Ein Framework zur Bewertung der Resilienz landwirtschaftlicher Systeme

Beitragende AECP Autoren: Robert Finger & Willemijn Vroege.

Die Agrarsysteme Europas stehen vor zunehmenden wirtschaftlichen, klimatischen und sozialen Herausforderungen, welche die Resilienz (auch Widerstandsfähigkeit) landwirtschaftlicher Betriebe in Europa beeinträchtigen können. Ein resilientes landwirtschaftliches System stellt wichtige Systemfunktionen (d.h. private und  öffentliche Güter) trotz zunehmend komplexerer und häufigerer wirtschaftlicher, sozialer, ökologischer und institutioneller Schocks und Belastungen bereit (Abbildung 1). Solch eine resiliente Landwirtschaft ist daher ein wichtiges agrarpolitisches und gesellschaftliches Ziel. Dafür ist es relevant, dass ein System robust, anpassungsfähig und transformierbar ist – dies ist unsere Definition für Resilienz (Abbildung 2).

Fig1

Abbildung 1. Adaptive Zyklen in der Landwirtschaft (Quelle: Meuwissen et al., 2019)

Im Rahmen des SURE-Farm Projektes “Towards SUstainable and REsilient EU FARMing systems”, eines Forschungs- und Innovationsprojekts im Rahmen des EU-Programms Horizon 2020, welches 16 Universitäten und Forschungsinstitute aus 11 europäischen Ländern umfasst, haben wir vor kurzem eine Studie zu diesem Thema in der Zeitschrift Agricultural Systems veröffentlicht*.

Fig2

Abbildung 2. Drei Resilienzkapazitäten in landwirtschaftlichen Systemen (Quelle: Meuwissen et al., 2019)

In dieser Studie entwickeln wir einen Rahmen zur Bewertung der Resilienz landwirtschaftlicher Systeme und eine Methodik zur Operationalisierung des Konzeptes im Hinblick auf die verschiedenen landwirtschaftlichen Systeme in Europa. Mittels dieses konzeptionellen und methodischen Frameworks soll die Resilienz gegenüber spezifischen Herausforderungen (spezifische Resilienz) sowie die generelle Fähigkeit eines landwirtschaftlichen Systems Schocks umzugehen (generelle Resilienz), messbar gemacht werden (Abbildung 3).

Fig3

Abbildung 3. Framework zur Bewertung der Resilienz landwirtschaftlicher Systeme. (Quelle: Meuwissen et al., 2019)

Damit bietet das Framework eine Heuristik zur Analyse der Resilienz in fünf Schritten: 1) Analyse der Systemeigenschaften, 2) Erfassung der Herausforderungen (Schocks, Langzeitbelastungen), 3) Identifikation von Indikatoren zur Messung der Leistung von Systemfunktionen, 4) Beurteilung der Resilienzskapazitäten und 5) Beurteilung von widerstandsverbessernden Attributen. Neu ist dabei insbesondere die Analyse auf Ebene des landwirtschaftlichen Systems, die Berücksichtigung von diversen Herausforderungen und verschiedenen landwirtschaftlichen Prozessen. Zudem wird berücksichtigt, dass landwirtschaftliche Systeme mehrere Funktionen bieten, die sich im Laufe der Zeit ändern können (Abbildung 3).

Es zeigt sich, dass die Resilienz in einem regionalen Kontext angegangen werden muss, nämlich auf der Ebene der landwirtschaftliche Systeme, da landwirtschaftliche Betriebe, Verbände, Dienstleister und Akteure der Lieferkette in die lokalen Umgebungen und Funktionen der Landwirtschaft eingebettet sind (Abbildung 4). Darüber hinaus stellt die Unterscheidung zwischen drei Resilienzfähigkeiten (Robustheit, Anpassungsfähigkeit, Wandlungsfähigkeit) sicher, dass das Framework über enge Definitionen hinausgeht, die die Widerstandsfähigkeit auf Robustheit beschränken.

Fig4

Abbildung 4. Charakterisierung eines landwirtschaftlicher Systems und beispielhafte Akteure. (Quelle: Meuwissen et al., 2019)

Momentan wird das Framework verwendet, um die Resilienz in 11 Fallstudienregionen zu beurteilen (Abbildung 5). Dazu charakterisieren Forscher des SURE-farm Projektes in den Fallstudienregionen die Systemeigenschaften, die Herausforderungen und Indikatoren zur Messung der Resilienz. Für die letzte zwei Schritte, das Beurteilen der Kapazitäten und Attribute, beziehen wir uns im SURE-Farm Projekt auf landwirtschaftlichen Praktiken, Risikomanagement, Betriebsdemografie und Governance sowie deren adaptiven Kreislaufprozesse. Dabei wird ein Ansatz mit gemischten Methoden verwendet: Quantitative Methoden wie Statistik, Ökonometrie und Modellierung werden verwendet, um zugrunde liegende Muster, kausale Erklärungen und beitragende Faktoren zu identifizieren. Qualitative Methoden wie Interviews, partizipative Ansätze und Stakeholder-Workshops greifen auf Erfahrungswissen und Kontextwissen zu und gewähren differenziertere Einblicke. Im Einzelnen werden bei der Analyse entlang des Frameworks mehrere verschachtelte Ebenen von Anbausystemen (z.B. landwirtschaftlicher Betrieb, landwirtschaftlicher Haushalt, Lieferkette, Anbausystem) über einen Zeithorizont von 1 bis 2 Generationen untersucht, wodurch Überlegungen zu potenziellen zeitlichen und skalaren Kompromissen im Hinblick auf die Resilienz möglich sind.

fig5

Abbildung 5. Karte der 11 Fallstudienregionen des SURE-Farm Projektes

 

Die AECP Gruppe der ETH Zürich entwickelt im Rahmen des SURE-Farm Projektes verbesserte Strategien zum Umgang mit extremen Witterungsrisiken, z.B. durch neue und innovative Versicherungslösungen**.

 

Referenzen

*Meuwissen, M.P.M., Feindt, P.H., Spiegel, Al., Termeer, C.J.A.M, Mathijs, E., de Mey, Y., Finger, R., Balmann, A., Wauters, E., Urquhart, J., Viagini, M., Zawalińska, K., Herrera, H., Nicholas-Davies, P., Hansson, H., Paas, W., Slijper, T., Coopmans, I., Vroege, W., Ciechomska, A., Accatino, F., Kopainsky, B., Poortvliet, P.M., Candel, J.J.L., Maye, D., Severini, S., Senni, S., Soriano, B., Lagerkvist, C.J., Peneva, M., Gavrilescu, C., Reidsma, P. (2019) A framework to assess the resilience of farming systems. Agricultural Systems 176: 102656 >> (Open access)

** Vroege, W., Dalhaus, T., Finger, R. (2019). Index insurances for grasslands – A review for Europe and North-America. Agricultural Systems 168, 101-111 >> (Open access)

Projektwebsite: https://surefarmproject.eu

 

 

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About Robert Finger

I am Agricultural Economist and head of the Agricultural Economics and Policy Group at ETH Zurich www.aecp.ethz.ch