von Von Robert Huber, Sara Ammann, Claudia Bethwell, Caitriona Carlin, Viviane Fahrni, Andrea Fürholz, Katrin Karner, Raja Imran Hussain, Gesche Kindermann, Monika Sŭskevičs, Sandra Uthes, Martin Schönhart und Christian Stetter.
Unsere Übersichtsarbeit zeigt, dass kollektive Agrarumweltmassnahmen sehr unterschiedlich ausgestaltet werden können. Die Politik hat damit viele Möglichkeiten, solche Programme an die eigenen Ziele und jeweiligen Herausforderungen vor Ort anzupassen.
Agrarumweltmassnahmen stossen auf der Ebene einzelner Betriebe oft an ihre Grenzen. Viele Umweltleistungen hören nicht an der Betriebsgrenze auf, sondern entstehen erst im Zusammenspiel auf Landschaftsebene. Ein klassisches Beispiel ist die Biodiversität. Selbst wenn einzelne Betriebe Massnahmen zur Förderung der Biodiversität umsetzen, wird deren Potenzial nicht voll ausgeschöpft, wenn die Massnahmen in der Landschaft nicht aufeinander abgestimmt sind (z.B., Le Provost, et al., 2023).
Warum es kollektive Massnahmen braucht
Ein einzelner Betrieb kann beispielsweise eine extensive Wiese anlegen und damit wertvollen Lebensraum schaffen. Liegt diese Fläche jedoch isoliert zwischen intensiv bewirtschafteten Flächen, ist ihr Nutzen für Arten begrenzt, die räumliche Barrieren nicht überwinden können. Stimmen sich dagegen mehrere benachbarte Betriebe ab, können miteinander verbundene Lebensräume entstehen, die den Austausch von Genen und Arten erlauben. Pflanzen können sich zwischen diesen Flächen ausbreiten. Tiere finden über eine grössere Fläche Nahrung, Paarungspartner, Nist- und Bruthabitate.
In diesem Kontext gelten kollektive Agrarumweltmassnahmen als vielversprechender Ansatz (Prager, 2015). Die Grundidee ist einfach: Landwirtschaftsbetriebe setzen Umweltmassnahmen nicht unabhängig voneinander um, sondern stimmen sich über ihre Betriebsgrenzen hinweg räumlich ab. Im Idealfall schliessen sich mehrere Betriebe zusammen, legen gemeinsame Managementziele fest und entscheiden gemeinsam, welche Massnahmen wo am sinnvollsten umgesetzt werden. Externe fachliche Beratung kann ein Teil dieses Prozesses sein, an dessen Ende gezielt gestaltete Lebensräume stehen.
In der Praxis können kollektive Agrarumweltmassnahmen jedoch sehr unterschiedlich aussehen. Sie unterscheiden sich darin, welche agrarpolitischen Instrumente eingesetzt und wie diese konkret ausgestaltet werden. Doch welche Ansätze gibt es überhaupt und wie werden sie miteinander kombiniert?
Unser Artikel in der Fachzeitschrift Land Use Policy (Huber, et al., 2026) geht dieser Frage nach. Er trägt zum Biodiversa+ Projekt GreeNet bei, das in sechs europäischen Fallstudien die Chancen und Herausforderungen kollektiver Massnahmen analysiert.
Wir geben in unserem Artikel einen Überblick über bestehende kollektive Agrarumweltmassnahmen und zeigen, welche Ansätze bereits eingesetzt werden, und welche weiteren Gestaltungsmöglichkeiten bestehen. Damit möchten wir zeigen, welche kollektiven Ansätze besonders vielversprechend sind, um Biodiversität und Ökosystemleistungen zu erhalten und zu fördern.
Für unsere Übersicht haben wir 96 kollektive Agrarumweltmassnahmen aus 15 OECD-Ländern erfasst und miteinander verglichen. Grundlage waren 73 begutachtete wissenschaftliche Publikationen. Für die Analyse haben wir einen konzeptionellen Rahmen entwickelt, mit dem wir die eingesetzten agrarpolitischen Instrumente und ihre konkrete Ausgestaltung systematisch untersuchen konnten. Dabei betrachteten wir drei Merkmale der Instrumente selbst und zwölf Gestaltungsmerkmale ihrer Umsetzung über den gesamten Politikzyklus hinweg: von der Formulierung des Problems über die Entwicklung der Massnahme bis zu ihrer konkreten Umsetzung (siehe Abbildung 1).
Für die Analyse kombinierten wir unsere eigene Beurteilung mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI). Die KI diente dabei vor allem als zusätzliche Kontrolle unserer eigenen Bewertung. In einem schrittweisen Verfahren zwischen Forschenden und KI konnten wir so die Ausgestaltung der Massnahmen und die Erkenntnisse aus den wissenschaftlichen Publikationen transparent und nachvollziehbar zusammenführen.
Internationale Beispiele zeigen: Es gibt nicht die eine kollektive Massnahme
Unsere Ergebnisse zeigen, dass kollektive Agrarumweltmassnahmen in der Agrarpolitik sehr unterschiedlich umgesetzt werden. Es gibt also nicht «die» kollektive Massnahme, sondern eine Vielzahl möglicher Ausgestaltungen und Kombinationen von Instrumenten. Für die Agrarpolitik verschiebt sich damit die entscheidende Frage. Es geht weniger darum, ob kollektive Massnahmen eingesetzt werden sollen, sondern vor allem darum, wie sie ausgestaltet werden. Entscheidend ist, dass sie zu den agrarpolitischen Zielen und Herausforderungen vor Ort passen und ihre verschiedenen Elemente sinnvoll zusammenspielen. Ein Beispiel aus unseren Ergebnissen betrifft die finanzielle Unterstützung (siehe Abbildung 1).
Kollektive Agrarumweltmassnahmen setzen meist auf finanzielle Anreize für die teilnehmenden Betriebe. Häufig können die Betriebe dabei aus einer vorgegebenen Liste von ökologischen Massnahmen auswählen. Das gibt ihnen die nötige Flexibilität, um Massnahmen zu wählen, die zu ihrem Betrieb passen. Gleichzeitig kann sichergestellt werden, dass nur Massnahmen zur Auswahl stehen, von denen eine positive Umweltwirkung erwartet wird. Dieser Ansatz bildet einen Mittelweg zwischen rein massnahmenorientierten Zahlungen, bei denen bestimmte Aktivitäten vorgeschrieben werden, und ergebnisorientierten Zahlungen, bei denen die erreichte Umweltleistung im Vordergrund steht. Rein ergebnisorientierte Zahlungen, die an das gesamte Kollektiv ausgerichtet werden, sind in der Praxis hingegen selten.

In vielen kollektiven Agrarumweltmassnahmen spielt zudem die Koordination durch Dritte eine wichtige Rolle. Umweltorganisationen, regionale Projektträger, oder Beratungsstellen übernehmen definierte Aufgaben. Sie koordinieren die Zusammenarbeit, unterstützen bei administrativen Belangen, vermitteln bei Konflikten und bringen fachliches Wissen ein. Dass die Landwirtschaftsbetriebe kollektive Programme vollständig selbst entwickeln und verwalten, ist gemäss unserer Übersicht eher die Ausnahme als die Regel. Die von uns untersuchten Studien geben auch klare Empfehlungen für die Umsetzung kollektiver Agrarumweltmassnahmen (Abbildung 2). Rund zwei Drittel betonen, wie wichtig es ist, die betroffenen Akteure frühzeitig einzubeziehen. Als weiterer zentraler Erfolgsfaktor gilt, neue kollektive Massnahmen gut in die bestehende Agrarpolitik zu integrieren. Weitgehend einig sind sich die Autorinnen und Autoren der Studien auch bei der Finanzierung: Landwirtschaftsbetriebe müssen für ihre Leistungen angemessen finanziell entschädigt werden.
Wissenschaftliche Empfehlungen zu kollektiven Agrarumweltmassnahmen

Aus einer übergeordneten Perspektive lassen sich aus unserer Analyse vier zentrale Punkte für die Entwicklung kollektiver Agrarumweltmassnahmen ableiten:
- Die Vielfalt der Möglichkeiten nutzen. Kollektive Agrarumweltmassnahmen sind kein einheitliches Instrument. Die Agrarpolitik sollte die unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten nutzen, um die eigenen Ziele besser zu erreichen und lokale Rahmenbedingungen zu berücksichtigen.
- Verschiedene Instrumente kombinieren. Vielversprechend erscheint eine Kombination verschiedener Ansätze, etwa finanzielle Anreize, Aus- und Weiterbildung, Beratung oder Informationen, beispielsweise über Gütesiegel/Labels in der Vermarktung der Agrarprodukte.
- Auf ein stimmiges Gesamtpaket achten. Die verschiedenen Instrumente und ihre konkrete Ausgestaltung sollten sinnvoll zusammenspielen und gut in die bestehende Agrarpolitik integriert werden.
- Betroffene Akteurinnnen und Akteure frühzeitig einbeziehen. Die Einbindung von Landwirtschaft, Beratung, Naturschutz und weiteren betroffenen Akteuren bereits bei der Entwicklung der Massnahmen ist ein wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Umsetzung.
Unsere Ergebnisse haben zwei wichtige Einschränkungen. Erstens fanden wir keine wissenschaftlichen Analysen, die (ex-post, d.h. nach einer Umsetzung) einen kausalen Zusammenhang zwischen kollektiven Agrarumweltmassnahmen und Verbesserungen der Biodiversität oder anderer Ökosystemleistungen nachweisen. Hier besteht eine wichtige Forschungslücke. Zweitens stützt sich unsere Analyse ausschliesslich auf die von uns identifizierte wissenschaftliche Literatur. Zusätzliche Quellen wie Berichte oder Gesetzestexte haben wir nicht ausgewertet. Unsere Ergebnisse bilden die tatsächliche Ausgestaltung kollektiver Massnahmen daher nur aus einer wissenschaftlichen Perspektive und damit möglicherweise nicht vollständig ab. Zukünftige Untersuchungen könnten diese Lücke schliessen, indem sie weitere Quellen berücksichtigen und beispielsweise Expertinnen und Experten einbeziehen (siehe z.B., Eichhorn, et al., 2026).
Auch in der Schweizer Agrarpolitik spielen kollektive Ansätze bereits eine wichtige Rolle. Beispiele sind die bisherigen Vernetzungs- und Landschaftsqualitätsbeiträge. Ab 2028 werden diese Instrumente neu ausgerichtet und in den Beiträgen für regionale Biodiversität und Landschaftsqualität zusammengeführt. Unsere Übersicht der internationalen Literatur zu kollektiven Agrarumweltmassnahmen zeigt mögliche Wege auf, um Herausforderungen und Spannungsfelder bei der Ausgestaltung und Umsetzung solcher Instrumente frühzeitig zu erkennen und gezielt anzugehen (Häusler, et al., 2026).
Fazit: Kollektive Agrarumweltmassnahmen bieten grosses Potenzial für eine nachhaltigere Agrarpolitik. Damit dieses Potenzial genutzt werden kann, braucht es jedoch mehr als die Bereitschaft einzelner Betriebe zur Zusammenarbeit. Die Agrarpolitik muss verlässliche und aufeinander abgestimmte Rahmenbedingungen schaffen, die Zusammenarbeit gezielt fördern und die dafür notwendigen regionalen Akteure langfristig unterstützen.
Link zum Artikel (English)
Kontakt: rhuber@ethz.ch.
Autorinnen und Autoren:
Robert Huber, Sara Ammann, Viviane Fahrni, Andrea Fürholz, Christian Stetter: ETH Zürich, Agricultural Economics and Policy
Claudia Bethwell, Sandra Uthes: Leibniz Centre for Agricultural Landscape Research (ZALF)
Caitriona Carlin, Raja Imran Hussain, Gesche Kindermann: Earth and Life Sciences, School of Natural Sciences, University of Galway, Ireland
Katrin Karner: BOKU University, Austria Institute of Sustainable Economic Development, Department of Economics and Social Sciences, BOKU University, Austria
Monika Suškevičs: Institute of Agricultural and Environmental Sciences, Estonian University of Life Sciences, F. R. Kreutzwaldi 5, 51006 Tartu, Estonia
Martin Schönhart: Federal Institute of Agricultural Economics, Rural and Mountain Research
Literatur
Eichhorn, T., et al. (2026). Design principles for result-based, collective and value chain-based environment and climate contract solutions in agriculture and forestry: Learning from 44 case studies across Europe. Land Use Policy 170: 108196.
Häusler, M., et al. (2026). Der neue Förderbeitrag für regionale Biodiversität und Landschaftsqualität. Agrarforschung Schweiz 17: 83-90.
Huber, R., et al. (2026). A review of collective agri-environmental schemes using a human–AI framework. Land Use Policy 171: 108285.
Le Provost, G., et al. (2023). The supply of multiple ecosystem services requires biodiversity across spatial scales. Nature Ecology & Evolution 7: 236-249.
Prager, K. (2015). Agri-environmental collaboratives for landscape management in Europe. Current Opinion in Environmental Sustainability 12: 59-66.