Schweizer Winzerinnen und Winzer werden die Fläche von robusten Rebsorten in den nächsten 10 Jahren deutlich erhöhen

Lucca Zachmann, Chloe McCallum und Robert Finger*

Reben sind eine der wichtigsten wirtschaftlichen Kulturpflanzen in vielen europäischen Ländern, auch in der Schweiz. Der Weinbau gehört auch zu den pflanzenschutzmittelintensivsten landwirtschaftlichen Sektoren. Rund 1/3 aller in der Schweiz verwendeten Pflanzenschutzmittel sind Fungizide in Reben (de Baan 2020). Der aktuelle Einsatz von Pflanzenschutzmittel hat potenziell negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt. Deshalb sind die Reduzierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes und damit verbundene Risiken zentrale Ziele in der Agrarpolitik. Die Produktion von Weintrauben mit geringerem Pflanzenschutzmitteleinsatz könnte dabei eine Schlüsselrolle spielen.

Reben sind anfällig auf Pilzkrankheiten und erfordern deshalb viel Pflanzenschutz, so auch grosse Mengen an Fungiziden. Die effektivste Strategie, um diesen Fungizideinsatz substanziell zu reduzieren, liegt in der Umstellung auf robuste Rebsorten die pilzwiderstandsfähiger sind (Viret et al. 2019). Diese ermöglichen den Fungizid Einsatz im Schnitt um 80% zu reduzieren. Ihr aktueller Flächenanteil in der Schweiz ist mit rund 3% der gesamten Rebfläche niedrig (Finger, Zachmann, and McCallum 2023). Für die Betriebe, die robuste Sorten bereits nutzen, beträgt der Anteil robuster Sorten zur gesamten Rebbaufläche pro Betrieb 10.2%. Der Umstellungsprozess auf neue Sorten ist ein langfristiger Prozess, da Weinreben im Schnitt nur alle 25–35 Jahre erneuert werden. Es stellt sich die Frage, wie die zukünftige Entwicklung bezüglich der Anpflanzung von robusten Rebsorten aussieht und welche Faktoren deren Anpflanzung beeinflussen.

Abbildung 1: Repräsentative Strichprobe von 436 Winzerinnen und Winzer aus der gesamten Schweiz

In einer kürzlich veröffentlichten Studie in der Fachzeitschrift Journal of Wine Economics zeigen wir, dass Schweizer Winzerinnen und Winzer in den nächsten zehn Jahren einen deutlichen Anstieg der Anbauflächen für robuste Sorten erwarten (Zachmann, McCallum, and Finger 2024). Wir haben im Jahr 2022 436 Weinbaubetriebe in der gesamten Schweiz befragt, welchen Anteil ihrer Rebbauflächen sie in zehn Jahren robusten Sorten widmen werden. Die Ergebnisse zeigen (Abbildung 1), dass etwa ein Drittel der Neuanpflanzungen im nächsten Jahrzehnt robuste Sorten sein werden. Als Ergebnis beträgt der durchschnittlich erwartete Anteil der Flächen pro Betrieb, die in zehn Jahren den neuen Sorten gewidmet sind, 27.4%. (im Vergleich zu 10.2% im Jahr 2022). Das entspricht einem Anstieg um 169%.

Diese Entwicklung ist jedoch sehr regionsspezifisch. Abbildung 2 zeigt, dass diese Flächenzunahme von robusten Sorten in den sechs Schweizer Weinregionen unterschiedlich ausfällt.

Abbildung 2: Regionale Flächenveränderungen von robusten Sorten je Betrieb. Die schwarzen horizontalen Linien stellen den Durchschnitt je Weinregion dar.

Abbildung 2 zeigt die Änderung in Prozentpunkten (pp) zwischen dem erwarteten Anteil an Flächen, die in zehn Jahren den robusten Sorten gewidmet sind, und den aktuellen Anteilen pro Betrieb. Obwohl einige Weinbauern im deutschsprachigen Teil der Schweiz und im Tessin einen Rückgang ihrer für robuste Sorten gewidmeten Flächen prognostizieren (N = 22 von insgesamt 436), erwartet die grosse Mehrheit eine Zunahme der erwarteten Anteile an Flächen, die in zehn Jahren robusten Sorten gewidmet sind. Diese Veränderung ist am grössten im Tessin (im Durchschnitt 24 pp), in der Region Trois Lacs (19 pp) und im deutschsprachigen Teil der Schweiz (17 pp) und geringer in Waadt (16 pp), Wallis (13 pp) und Genf (12 pp).

Mit detaillierten statistischen Analysen stellen wir fest, dass insbesondere Eigenschaften der Betriebe erklären, welche Betriebe in den nächsten zehn Jahren einen Anstieg des Flächenanteils von robusten Sorten erwarten. Erstens, hat die erwartete Wiederbepflanzungsrate (in den nächsten 10 Jahren) einen grossen positiven Einfluss auf die erwartete zukünftige Veränderung von robusten Sorten. Eine Erhöhung der Wiederbepflanzungsrate um 1 pp geht mit einer Erhöhung der Fläche, die den robusten Sorten gewidmet ist, um 0.32 pp einher. Zweitens, stellen wir fest, dass konventionelle Weinbauern (d.h. nicht biologisch produzierende Winzerinnen und Winzer) erwarten, ihren Flächenanteil von robusten Sorten in den nächsten zehn Jahren stärker zu erhöhen als Biobetriebe. Biobetriebe widmen aktuell mehr Fläche robusten Sorten (Finger, Zachmann, and McCallum 2023), in Zukunft werden nun konventionelle Betreibe zulegen. Drittens, sind Weinbauern, die robuste Sorten als vorteilhafter für die menschliche Gesundheit der Weinbauern und der Gemeinschaften in der Umgebung der Betriebe ansehen (im Vergleich zu herkömmlichen Sorten), angeben ihren Flächen Anteil zu erhöhen.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass von den rund 4’800 Hektaren Rebfläche die in den nächsten zehn Jahren in der Schweiz erneuert werden, rund 1’500 Hektaren mit robusten Sorten bepflanzt werden. Die daraus resultierenden Einsparungen im Einsatz von Pflanzenschutzmitteln für die Schweizer Landwirtschaft wären massiv. So würde die Anzahl der Pflanzenschutzmittelbehandlungen in den Rebbergen mindestens um etwa 32.000 Behandlungen pro Jahr sinken. Es gibt jedoch viele Faktoren auf Seiten Produktion, Markt und Politik, die diese Anbauentscheidungen beeinflussen können (Finger, Zachmann, and McCallum 2023).

Studie (open access):

Zachmann, Lucca, Chloe McCallum, and Robert Finger. “Determinants of the Adoption of Fungus-Resistant Grapevines: Evidence from Switzerland.” Journal of Wine Economics, April 29, 2024, 1–33. https://doi.org/10.1017/jwe.2023.36.

Referenzen

Baan, Laura de. 2020. “Agrarbericht 2020 – Wasser Und Landwirtschaft.” 2020. https://2020.agrarbericht.ch/de/umwelt/wasser/verkauf-und-einsatz-von-pflanzenschutzmitteln.

Finger, Robert, Lucca Zachmann, and Chloe McCallum. 2023. “Short Supply Chains and the Adoption of Fungus‐resistant Grapevine Varieties.” Applied Economic Perspectives and Policy 45 (3): 1753–75. https://doi.org/10.1002/aepp.13337.

Viret, Olivier, Jean-Laurent Spring, Vivian Zufferey, Katia Gindro, Christian Linder, Alain Gaume, and F. Murisier. 2019. “Past and Future of Sustainable Viticulture in Switzerland.” Edited by P. Roca. BIO Web of Conferences 15: 01013. https://doi.org/10.1051/bioconf/20191501013.

Zachmann, Lucca, Chloe McCallum, and Robert Finger. 2024. “Determinants of the Adoption of Fungus-Resistant Grapevines: Evidence from Switzerland.” Journal of Wine Economics, April, 1–33. https://doi.org/10.1017/jwe.2023.36.

* Autoren: Lucca Zachmann, Chloe McCallum, Robert Finger, Gruppe für Agrarökonomie und Agrarpolitik, ETH Zürich. Kontakt: lzachmann@ethz.ch

Diese Arbeit wurde mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds im Rahmen des Projekts ‘Evidence-based Transformation in Pesticide Governance’ (Grant 193762) realisiert. Grosser Dank gilt den Produzentinnen und Produzenten, die sich an der Umfrage beteiligt haben.

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2 Antworten auf „Schweizer Winzerinnen und Winzer werden die Fläche von robusten Rebsorten in den nächsten 10 Jahren deutlich erhöhen

  1. Im Bericht wird folgendes erwähnt: „Rund 1/3 aller in der Schweiz verwendeten Pflanzenschutzmittel sind Fungizide in Reben (de Baan 2020).“ Dieser hohe Anteil überrascht mich.
    In der erwähnten Quelle wird erwähnt, dass der jährliche Pfanzenschutzmitteleinsatz ca. 2000 Tonnen beträgt. Ferner zeigt das Säulendiagramm, dass der Fungizideinsatz in Reben bei etwa 350 Tonnen liegt.
    Auf Grundlage dieser Daten müsste der Satz lauten: „17.5 Prozent aller in der Schweiz verwendeten Pflanzenschutzmittel sind Fungizide in Reben.“

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  2. Besten Dank für Ihre Rückmeldung. Insgesamt werden laut zitieren Agrarbericht https://2020.agrarbericht.ch/de/umwelt/wasser/verkauf-und-einsatz-von-pflanzenschutzmitteln 2000 Tonnen im Jahr 2018 eingesetzt, davon sind 50% Fungizide. Laut Agrarbericht werden ca 60% der Fungizide in Reben eingesetzt. So wären laut diesen Angaben 0.5 *0.6=0.3 30% aller Pflanzenschutzmittel in der Schweizer Landwirtschaft Fungizide im Rebbau.

    Das gesagt, ist diese Zahl wohl eher ein Richtwert, der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln variiert ja stark. Insgesamt fehlen zudem oft die genauen Daten was wo wie eingesetzt wird, hier dazu ein paper https://www.nature.com/articles/s41559-021-01574-1, aber mit digiflux plant die Schweiz da Anpassungen.

    Zu dem Säulendiagram ‘Einsatzmengen pro Kultur, Jahr und Wirkstoffgruppe’ das Sie ansprechen: da fehlen die Fungizide, die auch im Biolandbau zugelassen sind. Das heisst, die Summe aller Fungizide in diesem Diagramm ist weit weniger als die gesamte Einsatzmenge. Und ja, auch die Fungizide die im Biolandbau verwendet werden sind nicht unkritisch, z.B. Kupfer.

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About Robert Finger

I am professor of Agricultural Economics and Policy at ETH Zurich. Group Website: www.aecp.ethz.ch. Private Website: https://sites.google.com/view/fingerrobert/home