Auswirkungen von Hitzestress auf Risiko und Effizienz in der Schweizer Milchviehhaltung

Iordanis Parikoglou, Robert Finger*

Landwirte und Landwirtinnen weltweit sehen sich aufgrund des Klimawandels zunehmend mit extremen Wetterbedingungen konfrontiert (Ortiz-Bobea et al., 2021). In der Milchviehhaltung stellt Hitzestress – also die Kombination aus hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit – ein grosses Klimarisiko dar, das sich auf das Produktionsrisiko (d. h. die Ertragsschwankungen) auswirkt (Gisbert-Queral et al., 2021). Um dieses Risiko zu bewältigen, müssen Landwirte ihre Praktiken anpassen, um die Widerstandsfähigkeit und die Einkommensstabilität zu erhalten sowie die Ernährungssicherheit zu gewährleisten (Meuwissen et al., 2019). Gleichzeitig ist die Verbesserung der Produktionseffizienz (d. h. eine effizientere Nutzung der eingesetzten Ressourcen) für die Nachhaltigkeit von entscheidender Bedeutung (Europäische Kommission et al., 2020). Wenn Landwirte jedoch ihre Bewirtschaftungspraktiken als Reaktion auf Stress ändern, können Kompromisse oder Synergien zwischen Risikominderung und Effizienzsteigerung entstehen (Vigani und Kathage, 2019). Ein besseres Verständnis dafür, wie sich Hitzestress auf beide Faktoren auswirkt, ist daher entscheidend, um die Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit in der Milchviehhaltung zu stärken.

Die bisherige Literatur hat sich auf die Auswirkungen von Wetterereignissen auf die landwirtschaftliche Produktion konzentriert, aber nur wenige Studien haben auch die Auswirkungen des Wetters auf die Effizienz untersucht (vgl. Chambers und Pieralli, 2020). Wir erweitern diese Literatur, indem wir zwischen kurzfristigen und langfristigen Anpassungen unterscheiden (Darnhofer, 2014; Meuwissen et al., 2019; Slijper et al., 2021). Kurzfristige Schocks (shocks) sind plötzlich und unvorhersehbar, während langfristige Herausforderungen (challenges) eher allmählich und anhaltend sind (Slijper et al., 2022). Im Falle von Hitzestress kann dieser kurzfristig (in einem bestimmten Jahr) einen starken Einfluss auf landwirtschaftliche Betriebe haben (Quddoos et al., 2023).

Um kurzfristige Schocks zu bewältigen, nehmen Landwirte häufig schrittweise Änderungen innerhalb ihrer bestehenden Systeme vor. Beispiele hierfür sind die Anpassung der Fütterungsregime, die Planung der Weidehaltung in den kühleren Stunden des Tages (oder der Nacht) oder der Einsatz von Kühlsystemen (Bucheli et al., 2022). Darüber hinaus können Landwirte mit den Anpassungen auch warten, bis sich längerfristige Muster deutlicher abzeichnen. In diesem Fall kann Hitzestress einen Lernprozess auslösen, der die Landwirte dazu motiviert, die Risiken besser zu verstehen und dauerhaftere Lösungen zu finden (Slijper et al., 2021; 2022). Im Laufe der Zeit kann dies zu langfristigen Anpassungen führen, beispielsweise zu Investitionen in Schattenkonstruktionen, der Umstellung auf hitzetolerante Rassen oder der Verfolgung genetischer Verbesserungen (Ahmed et al., 2022). Diese kurz- und langfristigen Reaktionen können sich gleichzeitig auf die Effizienz und das Risiko von landwirtschaftlichen Betrieben auswirken. Dieser Zusammenhang wurde bisher noch nicht untersucht.

In einem kürzlich in der European Review of Agricultural Economics veröffentlichten Artikel (Parikoglou und Finger, 2025) schliessen wir diese Lücke. Anhand von Daten auf Betriebsebene von 553 Schweizer Milchviehbetrieben (über den Zeitraum 2003–2014) (ZA-BH, Renner et al. 2019) und dem temperature humidity index (THI) als Mass für Hitzestress schätzen wir ein stochastisches frontier model mit vier Komponenten: Effizienz und Risiko auf kurze und lange Sicht, um zu bewerten, wie Hitzestress und Betriebsmerkmale diese beeinflussen. Als zusätzliche Merkmale der Betriebe für die Determinanten von Effizienz und Risiko auf kurze und lange Sicht wählen wir das Alter des Betriebsleiters und die Besatzdichte (Verhältnis von Viehbestand zu genutzter Fläche).

Resultate

Wir stellen fest, dass Betriebe, die dauerhaft einem höheren Hitzestress ausgesetzt sind, kurzfristig effizienter sind und langfristig ein geringeres Produktionsrisiko aufweisen. Kurzfristig sind Landwirte bei höherem Hitzestress zwar effizienter, es gibt jedoch keine Auswirkungen auf das Produktionsrisiko. Darüber hinaus werden sowohl die kurzfristige als auch die langfristige Effizienz und das Produktionsrisiko durch die Merkmale der Betriebe beeinflusst. Konkret weisen ältere Landwirte kurzfristig ein geringeres Produktionsrisiko auf, langfristig jedoch ein höheres. Dies könnte den Vorteil erfahrener Landwirte bei der Bewältigung kurzfristiger Schocks widerspiegeln. Ältere Landwirte haben möglicherweise langfristig weniger Anreize, grössere Anpassungen vorzunehmen, die zur Bewältigung anhaltender Belastungen erforderlich sind.

Wir stellen ausserdem fest, dass Schweizer Milchviehbetriebe mit höherer Besatzdichte sowohl kurz- als auch langfristig effizienter sind. Eine höhere Besatzdichte ist auch mit einem geringeren Produktionsrisiko auf kurze Sicht verbunden. Mögliche Erklärungen sind, dass Betriebe mit grösseren Herden das Risiko auf mehr Tiere verteilen können und das Schweizer Milchviehbetriebe selbst bei relativ hoher Besatzdichte noch stark von der Weidehaltung abhängig sind.

Wir stellen ausserdem fest, dass Betriebe, die dauerhaft hohen Stress ausgesetzt sind, effizienter sind und langfristig einem geringeren Produktionsrisiko ausgesetzt sind. Betriebe, die unter höherem Hitzestress leiden, haben jedoch trotz ihrer höheren Effizienz Schwierigkeiten, das Risiko kurzfristig zu reduzieren. Dies deutet darauf hin, dass viele Landwirte bereits nahe ihrer maximalen Effizienz arbeiten und daher nur begrenzte Möglichkeiten haben, sich ohne zusätzliche Kosten an höhere Hitzestressniveaus anzupassen.

Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Landwirte kurzfristig sehr nah an ihrer maximalen Effizienz arbeiten. Das bedeutet, dass sie bei höherem Hitzestress weniger Möglichkeiten haben, ihre Produktionsmethoden bei gegebenem Technologiestand ohne Erhöhung der Durchschnittskosten anzupassen. Diese Erkenntnis deckt sich auch mit der von Slijper et al. (2022), die darauf hinweisen, dass Viehzuchtbetriebe in Europa mit höherer Produktionseffizienz weniger in der Lage sind, kurzfristige Schocks zu bewältigen.

Unsere Ergebnisse, wonach Schweizer Milchviehbetriebe langfristig weniger effizient sind als kurzfristig, stimmen mit früheren Studien überein, die die Effizienz auf Betriebsebene in anderen europäischen Milchviehbetrieben untersucht haben (vgl. z. B. Barnes, 2023; Bokusheva et al., 2023). Unsere Ergebnisse deuten insgesamt darauf hin, dass sich die Schweizer Milchproduzenten und Milchproduzentinnen an die natürlichen Bedingungen, unter denen sie arbeiten, angepasst haben und effizient produzieren. Dies bedeutet jedoch nicht automatisch, dass dies auch für zukünftige Klimabedingungen gilt.

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse unserer Studie zeigen auf, dass die Agrarpolitik die Fähigkeit der Landwirte, Produktionsrisiken zu verringern, weiter fördern sollte. Dies ist von entscheidender Bedeutung, da aufgrund des fortschreitenden Klimawandels mit einer Zunahme extremer Wetterereignisse zu rechnen ist. Politische Entscheidungsträger können Landwirte beispielsweise dabei unterstützen, ihre Produktionssysteme flexibler zu gestalten, indem sie neue Technologien fördern, auf weniger klimaextremexponierte Aktivitäten umstellen oder auch Spezialisierung fördern. Wir haben beispielsweise festgestellt, dass Betriebe mit höherer Besatzdichte kurz- und langfristig effizienter sind. Eine solche Umgestaltung des Produktionssystems könnte jedoch kostspielig sein. Zudem muss darauf geachtet werden, dass in solch einem Anpassungsprozess auch Umwelt- und Tierschutzbelange in Einklang gebracht werden. Darüber hinaus könnten Hitzeindexversicherungen eine alternative Absicherung bieten, ohne Innovationen in den landwirtschaftlichen Betrieben zu behindern (siehe z. B. Vroege et al., 2023, für eine Diskussion). Darüber hinaus sollten Umweltziele mit Risiken und Effizienz in Einklang gebracht werden. So können Massnahmen, die aus Umweltgründen eine geringe Besatzdichte fördern, das Risiko kurzfristig erhöhen und die Effizienz verringern. Daher sollten diese Massnahmen mit Risikomanagementinstrumenten gekoppelt werden, um Landwirten eine reibungslose und nachhaltige Transformation zu ermöglichen. Die Massnahmen sollten sich auch auf die Förderung der langfristigen Effizienz konzentrieren. Landwirtschaftliche Betriebe sind in der Regel kurzfristig effizienter als langfristig, was auf Hindernisse für eine langfristige Anpassung hindeutet. Daher sollten die Massnahmen nachhaltige Investitionen fördern und dazu beitragen, Anpassungskosten zu überwinden, die langfristige Effizienzsteigerungen behindern.

Studie: Parikoglou, I., and Finger, R. (2025) The effect of heat stress on risk and efficiency in dairy farming, European Review of Agricultural Economics, Volume 52, Issue 2, April 2025, Pages 187–215. Open Access https://doi.org/10.1093/erae/jbaf013

*Autoren: Iordanis Parikoglou und Robert Finger (ETH Zürich). Kontakt: iordanis.parikoglou@usys.ethz.ch


Referenzen

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About Robert Finger

I am professor of Agricultural Economics and Policy at ETH Zurich. Group Website: www.aecp.ethz.ch. Private Website: https://sites.google.com/view/fingerrobert/home