Ackerbau ohne Pflanzenschutzmittel? – Ein Vergleich von Erkenntnissen aus verschiedenen Kulturen

Niklas Möhring, Jennifer Mark, Robert Finger*

Produktionssysteme, welche auf den Einsatz Pflanzenschutzmitteln (PSM) verzichten (aber nicht Bio sind), verbreiten sich derzeit in Europa, z.B. in der Schweiz und Deutschland. Sie könnten einen dritten Weg zwischen konventioneller und biologischer Landwirtschaft darstellen, und zu der Erreichung von ambitionierten PSM Reduktionszielen beitragen, wobei sie eine wirtschaftliche Kompensation für Landwirte und Landwirtinnen leisten (Finger und Möhring, 2024).

Um eine solche Wirkung zu erreichen, braucht es eine weite Verbreitung solcher Produktionssysteme und Erkenntnisse über Hemmnisse um diese auf Stufe Produktion, Verarbeitung, Handel und Konsum abzubauen (Jacquet et al. 2022). Mehrere Studien haben sich bereits beschäftigt mit Anbauentscheidungen zu PSM-freien Weizen, als wichtigster Kulturpflanze in Europa (z.B. Möhring und Finger, 2022). Verschiedene Kulturen können jedoch stark unterschiedlich sein bezüglich der Akzeptanz von PSM-freier Produktion, z.B. aufgrund unterschiedlicher betrieblicher, Markt-, Standort-, oder Umweltbedingungen und den daraus folgenden Entscheidungsrationalen in agronomischer oder wirtschaftlicher Hinsicht.

In einer kürzlich in Q-Open erschienen Studie (Möhring et al., 2025) nutzen wir die zeitgleiche Einführung von PSM-freien Produktionssystemen in der IP Suisse Weizen- und Dinkelproduktion in der Schweiz um Treiber und Hemmnisse für deren Einführung zu vergleichen.

Weizen und Dinkel nehmen eine ähnliche Rolle in der Fruchtfolge ein und sind ähnlich im Anbau; jedoch gibt es wichtige Unterschiede. So wird Dinkel beispielsweise mehr auf marginalem Land und in Bergregionen angebaut, und ist kompetitiver gegenüber Un- und Beikräutern. Zudem ist ein Vergleich interessant da die Rolle von Dinkel im Markt über die letzten Jahre stetig zugenommen hat. Um die Frage zu untersuchen haben wir Anfang 2020 eine Umfrage mit allen IP-SUISSE Produzenten und Produzentinnen von Weizen (4749; 1105 Antworten) und Dinkel (610; 148 Antworten) durchgeführt, die Umfragedaten mit Daten über Umwelt- und Standortbedingungen gekoppelt, und dann mit Regressionsanalysen untersucht.

Wir finden, dass die Umstellung und Bereitschaft zur Umstellung für PSM-freie Produktion im Dinkelanbau (73%) höher als im Weizenanbau (58%) sind, was generell auf geringere Opportunitätskosten hindeutet. Wir finden zudem, dass einige Treiber konsistent wichtig sind für die Bereitschaft PSM-frei zu produzieren, unabhängig von der Kultur. Dies sind das erwartete höhere Produktionsrisiko und Risikoaversion (negativ), positive erwartete Umwelteffekte (positiv), sowie die Verfügbarkeit von Maschinen für mechanische Unkrautkontrolle (positiv). Interessanterweise ist die Erwartung geringerer Erträge durch den Verzicht auf PSM der Produzenten und Produzentinnen nur beim Weizen mit einer geringeren Teilnahme verknüpft, und nicht beim Dinkel, was sich mit agronomischen Erwartungen deckt.

Eine Kernerkenntnis ist, dass unabhängig von der Kultur, Erwartungen, Präferenzen und Verhalten der Landwirte und Landwirtinnen mit Abstand der wichtigste Treiber für die Entscheidung sind. Dies ist gut zu erklären, da in einem Kontext der Einführung eines bisher weitgehend unbekannten Produktionssystems Erwartungen und Ängste eine größere Rolle spielen als bei bereits etablierten Produktionssystemen. Es gibt jedoch wieder Unterschiede. Während beim Weizen die Anpassungskosten an zweiter Stelle stehen bezüglich ihrer Rolle für die Entscheidung, sind dies beim Dinkel betriebliche Faktoren und Umweltbedingungen.

Unsere Studie kann somit einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis der Akzeptanz von PSM-freier Produktion leisten. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Reduktion von Risiken und die Bereitstellung von Informationen wesentliche Faktoren für die Unterstützung der Einführung PSM-freier Produktion sein können. Es kann jedoch wesentliche Unterschiede geben zwischen Kulturen die berücksichtigt werden sollten. So spielen beim Dinkel beispielsweise die Ertragserwartungen eine geringere Rolle als beim Weizen, aber die heterogenen Standortbedingungen und Betriebstypen eine höhere Rolle.

*Niklas Möhring ist an der Universität Bonn, Jennifer Mark beim FiBL Schweiz und Robert Finger an der ETH Zürich.

Zugang zu der Studie (open access): Möhring, N., Mark, J., & Finger, R. (2025). Pesticide-Free Agriculture: Insights into Farmer Adoption Across Crops. Q Open, qoaf014. https://doi.org/10.1093/qopen/qoaf014

Weitere Referenzen

Finger, R., & Möhring, N. (2024). The emergence of pesticide-free crop production systems in Europe. Nature Plants, 10(3), 360-366.

Jacquet, F., Jeuffroy, M. H., Jouan, J., Le Cadre, E., Litrico, I., Malausa, T., … & Huyghe, C. (2022). Pesticide-free agriculture as a new paradigm for research. Agronomy for Sustainable Development, 42(1), 8.

Möhring, N., & Finger, R. (2022). Pesticide-free but not organic: adoption of a large-scale wheat production standard in Switzerland. Food Policy, 106, 102188.

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About Robert Finger

I am professor of Agricultural Economics and Policy at ETH Zurich. Group Website: www.aecp.ethz.ch. Private Website: https://sites.google.com/view/fingerrobert/home