David Wuepper, Severin Henzmann, Robert Finger
Viele Innovationen in der Landwirtschaft sind langfristig und zahlen sich erst nach vielen Jahren aus. Für Investitionen in neue Technologien, aber auch in den Schutz natürlicher Ressourcen wie Boden und Biodiversität, akkumuliert der grosse Nutzen oft erst in der Zukunft, während aber Kosten sofort anfallen. Landwirte, die die Gegenwart im Vergleich zur Zukunft sehr stark gewichten, werden daher weniger wahrscheinlich diese Investitionen tätigen. Daher ist es relevant, Zeitpräferenzen von Landwirten zu verstehen, um zum Beispiel Politikmassnahmen entsprechend danach ausrichten zu können. Zeitpräferenzen geben das relative Gewicht in Zukunft anfallender Kosten und Nutzen zum heutigen Zeitpunkt an. Dies wird als Diskontierungsrate ausgedrückt. Eine Diskontierungsrate von 10% bedeutet z.B., dass 100 Franken heute den gleichen Nutzen wie 110 Franken in einem Jahr stiften. Diese Diskontierungsrate ist nicht zwingend konstant, sondern nimmt mit zunehmendem Abstand vom heutigen Zeitpunkt ab (Wuepper, Bukchin-Peles, Just, Zilberman 2023). Um Zeitpräferenzen von Landwirten zu quantifizieren, werden verschiedene Methoden angewendet, z.B. durch experimentelle Methoden oder Selbsteinschätzungen (siehe unten für Details).
Bisher fehlte ein kohärenter Überblick über die Zeitpräferenzen von Landwirten in Europa und Nordamerika. Nun haben wir eine systematischen Literaturanalyse zu dem Thema im Journal of the Agricultural and Applied Economics Association veröffentlicht (Wuepper, Henzmann, Finger 2023). Dieser Fokus auf Zeitpräferenzen ist komplementär zu bereits existierenden Analysen der Risikopräferenzen der Landwirte in Europa (Iyer et al. 2020, Finger et al. 2023).
Wir beantworten vor allem folgende drei Fragen:
- Wie gross sind die Zeitpräferenzen der Landwirte in Europa und Nordamerika?
- Welche methodischen Ansätze gibt es zur Messung von Zeitpräferenzen, welchen Einfluss haben methodische Spezifikationen auf die gemessenen Zeitpräferenzen und was sind die aktuellen methodischen Empfehlungen zur Messung von Zeitpräferenzen?
- Was sind offenen Forschungsfragen?
Insgesamt konnten wir 12 Studien berücksichtigen (Relevanz-Kriterien waren dabei i) empirische Primärstudie, ii) ein Fokus auf Landwirte, iii) Datenerhebung nach 1990). Über alle Studien hinweg ist die durchschnittliche Diskontierungsrate der Landwirte in Europa und Nordamerika 23%, jedoch mit grosser Heterogenität zwischen, aber auch innerhalb verschiedener Länder. In Deutschland beispielsweise finden Steinhorst und Bahrs (2014) eine Diskontierungsrate von 4% und Gruener et al. (2021) hingegen 30%. Im Durchschnitt ist die gefundene Diskontierungsrate in den USA am höchsten (32%) und etwas niedriger in Europa (20% in Frankreich, 18% in Deutschland). Tabelle 1 gibt einen Überblick über die analysierten Studien.
Tabelle 1. Überblick über die Studien

In den identifizierten Studien werden Zeitpräferenzen am häufigsten experimentell gemessen. Dabei ist die häufigste experimentelle Methode der Ansatz der ’multiple price list’, bei der die Landwirte in einer Tabelle mehrfach auswählen, ob sie lieber einen kleineren monetären Betrag jetzt haben möchten oder einen grösseren monetären Betrag zu einem späteren Zeitpunkt. Durch das graduelle Erhöhen der Differenz zwischen den Beträgen kann man durch den Wechsel von einer zur anderen Option die Zeitpräferenz feststellen (z.B. Hermann und Musshoff 2016).
Es gibt aber auch die Möglichkeit, Landwirte direkt nach ihrer eigenen Einschätzung ihrer Zeitpräferenz zu fragen. Man kann z.B. manche Aussagen in Umfragen benutzen, um Rückschlüsse auf Zeitpräferenzen zu machen. In den grossen World und European Value Survey, z.B., gibt es eine Frage, welche Qualitäten Eltern in ihren Kindern fördern möchten, wobei eine Qualität “Sparsamkeit, Sparen von Geld und anderen Dingen” ist, was von Wuepper (2020) als Mass für Zeitpräferenzen genutzt wird.
Eine besonders zentrale methodische Frage ist, ob experimentelle Studien auf finanzielle Anreize verzichten können und Landwirte sich auch in rein hypothetischen Experimenten realistisch verhalten. Prinzipiell wird davon ausgegangen, dass Anreize, d.h., dass echte Auszahlungen basierend auf den getroffenen Entscheidungen geschehen, zu konsistenten Ergebnissen führen. Echte Auszahlungen bedingen jedoch, dass dann nur relativ kurze Warteperioden genutzt werden können (es ist meist nicht praktikabel, die Studienteilnehmer wirklich z.B. 20 Jahre warten zu lassen, bis sie Ihr Geld bekommen). Es ist möglich, dass die aktuell recht kurzen Wartezeiten (z.B. wenige Wochen), die in experimentellen Studien meist genutzt werden, die Messung der Zeitpräferenzen beeinflusst. Diese Frage zum Trade-Off zwischen der Benutzung echter Auszahlungen und realistischen Zeiträumen ist eine wichtige, relative unbeantwortete Forschungslücke.
Relevant für Politik und Industrie ist die Erkenntnis, dass trotz hoher methodischer und regionaler Heterogenität die relativ hohe Diskontierungsrate von Landwirten in Europa und Nordamerika ein robustes Ergebnis darstellt. Das heisst, dass Landwirte sehr ungeduldig und im Mittel wenig bereit sind, heute etwas aufzugeben, um in der fernen Zukunft davon zu profitieren. Beispiele sind Investitionen in neue Technologien, den Wechsel auf neue Anbaumethoden, und die Teilnahme an Agrarumweltprogrammen, für die Ungeduld ein entscheidendes Hemmnis sein kann (Schaub et al. 2023). Diese Erkenntnis kann genutzt werden, um Verträge und Programme effizienter zu gestalten. In Praxis, Beratung und Politik muss eine starke Diskontierung zukünftiger Zahlungsströme und Vorteile einbezogen werden. Für Agrarumweltzahlungen z.B. ist die Implikation, dass das Timing der Zahlungen wichtig ist und möglicherweise frühere Zahlungen einen grösseren Anreiz bieten können als grössere, aber spätere Zahlungen. Verträge könnten sogar wie ein Kredit gestaltet werden, weil Sofortzahlungen eine besondere Anziehungskraft haben.
Studie (open access) Wuepper, D., Henzmann, S. and Finger, R. (2023). “Measuring Farmer Time Preferences: A Systematic Literature Review for Europe and North America” Journal of the Agricultural and Applied Economics Association https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/jaa2.97
*Autoren: David Wuepper, University of Bonn, Germany, Severin Henzmann, Nebiker Treuhand, Schweiz, Robert Finger, ETH, Zürich, Schweiz; Kontakt: wuepper@uni-bonn.de
Referenzen
Finger, R., Wuepper, D. & McCallum, C. (2023) The (in)stability of farmer risk preferences. Journal of Agricultural Economics, 74, 155–167.
Gruener, S. (2021). Rethinking how risk aversion and impatience are linked with cognitive ability: Experimental findings from agricultural students and farmers. Journal of Environmental Economics and Policy, 11:3, 248-259
Hermann, D., & Musshoff, O. (2016b). Measuring time preferences: Comparing methods and evaluating the magnitude effect. Journal of Behavioral and Experimental Economics, 65, 16–26.
Iyer, P., Bozzola, M., Hirsch, S., Meraner, M., & Finger, R. (2020). Measuring farmer risk preferences in Europe: a systematic review. Journal of Agricultural Economics, 71(1), 3-26.
Schaub, S., Ghazoul, J., Huber, R., Zhang, W., Sander, A., Rees, C., Banerjee, S., Finger, R. (2023). The role of behavioral factors and opportunity costs in farmers‘ participation in voluntary agri-environmental schemes: A systematic review. Journal of Agricultural Economics 74(3): 617-660
Steinhorst, M. P., & Bahrs, E. (2014). Agricultural investors valuing sequences of monetary rewards—Results of an experiment. Agricultural Finance Review, 74(3), 379–396.
Wuepper, D. (2020). Does culture affect soil erosion? Empirical evidence from Europe. European Review of Agricultural Economics, 47(2), 619–653.
Wuepper, D., Bukchin-Peles, S., Just, D., and Zilberman, D. (2023). “Behavioral Agricultural Economics” Applied Economic Perspectives and Policy 45(4): 2094–2105.
Wuepper, D., Henzmann, S. and Finger, R. (2023). “Measuring Farmer Time Preferences: A Systematic Literature Review for Europe and North America” Journal of the Agricultural and Applied Economics Association https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/jaa2.97
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