Preisweitergabe im Schweizer Milchmarkt

Von Judith Hillen* und Stephan von Cramon-Taubadel**. Die Agroscope hat die Weitergabe von Preisen im Schweizer Milchmarkt untersucht. Qualitative Produktdifferenzierungen reduzieren die Abhängigkeit von ausländischen Preisentwicklungen. Im Inland hat die Differenzierung jedoch geringe Auswirkungen auf die Weitergabe von Preisen entlang der Wertschöpfungskette.

Zwei Studien1,2 von Agroscope haben die Weitergabe von Preisen (die sogenannte Preistransmission) für den Schweizer Milchmarkt untersucht. Die empirischen Untersuchungen von Preisdaten des Bundesamts für Landwirtschaft der Jahre 2004 bis 2018 fokussierten auf zwei Fragen: Erstens, wie stark werden die Schweizer Preise von EU-Preisentwicklungen beeinflusst (horizontale Preistransmission)? Zweitens, wie stark werden Preisänderungen entlang der Schweizer Wertschöpfungsketten weitergegeben, also von Produzenten bis zum Detailhandel, oder vice versa (vertikale Preistransmission)?

Zur horizontalen bzw. räumlichen Preistransmission zwischen der EU und der Schweiz1 bietet sich folgendes Bild: Auf Ebene der verarbeiteten Produkte (Käse, Butter, Milchpulver) wirken sich Änderungen von EU-Preisen nicht, oder nur sehr schwach auf Schweizer Preise aus, obwohl gerade beim Käse grosse Handelsströme die beiden Märkte verbinden.

Auf Stufe der Produzentenpreise sind die Abhängigkeiten dagegen grösser. Obwohl die unverarbeitete Rohmilch nicht international gehandelt wird, sind die Produzentenpreise von Entwicklungen der EU-Preise abhängig. Am stärksten abhängig von EU-Preisen ist Milch, die zu Molkereiprodukten verarbeitet wird, obwohl für diese Produkte nach wie vor ein recht hoher Grenzschutz durch Zölle und Zollkontingente besteht. Milch, die zu Käse verarbeitet wird, ist weniger abhängig. Insbesondere die Preise für gewerblich verkäste Milch sind nicht nur höher als die für Molkereimilch, sondern auch unabhängiger von ausländischen Preisentwicklungen. Gänzlich losgelöst von EU-Preisen ist der Produzentenpreis für Schweizer Bio-Milch.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass durch qualitative Produktdifferenzierung (z.B. Käsespezialitäten aus silofreier Milch, biologische Produktion) nicht nur höhere, sondern vor allem auch stabilere Preise erzielt werden können, die unabhängiger von ausländischen Preisentwicklungen sind. Der staatliche Grenzschutz alleine sorgt zwar für ein allgemein höheres Preisniveau, kann aber nicht davor schützen, dass sich die Volatilität ausländischer Märkte auf die Schweizer Preise überträgt.

Abbildung 1: Illustrative Zusammenfassung der Studienergebnisse zur horizontalen Preistransmission zwischen Deutschland und der Schweiz. Die Prozentwerte geben an, wie viel Prozent der Variabilität im deutschen Preis auf den entsprechenden Schweizer Preis übertragen wird. Analysen mit aggregierten EU-Preisen führen zu qualitativ ähnlichen Ergebnissen. Für detaillierte Resultate, siehe Hillen und von Cramon-Taubadel (2019)1.

Eine zweite Studie2 untersucht die Preistransmission innerhalb der Schweiz, also die Weitergabe von Preissignalen zwischen Produzenten, Grossisten, Exporteuren, und Detailhandel. Insgesamt werden Preisänderungen nur in geringem Umfang und mit grosser Verzögerung zwischen den einzelnen Stufen weitergegeben. Überraschenderweise zeigen sich hier keine systematischen Unterschiede zwischen den Wertschöpfungsketten im Molkerei-, Käserei-, und Bio-Segment. Trotz der engeren Verknüpfung zwischen den Marktteilnehmern und der grösseren Preistransparenz bei der Käse-Verarbeitung werden auch hier Preisänderungen kaum weitergegeben. Die grosse Ausnahme ist der Gruyère: Hier besteht nicht nur eine signifikante Preisweitergabe entlang der gesamten Wertschöpfungskette, es ist sogar so, dass steigende Export- und Detailhandelspreise stärker an Produzenten weitergegeben werden als sinkende Preise. Dass der Sortenorganisation Gruyère solch eine Erfolgsbeteiligung der Milchbauern gelingt, kann nicht nur am AOP-Status liegen. Bei Emmentaler konnte zum Beispiel kein langfristiger Zusammenhang zwischen Produzenten- Export- und Detailhandelspreisen festgestellt werden; es scheint also keine direkte Preisweitergabe entlang der Wertschöpfungskette stattzufinden. Die Gründe für die allgemein geringe Preistransmission innerhalb des Schweizer Milchmarktes und die Unterschiede zwischen den einzelnen Produkten wurden in dieser Studie nicht untersucht. Hierzu wäre eine weiterführende Analyse der Marktstrukturen und Lieferverträge aufschlussreich.

*Judith Hillen ist Doktorandin in der Gruppe für Sozioökonomie an der Agroscope Tänikon.

** Stephan von Cramon-Taubadel ist Professor für Agrarpolitik am Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung in Göttingen.

Referenzen

1 Hillen, J., & von Cramon‐Taubadel, S. (2019). Protecting the Swiss milk market from foreign price shocks: Public border protection vs. quality differentiation. Agribusiness, 35(4), 516-536. https://doi.org/10.1002/agr.21602.

2 Hillen, J. (2021). Vertical Price Transmission in Swiss Dairy and Cheese Value Chains. Agricultural and Food Economics, 9 (online first). https://doi.org/10.1186/s40100-021-00187-3

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