Lucca Zachmann, Chloe McCallum, Robert Finger*
Der biologische Landbau ist weltweit auf dem Vormarsch und hat insbesondere in Europa eine hohe politische Relevanz. Mit verschiedenen Massnahmen werden Anreize für die Umstellung auf biologische Anbaumethoden geschaffen, z.B. durch Direktzahlungen oder Kennzeichnungssysteme/Labels, die den ProduzentInnen Mehrpreise ermöglichen.
In einer kürzliche veröffentlichten Studie (Zachmann, McCallum, and Finger 2024b) in der Fachzeitschrift Environmental Research Communications beleuchten wir einen bisher selten betrachteten Aspekt: Nicht alle BioproduzentInnen entscheiden sich dafür, ihre Produkte beim Verkauf als «bio» zu kennzeichnen. Wir untersuchen die Diskrepanz zwischen biologischer Produktion und biologischer Kennzeichnung am Beispiel des Schweizer Weinbaus. Wir nutzen Daten eine repräsentativen Umfrage mit 436 Winzerinnen und Winzern aus der ganzen Schweiz (Zachmann, McCallum, and Finger 2023). In dem Datensatz gaben 115 Betriebe an, biologisch zu produzieren (siehe Abbildung).

Hinweis: Jeder Punkt stellt einen Betrieb dar, der angibt, Reben nach biologischen Prinzipien zu bewirtschaften. Die Punkte sind innerhalb einer administrativen Einheit zufällig platziert und zeigen nicht die tatsächlichen Standorte der Betriebe, um die Anonymität der Umfrageteilnehmenden zu gewährleisten.
Unsere Ergebnisse zeigen, dass 50 Betriebe (d.h. 43.5%) auf eine Bio-Kennzeichnung ihrer Weine beim Verkauf verzichten (siehe Tabelle).

Dieses Phänomen, landwirtschaftliche Produkte biologisch zu produzieren, sie aber beim Verkauf nicht als «bio» zu kennzeichnen, ist nicht unbekannt (z.B. Delmas and Grant 2014; Abraben, Grogan, and Gao 2017). So wurde dieses Phänomen in Ländern des globalen Südens identifiziert, aber auch in Ländern wie den USA, Norwegen und Griechenland sowie bei Kulturen wie Heu, Ackerfrüchten, Vieh, Obst und Gemüse (Argyropoulos et al. 2013; Flaten et al. 2010; Veldstra, Alexander, and Marshall 2014).
Wir greifen jedoch zwei Lücken in der Forschung auf. Erstens erweitern wir die Forschung zur fehlenden Kennzeichnung von biologischer Produktion in der europäischen Landwirtschaft und im Weinbau. Der Anbau von Weinreben ist sehr bedeutend und stellt die wirtschaftlich drittwichtigste Kulturpflanze in der europäischen Landwirtschaft dar (FAO 2022; Finger, Zachmann, and McCallum 2023; Zachmann, McCallum, and Finger 2024a). Zweitens erklären wir, welche die Betriebe sind, die ihre biologische Produktion nicht als «bio» kennzeichnen.
Ein Betrieb kann das Bio-Label nur verwenden, wenn er zertifiziert biologisch produziert. Dennoch kann ein Betrieb sich entscheiden, Produkte nicht oder anders zu kennzeichnen. Diese Entscheidung basiert auf einer Abwägung von Kosten (z.B. für die Zertifizierung) und Nutzen (z.B. Mehrpreise) der Kennzeichnung (Veldstra, Alexander, and Marshall 2014).
Wir haben die Betriebe gefragt, nach welchem Produktionssystem sie ihre Reben bewirtschaften (vorgegebene Optionen: ökologischer Leistungsnachweis, integrierte Produktion, biologischer oder biodynamischer Anbau, sowie ein Freitextfeld). Zusätzlich haben wir Kontrollfragen gestellt, um die Angaben zu überprüfen und wir haben in gezielten Interviews vor und nach der Befragung das Verständnis der Frage geprüft. Ausserdem haben wir erfragt, welche Labels oder Begriffe die Betriebe bei der Vermarktung ihres Weins verwenden. In einem nächsten Schritt haben wir mittels statistischen Regressionsanalysen analysiert, welche Eigenschaften des Betriebs und Betriebsleiters beeinflussen, ob biologisch produziert wird, ohne den Wein im Verkauf als «bio» zu kennzeichnen. Unsere Ergebnisse zeigen insbesondere 4 zentrale Punkte: Erstens sind dies häufig kleinere Betriebe, die biologisch produzieren, ohne den Wein im Verkauf als «bio» zu kennzeichnen. Zweitens erzielen diese Betriebe die Mehrheit ihres Einkommens überwiegend aus ausserlandwirtschaftlichen Tätigkeiten, wie zum Beispiel einer Erwerbsarbeit ausserhalb des Betriebes. Drittens generieren diese Betriebe den Grossteil ihres landwirtschaftlichen Einkommens aus nicht-weinbaulichen Quellen (z.B. durch den Anbau von Ackerkulturen). Viertens zeigt sich, dass Betriebe, die auf eine Bio-Kennzeichnung verzichten, häufiger alternative Labels oder Begriffe verwenden, wie z.B. Bezeichnungen für pilzwiderstandsfähige Rebsorten.
Unsere Ergebnisse sind relevant für die Politik. Für bestimmte Produkte gibt es möglicherweise mehr biologisch produzierte Produkte im Handel, als es die üblicherweise verwendeten Verkaufszahlen für biologisch gekennzeichnete Produkte vermuten lassen. Ausserdem zeigen unsere Ergebnisse, dass die Kennzeichnung allein nicht immer ausreicht, um Landwirtinnen und Landwirte dazu zu bringen, auf biologische Produktion umzusteigen. Die Kosten für die Kennzeichnung überwiegen oft nicht den Nutzen, besonders für kleinere, unspezialisierte Betriebe. Um den biologischen Landbau zu fördern, helfen politische Massnahmen wie Agrarumweltzahlungen, die bereits existieren. Label-Prämien sind jedoch nur ein Anreiz für grössere, spezialisierte Betriebe, deren Einkommen vor allem aus der Landwirtschaft und dem Weinbau stammt. Unsere Ergebnisse zeigen auch, dass es andere umweltfreundliche Produktionsmethoden gibt, die nicht unbedingt eine Bio-Zertifizierung erfordern. Zum Beispiel könnte der Anbau von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten, die weniger Fungizide benötigen, eine gute Möglichkeit sein, die Weine entsprechend zu kennzeichnen.
Studie (Open Access). Zachmann, Lucca, Chloe McCallum, and Robert Finger. 2024. Farm Characteristics Determine Why a Large Share of Organically Produced Wine Is Not Labelled as Organic.” Environmental Research Communications. http://iopscience.iop.org/article/10.1088/2515-7620/ad9383
*Autoren: Lucca Zachmann, Chloe McCallum, Robert Finger, Gruppe für Agrarökonomie und Agrarpolitik, ETH Zürich. Kontakt: lzachmann@ethz.ch
Abraben, Lane A., Kelly A. Grogan, and Zhifeng Gao. 2017. “Organic Price Premium or Penalty? A Comparative Market Analysis of Organic Wines from Tuscany.” Food Policy 69 (May):154–65. https://doi.org/10.1016/j.foodpol.2017.04.005.
Argyropoulos, Charissis, Maria A. Tsiafouli, Stefanos P. Sgardelis, and John D. Pantis. 2013. “Organic Farming without Organic Products.” Land Use Policy 32 (May):324–28. https://doi.org/10.1016/j.landusepol.2012.11.008.
Delmas, Magali A., and Laura E. Grant. 2014. “Eco-Labeling Strategies and Price-Premium: The Wine Industry Puzzle.” Business & Society 53 (1): 6–44. https://doi.org/10.1177/0007650310362254.
FAO. 2022. “FAOSTAT.” 2022. https://www.fao.org/faostat/en/#home.
Finger, Robert, Lucca Zachmann, and Chloe McCallum. 2023. “Short Supply Chains and the Adoption of Fungus‐resistant Grapevine Varieties.” Applied Economic Perspectives and Policy 45 (3): 1753–75. https://doi.org/10.1002/aepp.13337.
Flaten, Ola, Gudbrand Lien, Matthias Koesling, and Anne-Kristin Løes. 2010. “Norwegian Farmers Ceasing Certified Organic Production: Characteristics and Reasons.” Journal of Environmental Management 91 (12): 2717–26. https://doi.org/10.1016/j.jenvman.2010.07.026.
Veldstra, Michael D., Corinne E. Alexander, and Maria I. Marshall. 2014. “To Certify or Not to Certify? Separating the Organic Production and Certification Decisions.” Food Policy 49 (December):429–36. https://doi.org/10.1016/j.foodpol.2014.05.010.
Zachmann, Lucca, Chloe McCallum, and Robert Finger. 2023. “Data on Swiss Grapevine Growers’ Production, Pest Management and Risk Management Decisions.” Data in Brief 51 (December):109652. https://doi.org/10.1016/j.dib.2023.109652.
———. 2024a. “Determinants of the Adoption of Fungus-Resistant Grapevines: Evidence from Switzerland.” Journal of Wine Economics, April, 1–33. https://doi.org/10.1017/jwe.2023.36.
———. 2024b. “Farm Characteristics Determine Why a Large Share of Organically Produced Wine Is Not Labelled as Organic.” Environmental Research Communications. http://iopscience.iop.org/article/10.1088/2515-7620/ad9383.
Danke für diesen wertvollen Beitrag, welcher einer Frage nachgeht, welche schon länger im Raum steht. Möglicherweise gibt es noch weitere Argumente, welche einer Biodeklaration respektive Zertifizierung entgegen wirken, wie zB. Auswirkungen auf die Einschätzung der Weinqualität oder der Produktion wenig dienliche Anforderungen.
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Vielen Dank für Ihren relevanten Kommentar. Sie haben recht, dass Biowein vor allem in der Vergangenheit aufgrund des Labels (nicht jedoch aufgrund der Anforderungen an die Produktion) preislich benachteiligt wurde (siehe Abschnitt 2.2 im Paper). In diesem Zusammenhang sind auch folgende Studien von Interesse: https://doi.org/10.1177/0007650310362254 und https://doi.org/10.1016/j.foodpol.2017.04.005. Letztlich spiegelt sich dies in der Wahrnehmung von Nutzen und Kosten der Betriebe hinsichtlich der Verwendung des Labels wider.
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