Lucca Zachmann, Lionel Christen, Robert Finger*
Der Pflanzenschutz ist ein zentraler Bestandteil der landwirtschaftlichen Produktion. Er sichert die Nahrungsmittelversorgung und trägt zur wirtschaftlichen Stabilität des Agrarsektors bei (Tudi et al. 2021). Derzeit ist der Einsatz von Pflanzenschutzmittel das dominierende Mittel zur Bekämpfung von Schädlingen. Doch Pflanzenschutzmittel stehen in der Kritik – sie belasten die Umwelt (z.B. Gunstone et al. 2021; Tang et al. 2021; Spycher et al. 2018) und gefährden die menschliche Gesundheit (z.B. Kim et al. 2017; Nicolopoulou-Stamati et al. 2016). Daher ist die Reduktion von Pflanzenschutzmitteleinsatz und -risiken zu einer wichtigen politischen und gesellschaftlichen Priorität weltweit geworden (Möhring et al. 2020). Auch die Schweiz hat sich ambitionierte Ziele gesetzt: Bis 2027 sollen die Risiken aus dem Pflanzenschutzmitteleinsatz halbiert werden (Finger 2021). Doch bislang werden diese Ziele nur teilweise erreicht (Möhring et al. 2020).
Forschungslücke: Raumbezogene Entscheidungen im Pflanzenschutz
Zur Risikoreduktion werden zunehmend alternative Ansätze wie integrierter oder agrarökologischer Pflanzenschutz gefördert (Finger et al. 2024). Eine zentrale offene Frage ist jedoch: Werden diese Ansätze dort eingesetzt, wo sie den grössten Nutzen für Mensch und Umwelt entfalten könnten – etwa in der Nähe von Wohngebieten oder Gewässern? Bisher fehlen hierzu belastbare räumliche Analysen (Mesnage et al. 2021).
Speziell der Weinbau spielt eine zentrale Rolle im Kontext des Pflanzenschutzes, da er sehr pflanzenschutzmittelintensiv ist – etwa 30% aller Pflanzenschutzmittel in der Schweizer Landwirtschaft entfallen auf den Weinbau (de Baan 2020). Gleichzeitig liegen viele Rebflächen in ökologisch oder sozial sensiblen Regionen, etwa in Wohngebieten, Naherholungszonen oder Wasserschutzzonen. Das macht den gezielten Einsatz pflanzenschutzmittelarmer Anbausysteme – wie pilzwiderstandsfähiger Sorten, die den Fungizideinsatz deutlich reduzieren – besonders relevant.
Wo werden pilzwiderstandsfähige Rebsorten gepflanzt?
Unsere kürzlich veröffentliche Studie in der Fachzeitschrift Agricultural Systems liefert erstmals eine geodatenbasierte Analyse zur Nutzung pilzwiderstandsfähiger Rebsorten in der Schweiz (Zachmann, Christen, and Finger 2025). Diese Sorten können den Fungizideinsatz um bis zu 80% senken – dennoch werden sie derzeit nur auf 3,5% der Rebfläche angebaut (Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) 2024). Auf Basis hochauflösender Flächendaten aus dem Jahr 2023 aller 19’385 Rebparzellen im Kanton Waadt (siehe Abbildung 1) haben wir untersucht, ob pilzwiderstandsfähige Sorten häufiger in sensiblen Gebieten angepflanzt werden – also dort, wo der Nutzen für Umwelt- und Gesundheitsschutz besonders gross wäre.
Zur Erfassung von gesundheitsrelevanten Bereichen nutzen wir zwei Hauptindikatoren: (i) Bevölkerungsdichte (Einwohner pro km²) und (ii) die Nähe zu öffentlichen Wanderwegen. Die Nähe zu Schulen, Spielplätzen und Kindergärten wurde ebenfalls berücksichtigt, aber aufgrund unzureichender statistischer Aussagekraft nicht weiterverwendet. Umweltrelevante Gebiete erfassen wir mit drei Indikatoren: (i) ausgewiesene Wasserschutzzonen, (ii) Nähe zu Flüssen und (iii) Seen (siehe Abbildung 2). Zusätzlich wurde das kantonale ökologische Netzwerk berücksichtigt, das der Erhaltung der Biodiversität dient. Aufgrund zu geringer Fallzahlen wurden diese ökologischen Netzwerke jedoch nicht in der Hauptanalyse berücksichtigt.
Abbildung 1: Der Kanton Waadt und seine sechs AOC-Unterregionen.

Pilzwiderstandsfähige Rebsorten häufiger in Wohn- und Seenähe – aber kaum in anderen sensiblen Gebieten
Unsere Ergebnisse mittels räumlichen Regressionsanalysen zeigen, dass pilzwiderstandsfähige Rebsorten häufiger in unmittelbarer Nähe dicht besiedelter Wohngebiete und von Seen gepflanzt werden – was potenziell die Belastung von Menschen durch Pflanzenschutzmittel sowie den Eintrag in Gewässer reduziert. Allerdings finden wir keine Hinweise darauf, dass diese Sorten verstärkt in anderen sensiblen Bereichen angebaut werden, etwa in Wasserschutzzonen, in Flussnähe oder entlang öffentlicher Wanderwege.
Abbildung 2: Hochauflösende Daten für Regionen, die für die menschliche Gesundheit und die Umwelt von Bedeutung sind.

Unsere Ergebnisse haben Implikationen für die Agrarpolitik. Um den Anbau pilzwiderstandsfähiger Rebsorten effektiver zu fördern, sollten politische Massnahmen nicht nur entlang der Wertschöpfungskette (z.B. durch Züchtung, Beratung oder Vermarktung) ansetzen (z.B. Zachmann, McCallum, and Finger 2024; 2025; Finger, Zachmann, and McCallum 2023), sondern auch gezielt räumlich wirken. Dazu lassen sich zwei Strategien kombinieren: Erstens sollte der generelle Anbau resistenter Sorten weiter unterstützt werden (siehe auch: https://agrarpolitik-blog.com/2025/03/13/der-einfluss-von-geografischen-herkunftsbezeichnungen-auf-die-verwendung-von-pilzwiderstandsfahigen-rebsorten/, https://agrarpolitik-blog.com/2024/05/10/schweizer-winzerinnen-und-winzer-werden-die-flache-von-robusten-rebsorten-in-den-nachsten-10-jahren-deutlich-erhohen/, https://agrarpolitik-blog.com/2023/01/12/kurze-lieferketten-und-der-anbau-pilzwiderstandsfahiger-rebsorten/). Zweitens braucht es Anreize, diese Sorten dort zu pflanzen, wo sie Umwelt und Gesundheit besonders schützen – etwa durch flächenspezifische Förderinstrumente wie ergebnisorientierte Agrarumweltzahlungen oder Regionalboni.
Ein solch integrierter Ansatz steigert die Effektivität und Effizienz der Agrarpolitik, erfordert jedoch gute Datengrundlagen und die Berücksichtigung von Fairnessfragen – z.B. wenn Landwirte in Risikozonen stärkeren Auflagen unterliegen. Grundsätzlich gilt: Massnahmen zur Reduktion von Pflanzenschutzrisiken sollten gezielt dort greifen, wo sie den grössten Nutzen entfalten.
Studie: Geospatial Analysis of Fungus-Resistant Grapes in Switzerland.” Agricultural Systems 229 (October):104422. Freier Zugang: https://doi.org/10.1016/j.agsy.2025.104422
Autoren: Lucca Zachmann*, Lionel Christen**, Robert Finger*
* Gruppe für Agrarökonomie und -Politik, ETH Zürich, Zürich
** Gruppe Weinbau Deutschschweiz, Agroscope, Wädenswil
Kontakt: lzachmann@ethz.ch
Referenzen
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Bundesamt für Landwirtschaft (BLW). 2024. “Das Weinjahr 2023.” https://www.blw.admin.ch/blw/de/home/nachhaltige-produktion/pflanzliche-produktion/weine-und-spirituosen/weinwirtschaftliche-statistik.html.
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