Zusätzliche Direktzahlungen gegen die Frankenstärke?

Direktzahlungen sind kein Allheilmittel. Eine Versicherungslösung gegenüber Marktrisiken wäre zielgerichteter.

Beitrag von Therese Haller*

Die Milchproduktion ist von allen Landwirtschaftsbereichen am stärksten von der Aufhebung der Kursuntergrenze betroffen, denn der Milchsektor ist stark exportorientiert (vgl. dazu auch den Blog vom 29.01). Es muss davon ausgegangen werden, dass die Aufwertung des Frankens eine Reduktion der Margen in der Milchverarbeitung und eine Senkung der ausbezahlten Produzentenpreise zur Folge haben wird. So ist der Ruf der Betroffenen nach Massnahmen zur Abfederung der Frankenstärke verständlich. Die Branchenorganisation Milch fordert vom Bundesrat insbesondere eine Aufstockung der Beiträge für Absatzförderungsmassnahmen, eine Erhöhung der Mittel im Rahmen des Schoggigesetzes und zusätzliche Direktzahlungen für die Milchproduzenten.

Für die ersten beiden Massnahmen ist nachvollziehbar, wie sie dem Effekt der Frankenstärke entgegenwirken. Mit zusätzlichen Mitteln in der Absatzförderung soll der negative Einfluss höherer Preise auf die Nachfrage teilweise wettgemacht werden. Die Verbilligung von Rohstoffen für exportierte Verarbeitungsprodukte gemäss Schoggigesetz beeinflusst die Konkurrenzfähigkeit der Wertschöpfungskette ebenfalls direkt. Analog würde auch eine befristete Erhöhung der Verkäsungszulage dazu beitragen, den Druck auf die Produzentenpreise zu reduzieren. Allerdings ist die Verkäsungszulage in den Forderungen der Branchenorganisation kein Thema.

Der höchste Betrag wird für das dritte Anliegen, zusätzliche Direktzahlungen für Milchproduzenten, gefordert. Wie würden sich diese auswirken? Zu einem wichtigen Teil hängt dies von der genauen Ausgestaltung der Direktzahlungen ab, insbesondere davon, an welches Kriterium sie gebunden wären. Die Einkommensausfälle, die durch die Direktzahlungen gemindert werden sollen, sind proportional zur Milchmenge. Eine Direktzahlung pro kg Milch würde daher die Betriebe entsprechend ihrem Erlösausfall kompensieren. Sie wäre aber nichts anderes als eine Produktesubvention, die im aktuellen politischen Kontext wohl kaum haltbar wäre. Ein Beitrag pro Milchkuh würde die eben erst beerdigten RGVE-Beiträge wiederauferstehen lassen. Genau wie eine Zahlung auf der Hauptfutterfläche würde er die (pro Kuh respektive eigener Futterfläche) extensiv produzierenden Betriebe, gemessen an den Einkommensausfällen, besser entschädigen als die intensiv produzierenden. Gerecht wäre dies nicht. Auch wenn eine Extensivierung im Einklang zur gegenwärtigen Stossrichtung der Agrarpolitik steht – hinsichtlich einer Kompensation der Frankenaufwertung wären diese Gelder nicht zielführend eingesetzt. Direktzahlungen sind ein geeignetes Mittel, um die Bereitstellung nicht-marktfähiger Leistungen zu fördern. Ihre Aufstockung zur Abfederung von Marktrisiken erhöht aber die starke bereits starke Abhängigkeit mancher Landwirtschaftsbetriebe von Direktzahlungen; ihre Marktleistungen mehr und mehr zum Nebenprodukt zu werden. Wie weit kann von solchen Betrieben noch erwartet werden, dass sie sich marktorientiert verhalten und sich um eine Erhöhung ihrer Wettbewerbsfähigkeit bemühen?

Zusätzliche Direktzahlungen helfen allen Milchproduzenten ein bisschen – aber stärken sie diejenigen genug, die es braucht, damit der Schweizer Milchsektor in Zukunft kompetitiver werden kann? Auch wenn es sich um befristete Massnahmen angesichts einer – hoffentlich – vorübergehenden Überbewertung des Schweizer Frankens handelt, sollte die langfristige Wettbewerbsfähigkeit im Auge behalten werden. Eine zeitlich begrenzte Abfederung des Preisschocks via Absatzförderung und Marktintervention ist sinnvoll. Zusätzliche Direktzahlungen sind aber zu hinterfragen. Besser wäre es, über eine Versicherungslösung gegenüber Marktrisiken[1] nachzudenken, die gezielt das Einkommen derjenigen Produzenten stabilisieren würde, die stark vom Markterlös abhängen. Dabei geht es nicht zuletzt um eine WTO-konforme Ausgestaltung marktbezogener Instrumente. Die durch die Aufhebung der Kursuntergrenze ausgelösten Preissenkungen werden nicht die letzten sein, mit denen die Milchproduzenten konfrontiert werden. Wenn es um die langfristige Planung geht, sorgt aber nicht nur die Tendenz sinkender Produzentenpreisen, sondern vor allen auch die zunehmende Volatilität der Märkte (Quotenaufhebung in der EU) für Verunsicherung. So wirkt sich die Frankenaufwertung nicht nur auf die Einkommen aus; langfristig von Bedeutung ist vor allem auch ihr Einfluss auf die Stimmung unter den Milchproduzenten. Für junge Landwirte sinkt die Attraktivität in die Milchproduktion zu investieren – gerade auch im Vergleich zu anderen, besser geschützten Landwirtschaftsbereichen. Ein kompetitiver Schweizer Milchsektor braucht aber motivierte, unternehmerisch handelnde, an ihre Zukunft glaubende Milchproduzenten. Dann steht nicht das sichere Grundeinkommen (Direktzahlungen) im Vordergrund, sondern der Erfolg am Markt – mit kalkulierbaren Risiken (Versicherung).

[1] Diese Stossrichtung ist auch in der EU-Agrarpolitik Thema, vgl. dazu das Agricultural Policy Perspectives Brief Nr. 3 aus dem Jahr 2011.

 

*Therese Haller ist promivierte Agrarökonomin und seit kurzem selbständige Beraterin für Agrarökonomische Analysen: http://www.theresehaller.ch/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s