Milchmarkt: kurzfristige Rentenabschöpfung oder langfristige Wettbewerbsfähigkeit?

Andreas Gerber. Die Massnahmen der BO Milch können den Milchpreis kurzfristig stabilisieren. Taugen sie auch für die Zukunft?

Der Schweizer Milchmarkt wurde von 1992 bis 2009 schrittweise von einem plan- zu einem marktwirtschaftlichen System hingeführt. Trotzdem existieren zurzeit hohe Butterlagerbestände, welche die Branche belasten. Die öffentliche Debatte ist diesbezüglich weitgehend von Schlagwörtern wie „Butterberg“, oder „Mehrmengen“ bestimmt und vereinzelt wird der Milchmarkt gar zum Wahlthema hochstilisiert. Doch wie sind die aktuellen Instrumente aus einer agrarökonomischen Sicht zu bewerten?

Vor gut 5 Monaten haben sich die Akteure der Schweizer Milchwirtschaft im Rahmen der Branchenorganisation Milch (BOM) auf ein Massnahmenpaket zur Stabilisierung des Milchmarktes geeinigt. Aus einer ökonomischen Perspektive soll mit dem Paket eine Preisdiskriminierung dritten Grades für eine zusätzliche Rentenabschöpfung umgesetzt werden. Dies wurde in einem Standardvertragswerk verankert. Zudem sollen die Butterüberschüsse über einen von den Produzenten geäufneten Fonds exportiert werden, da bei einem alternativen Butterabsatz auf dem Inlandmarkt die Rentenabschöpfung verunmöglicht und das Rohmilchpreisniveau markant gesenkt würde. Diese Massnahmen können kurzfristig zusätzliche Renten in der Branche halten und damit den Milchpreis stabilisieren. Langfristig werden über den Fonds jedoch Fehlanreize gesetzt. Nicht marktgerechte Strukturen werden quersubventioniert und marktgerechtere Strukturen am Aufbau gehindert. Dies führt längerfristig zum Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Zunehmende Importe würden zu weiter sinkenden Preisen und Marktanteilen und damit zu einem Rentenverlust führen.

Parallel ist die Wiedereinführung einer Quotenregelung inklusive Überlieferungsabgaben in parlamentarischer Beratung („Motion Aebi“). Die Effektivität dieser Massnahme in einem deregulierten und teilweise liberalisierten Markt ist zu bezweifeln. Eine jährlich festgesetzte Quote ist bei marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu starr, um beispielsweise die Butterüberschüsse zielführend zu regulieren. Für eine vollständige Regulierung müssten nämlich nicht nur Mengen, sondern auch Preise festgelegt und eine Abnahmegarantie eingeführt werden. Eine Kontingentierung (privatwirtschaftliche oder nicht) würde Strukturen zementieren, Innovation bremsen und insbesondere dem mit der EU konkurrenzierenden Käsesektor starre Schranken setzen. Die vorgeschlagene Monopolstellung der Milchproduzenten in der Festlegung der Quoten birgt zusätzlich die Gefahr, dass über eine Mengenregulierung reine Preispolitik betrieben würde, unabhängig von den Entwicklungen auf den Märkten.

Aus einer Gesamt-Branchenperspektive kann es kurzfristig sinnvoll sein, über eine Preisdiskriminierung im Sinne des Massnahmenpakets der BOM zusätzliche Renten abzuschöpfen und die Butterlagerbestände zu exportieren. Damit es in der Schweiz jedoch auch langfristig eine erfolgreiche Milchproduktion geben kann – gegebenenfalls auch im Europäischen Umfeld –, braucht es Rahmenbedingungen, die marktgerechte und innovative Strukturen fördern. Aus dieser Sicht wäre die Wiedereinführung einer Quotenregelung zu verwerfen und auch der Fettexportfonds der BOM  kritisch zu betrachten.

Andreas Gerber hat an der ETH Agrarökonomie studiert und seine Masterarbeit zum Thema Schweizer Milchmarkt verfasst (Titel: Der Schweizer Milchmarkt zwischen den Paradigmen „Plan und Markt“). Die Arbeit ist auf Anfrage bei Andreas erhältlich: a-gerber(at)gmx.ch

Ein Gedanke zu „Milchmarkt: kurzfristige Rentenabschöpfung oder langfristige Wettbewerbsfähigkeit?

  1. bin gerade wieder aus Europa ( Bayern ) zurueck nach Suedamerika und bin entsetzt ueber die niedrigen Milchpreise in Deutschland . Da fraegt man sich wirklich wie sollen die Kleinbauern da noch ueberleben. Ich meine ja das macht das Kraut auch nicht fett , wenn man den Bauern 50 cents zahlen wuerde. Ich sehe ja hier in Paraguay das dort die Bauern umgerechnet knapp 45 cents schon fuer ihre sehr verregnete Milch bekommen . Dabei muss noch hinzugefuegt werden das hier auf keinenfall so riesige Investitionen fuer die Milchwirtschaft gemacht werden wie es in Bayern der Fall ist . Das gesetzlich vorgeschriebene Mindesteinkommen in Paraguay liegt bei ca 321 euro im Monat 48 std Woche und die Milch im Tetrapack kostet im Super 0,83 cents teuerer als in Deutschland wo ich mir denke das das Einkommen viel viel hoeher ist pro Kopf.. Da wundert es mich nicht mehr wenn in den kleinen Bauerndoerfern statt 40 Bauernhoefen jetzt nur noch 10 vorhanden sind . Der Bayerische Kleinbauer ist vom AUSSTERBEN BEDROHT man sollte sich wirklich solidaerisch mit ihnen erklaeren . Zumindest haben sie meine Stimme als ausgewandertes echtes Muenchner Kindl..fuer bessere und gerechtere Milchpreise

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