Ist Diversität im Grasland ökonomisch wertvoll?

Sergei Schaub & Robert Finger. Lohn sich Biodiversität im Grasland?

Grasland ist das Rückgrat der landwirtschaftlichen Produktion der Schweiz und stellt rund 70% der gesamten landwirtschaftlichen Fläche dar. Die schweizerische Agrarpolitik hat zum Ziel die graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion zu fördern, um den Einsatz von Kraftfutter zu begrenzen sowie den heutigen komparativen Wettbewerbsvorteil der Produktion, resultierend aus raufutterbetonter Fütterung, langfristig zu bewahren.

Die Mehrheit der ökologischen Literatur bestätigt einen positiven Einfluss von Artenvielfalt von Pflanzen (Diversität) im Grasland auf den Ertrag und auf andere Ökosystemdienstleistung  (Finn, et al. 2013; Tilman, et al. 1996). Verantwortlich für die ertragserhöhende Wirkung der Diversität sind der Komplementaritätseffekt und der «Sampling Effect». Der Komplementaritätseffekt ergibt sich durch eine effizientere Nutzung von verfügbaren Ressourcen, da verschiedene Pflanzenarten unterschiedliche Ansprüche bzw. Bezugsquellen haben, sowie durch eine gegenseitig positive Beeinflussung von Pflanzenarten. Der «Sampling Effect» bezieht sich auf eine erhöhte Wahrscheinlichkeit die ertragreichste Art im Grasland zu haben, wenn die Anzahl der Arten höher ist. Des Weiteren hat eine höhere Diversität positive Auswirkung auf die zeitliche Stabilität der Ernte sowie auf die Reaktion auf klimatische Extreme wie Dürre oder Überflutung (Hector, et al. 2010; Isbell, et al. 2015). Diversität erzeugt also Ertragsstabilität. Dieser Mechanismus wird unter dem Versicherungseffekt von Diversität zusammengefasst.

Eine zentrale Frage bleibt jedoch, ob diese Effekte nicht nur statistisch, sondern auch ökonomisch relevant sind. Lohnt sich Diversität? Ein nächster zentraler Schritt ist daher die ökonomische Bewertung dieser Effekte um Landwirten und Politik über den monetären Mehrwert von Diversität zu informieren. In vergangenen Studien zur ökonomischen Bewertung von Diversität im Grasland, z.B. Finger und Buchmann 2015, wurde dabei demonstriert, dass sowohl die ertragssteigernde als auch die zeitlich stabilisierende Wirkung von Diversität aus landwirtschaftlicher Sicht einen ökonomischen Nutzen mit sich bringt.

Ziel des Projektes DIVERSGRASS* der AECP Gruppe (in Kooperation mit der Grasland Science Group der ETHZ, sowie in Zusammenarbeit mit der Gruppe Futterbau, Grasland und Weidesysteme bei Agroscope) ist eine ganzheitliche ökonomische-ökologische Betrachtung des Diversitätseffekts. Das Projekt soll wissenschaftlich fundierte Entscheidungsgrundlage für öffentliche und private Akteure liefern.

Im Projekt stehen folgende Forschungsfragen im Vordergrund:

  1. Wie wirkt sich im Allgemeinen höhere Diversität auf Ertrag und Ertragsstabilität im Grasland aus und was ist der Mehrwert aus einer landwirtschaftlich Perspektive?
  2. Führt höhere Diversität im Falle von klimatischen Extremen zu höheren und stabileren Erträgen und was ist der ökonomische Wert davon?
  3. Wie beeinflussen Massnahmen der Agrarpolitik und/oder Versicherungslösungen die Diversität im landwirtschaftlich genutzten Grasland?

Bei diesen Fragen soll insbesondere Qualität des Ertrags vermehrt eingebunden werden, ein Aspekt der trotz Relevanz für Landwirte bisher vernachlässigt wurde. Für diese Analyse stehen mehrere umfangreiche Datensätze aus Biodiversitätsexperimenten in extensiven aber auch intensiven Graslandsystemen Europas zur Verfügung (z.B. dem Jena Experiment, http://www.the-jena-experiment.de), welche mithilfe von ökonometrischen Verfahren analysiert werden. Die Datensätze von verschiedenen Standorten umfassen unter anderem unterschiedliche Intensitäten (hinsichtlich Düngung und Nutzungsintensität) sowie Trockenheitsexperimente.

 

*Link zum DIVERSGRASS Projekt http://www.aecp.ethz.ch/research/DIVERSGRASS.html

 

Literatur

Finger, R., and Buchmann, N. 2015. An ecological economic assessment of risk-reducing effects of species diversity in managed grasslands. Ecological Economics 110:89-97. (für eine Kopie des Artikels senden Sie bitte eine E-Mail an Robert Finger, rofinger@ethz.ch)

Finn, J. A., L. Kirwan, J. Connolly, M. T. Sebastia, A. Helgadottir, O. H. Baadshaug, G. Bélanger, A. Black, C. Brophy, and R. P. Collins. 2013. Ecosystem function enhanced by combining four functional types of plant species in intensively managed grassland mixtures: a 3‐year continental‐scale field experiment. Journal of Applied Ecology 50:365-375.

Hector, A, et al. 2010.   General stabilizing effects of plant diversity on grassland productivity through population asynchrony and overyielding. Ecology 91(8):2213-2220.

Isbell, F, et al. 2015. Biodiversity increases the resistance of ecosystem productivity to climate extremes. Nature 526(7574):574-577.

Tilman, D., D. Wedin, and J. Knops. 1996. Productivity and sustainability influenced by biodiversity in grassland ecosystems. Nature 379:718.

 

 

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About Robert Finger

I am Agricultural Economist and head of the Agricultural Economics and Policy Group at ETH Zurich www.aecp.ethz.ch