organic Farms in Switzerland, Austria, and Southern Germany, Sustainability 2018, 10, 1304; doi:10.3390/su10041304. Frei zugänglich verfügbar: http://www.mdpi.com/2071-1050/10/4/1304

Koautoren der Studie waren Stefan Kirchweger und Jochen Kantelhardt (Universität für Bodenkultur Wien), Daniel Hoop (Agroscope) und Bernhard Brümmer (Universität Göttingen). Bei der ersten Datenverarbeitung 2012 hat außerdem Dierk Schmid von Agroscope mitgearbeitet.

 

Dr. Sebastian Lakner lehrt und forscht als Postdoc am Lehrstuhl für Agrarpolitik an der Georg-August-Universität Göttingen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Produktivitäts- und Effizienzanalyse, Ökologische Landwirtschaft, sowie die Agrar- und Umweltpolitik in der EU. Er betreibt nebenbei den Blog Lakners Kommentare, auf denen er regelmäßig zu politischen Themen kommentiert.

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Eine Antwort auf „Chancen und Herausforderungen der Paralandwirtschaft in der Alpen-Region

  1. Paralandwirtschaft kann, muss aber nicht, für Bauern und Gesellschaft vorteilhaft sein. Häufig wird bei solchen Studien die Gesellschaft ausgeklammert, obwohl sie in der Regel einen Teil der Kosten trägt. Etwas plakativ gesagt, fördert Paralandwirtschaft in kleinen Dörfern den Bankrott des letzten Dorfladens, des letzten Restaurants, des letzten Hotels. Hofläden, Events & Co. sind zudem meist mit erheblicher Umweltverschmutzung (Lärm, Abgase) in noch wenig belasteten Gegenden verbunden – oder welcher Bauernhof liegt im Dorfzentrum? Und in welchem erhält man alles, was man für den täglichen Bedarf braucht? Die Fahrt – auf dem Lande meist per Auto – zum Einkaufszentrum wird nicht ersetzt durch den Einkauf im Hofladen. Oft wäre es z.B. sinnvoller, die Produkte im Dorfladen anzubieten. Genau diese Strategie verfolgen kleine VOLG-Läden. Das ist aber die Ausnahme. Zwar bieten die Grossverteiler auch Produkte „aus der Region“ an, aber diese wurden meist zuerst weit weg in ein Verteil-/Verarbeitungszentrum gekarrt und kommen nach vielen Transportkilometern zurück in die Region, z.B. Eier zu EIKO, Fleisch zum weit entfernten Migros-Schlachthof usw.
    Die Gesellschaft unterstützt die Landwirtschaft massiv, also soll in erster Linie die Gesellschaft von der Paralandwirtschaft profitieren. Ich kenne keine Studie, in welcher die Interessen der Gesellschaft gebührend integriert sind, Vernetzung findet nicht statt, nur Vor- und Nachteile für die Landwirtschaft werden analysiert.

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About Robert Finger

I am Agricultural Economist and head of the Agricultural Economics and Policy Group at ETH Zurich www.aecp.ethz.ch