Risikomanagement in der Landwirtschaft – welchen Einfluss haben die persönliche Wahrnehmung und die Risikoeinstellung?

Manuela Meraner und Robert Finger

In der Landwirtschaft sind Betriebe sowie die dahinter stehenden Familien einer Vielzahl verschiedener Risiken ausgesetzt. Wie mit einzelnen Risiken umgegangen wird und welche Strategien des Risikomanagements optimal sind, hängt von verschieden Faktoren ab. Zum Beispiel spielt die jeweilige Risikoeinstellung des Landwirts eine grosse Rolle. Die Risikoeinstellung kann von Person zu Person aber auch situationsbezogen sehr unterschiedlich sein. Generell differenziert man zwischen risikoscheuem, risikofreudigem und risikoneutralem Verhalten. Zudem sind oft auch persönliche Charakteristiken (z.B. das Alter, die Betriebsgrösse etc.) zentral bei der Wahl von Risikomanagementstrategien. Des Weiteren, hat natürlich die persönliche Wahrnehmung der Risikofaktoren denen der Betrieb hauptsächlich ausgesetzt ist einen grossen Einfluss auf die Wahl der Risikomanagementinstrumente. Um Risikofaktoren zu bewerten sind die Eintrittswahrscheinlichkeit und die erwartete Schadensauswirkung wichtig. Dabei steht bei ersterem die Frage für wie wahrscheinlich der Eintritt eines bestimmten Risikos gehalten wird im Vordergrund. Die möglichen Schadensauswirkungen beziehen sich auf den möglichen wirtschaftlichen Schaden der bei Eintritt eines Risikos erwartet wird und welche Auswirkungen auf das Landwirtschaftsunternehmen bei Eintritt eines Risikos zu befürchten sind.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie* haben wir diese Faktoren im Rahmen einer Umfrage untersucht. Dabei wurden im Dezember 2015 und Januar 2016 mit 64 Betriebsleitern tierhaltender Betriebe aus dem Nordwesten Nordrhein-Westfalens (durchschnittlich 104 ha LN).

Risikofaktoren. Um die Relevanz einzelner Risikofaktoren zu ermitteln, wurden die Teilnehmer gebeten, potenzielle Risiken hinsichtlich ihrer Eintrittswahrscheinlichkeiten und möglicher Schadensauswirkungen zu bewerten. Dazu wurde den befragten Landwirten eine Liste verschiedener Risikofaktoren aus den Bereichen Markt- und Preise, Politik, Produktion, Finanzen und Sonstiges vorgelegt. Die Insgesamt 25 Faktoren dieser Liste sollten dann bezüglich der geschätzten Eintrittswahrscheinlichkeit auf einer Skala von 1 = „sehr unwahrscheinlich“ bis 5 = „sehr wahrscheinlich“ bewertet werden. Anschliessend sollten dieselben Risikofaktoren bezüglich der potentiellen Schadensauswirkung von 1 = „keine Auswirkungen“ bis 5 = „existenzgefährdend“ bewertet werden. Für jeden Risikofaktor wird dann ein Gesamtrisikowert ermittelt indem das Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmass errechnet wird. Die Ergebnisse der Risikoanalyse lassen sich anschliessend in einer sog. Risikomatrix darstellen. Das Ergebnis der Risikoanalyse für den Durchschnitt aller Teilnehmer finden Sie in der unten stehenden Abbildung 1.

Abb1

Abbildung 1 Risikomatrix, Durchschnitt aller Befragten

Die Fragen zur Relevanz einzelner Risikofaktoren ergaben folgendes Bild:

  • Im Durchschnitt wird die Eintrittswahrscheinlichkeit von Politikrisiken und Markt- und Preisrisiken am grössten bewertet. Dabei werden vor allem steigende Auflagen in der Tier- und Pflanzenproduktion sowie die Schwächung der Erzeuger durch hohe Marktmacht der Abnehmer als „sehr wahrscheinlich“ bewertet.
  • Die grössten Schadensauswirkungen werden ebenfalls den Bereichen der Markt- und Preisrisiken sowie Politikrisiken zugesprochen. Hier wird vor allem der Wegfall von Märkten und die Schwächung der Erzeuger durch hohe Marktmacht der Abnehmer als gefährlich für den Betrieb eingestuft.
  • Dabei werden die Intensität von Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensauswirkung der einzelnen Risikofaktoren durchaus sehr unterschiedlich bewertet (siehe Abbildung 2). Das Schadensausmass wird im Allgemeinen geringer eingeschätzt als die Eintrittswahrscheinlichkeit. Ausgenommen sind folgende Risikofaktoren: „Wegfall von Absatz- und Bezugsmärkten“, „Tierseuchen“, „Abnahme von Kreditwürdigkeit“, „steigenden Qualitätsanforderungen“ und „Führungskräfteausfall“.

 

Abb2

Abbildung 2 Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensauswirkung einzelner Risikofaktoren

Risikoeinstellung. Die Risikoeinstellung wurde in der durchgeführten Befragung anhand von drei verschiedenen Methoden gemessen. Erstens, wurden die Teilnehmer gebeten, 10 landwirtschaftliche Investitionsentscheidungen mit unterschiedlichen Risiken, d.h. unterschiedlichen Eintrittswahrscheinlichkeiten der Auszahlungen, zu treffen. Zweitens, wurden vier Fragen bezüglich der eigenen Risikobereitschaft im Vergleich zu anderen Landwirten gestellt. Drittens, wurde ganz generell die Risikopräferenz der Teilnehmer erfragt. Dabei hat sich herausgestellt, dass die Mehrzahl der Landwirte tendenziell eher risikoscheues Verhalten aufweist. Dieses Ergebnis wird von allen drei Methoden zur Messung der Risikopräferenz bestätigt. 67% sind risikoscheu in der Investitionsentscheidung und 55% geben risikoscheues Verhalten in der generellen Frage zu Risikopräferenzen an. Auch relativ zu ihren Kollegen gemessen gibt der grösste Anteil der Befragten an in den vier Bereichen Produktion, Marketing und Preise, Finanzen und Landwirtschaft Allgemein risikoscheuer zu sein als ihre Kollegen.

Risikomanagementinstrumente. Um die angewandten Risikomanagementinstrumente zu erfassen, wurden die Befragten gebeten aus einer Liste von 17 verschiedenen Instrumenten diejenigen zu wählen welche zurzeit auf dem Betrieb eingesetzt werden. Dabei war natürlich die Auswahl mehrerer Strategien möglich. Um auf die gegebenen Risiken zu reagieren, gaben über 75% der Landwirte an, resistente Sorten oder robusten Rassen einzusetzen. Ausserdem sind Rechtschutzversicherungen und die Bildung von Liquiditätsreserven auf Platz zwei und drei der beliebtesten Risikomanagementinstrumente. Weniger beliebt sind Investitionen in Technologien, die die Produktionsbedingungen besser an das Wetter anpassen (z. B. Bewässerung) und Mehrgefahrenversicherungen. Diese Tendenzen sind dadurch zu erklären, dass die Umfrage vor allem an Veredelungs- und Viehhaltungsverbundbetriebe gerichtet war. Obschon Markt- und Preisrisiken für die befragten Betriebe eine grosse Rolle spielen, gaben nur insgesamt 4 der befragten Landwirte an, an den Warenterminbörsen zu handeln um dadurch grössere Unabhängigkeit von Preisvolatilitäten zu erlangen.

Abb3

Abbildung 3 Risikomanagementinstrumente

In der Studie wird festgestellt, dass Markt- und Preisrisiken sowie Politikrisiken von den Landwirten am schwerwiegendsten Wahrgenommen werden. Diese Risikofaktoren sind dadurch gekennzeichnet, dass Unternehmer keinen oder nur einen sehr begrenzten Einfluss auf deren Ausprägung hat und somit nicht den eigenen Entscheidungen unterliegt. Die meisten Landwirte setzen eine Kombination von einer Vielzahl an verschiedenen Risikomanagementinstrumente ein. Risikoscheue Landwirte wählen häufiger innerbetriebliche Risikomanagementinstrumente. Dabei könnten gerade ausserbetriebliche Instrumente (z. B. Versicherungen) dazu beitragen, dass die derzeit schwerwiegendsten Risikofaktoren besser gemanagt werden können. Daher gilt es besonders in diesen Bereichen zusätzliche Unterstützung von Seiten der Politik und Beratern zu gewährleisten, aber auch auf der Seite der Landwirte einen offenen Informationsaustausch sicherzustellen und sich durch Weiterbildungen und Beratungen fit für die Zukunft zu halten.

*Meraner, M., & Finger, R. (2017). Risk perceptions, preferences and management strategies: evidence from a case study using German livestock farmers. Journal of Risk Research, 1-26. doi:10.1080/13669877.2017.1351476 (Für eine Kopie bitte eine Email an rofinger@ethz.ch)

Zum Zeitpunkt der Durchführung der Studie waren beide Autoren an der Universität Bonn, Nordrhein-Westfalen. Besonderer Dank gilt den teilnehmenden Landwirten und der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.

 

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