Schaffen Familienbetriebe Arbeitsplätze im ländlichen Raum?

Von David Wuepper, Stefan Wimmer, Johannes Sauer*

Es wird immer wieder davon gesprochen, dass Familienbetriebe wichtig sind, um in ländlichen Regionen Arbeitsplätze zu schaffen. Empirisch gibt es jedoch erstaunlich wenig Anhaltspunkte dafür. Selbst in den ländlichen Räumen der meisten mitteleuropäischen Länder sind nur wenige Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt. Es könnte aber natürlich sein, dass Familienbetriebe auch Beschäftigung ausserhalb der Landwirtschaft schaffen, in den vor- und nachgelagerten Bereichen und im Tourismus zum Beispiel. In einer vor kurzem in der European Review of Agricultural Economics veröffentlichten Studie analysieren wir quantitativ, ob ländliche Regionen in Deutschland mit einem höheren Anteil an landwirtschaftlichen Familienbetrieben eine geringe Arbeitslosigkeit haben, und ob ein Rückgang an Familienbetrieben kausal zu einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit führt (Wuepper, Wimmer, Sauer, 2020). Wir beantworten die erste Frage mit Ja, aber die zweite mit Nein.

Unsere Datengrundlage sind FADN Daten auf Kreisebene von 2008 bis 2013. Wir finden, dass in Deutschland Regionen mit mehr Familienbetrieben weniger Arbeitslosigkeit haben (Abb.1a) und dies ist robust gegenüber vielen Kontrollvariablen. Betrachten wir allerdings Veränderungen über die Zeit, ein Setting im dem wir für noch viele weitere Störfaktoren kontrollieren können, so zeigt sich, dass ein Rückgang an Familienbetrieben nicht kausal zu mehr Arbeitslosigkeit führt (Abb.1b). Der Grund warum wir den starken Zusammenhang zwischen Familienbetrieben und Beschäftigungsquote sehen, sind regionale kulturelle Unterschiede.

Abb.1. Der Regionale Zusammenhang zwischen dem regionalen Anteil von Familienbetrieben und ländlicher Arbeitslosigkeit (a) und zwischen der Veränderung des Anteils an Familienbetrieben und ländlicher Arbeitslosigkeit (b).

Im letzten Jahr hatten schon sowohl Wuepper (2020) wie auch Fouka and Schläpfer (2020) gefunden, dass es grosse kulturelle Unterschiede zwischen den Regionen und Gemeinden in Deutschland gibt. Eine wichtige Erklärung sind historische landwirtschaftliche Umstände, zum Beispiel wie sehr sich Arbeit gelohnt hat oder wie berechenbar das Wetter war. Da sich über lange Zeit hinweg Landwirtschaft, Institutionen, Kultur, und Arbeitsmärkte gemeinsam entwickelt haben, ist es leicht, den Einfluss von Kultur mit dem Einfluss von landwirtschaftlichen Strukturen statistisch zu verwechseln. Das ist genau, was wir finden. Wenn wir explizit für kulturelle Unterschiede kontrollieren, sehen wir, dass diese den Anteil an Familienbetrieben mit stärkeren Arbeitsmärkten verknüpfen, aber es keinen direkten Zusammenhang zwischen Familienbetrieben und Arbeitsmärkten gibt. Die relevanten kulturellen Faktoren lassen sich als „Arbeitsethik“ zusammenfassen (gemessen als Präferenz für mehr Freizeit, weniger Stress, weniger Verantwortung, etc.).

Zusammenfassend zeigt unsere Analyse, dass ein höherer Anteil an Familienbetrieben in einer ländlichen Region in Deutschland nicht kausal zu mehr ländlichen Arbeitsplätzen führt. In einer vorhergehenden Studie hat sich auch schon gezeigt, dass Familienbetriebe nicht per se nachhaltiger bewirtschaftet werden als grössere, industrielle Betriebe (Wuepper, Wimmer, und Sauer 2020). Dies sind wichtige Erkenntnisse für die Gestaltung der Agrarpolitik, bedeutet aber nicht, dass Familienbetriebe keinen Mehrwert schaffen und nicht besonders gefördert werden sollten. Unterschiedliche landwirtschaftliche Betriebsstrukturen können viele Auswirkungen haben und wir haben bisher nur zwei von vielen getestet. Bezüglich Umwelt ist es gut vorstellbar, dass viele kleine Familienbetriebe eine kleinstrukturiertere, komplexere Landschaft erzeugen als wenige Grossbetriebe, mit positiven Auswirkungen auf Biodiversität- und Bodenschutz. Und während wir keine Reduzierung der Arbeitslosenquote durch Familienbetriebe finden, kann es dennoch sein, dass Familienbetriebe andere, höherwertigere Arbeitsplätze schaffen und anderweitig positive wirtschaftliche und soziale Effekte in ländlichen Räumen haben. Diese Zusammenhänge sollten möglichst bald erforscht werden, da sie wichtige Implikationen für Politik und Gesellschaft mit sich bringen.

Referenzen

Vasiliki Fouka, Alain Schläpfer, Agricultural Returns to Labour and the Origins of Work Ethics, The Economic Journal,https://doi.org/10.1093/ej/ueaa029

Wuepper, David 2020, Does culture affect soil erosion? Empirical evidence from Europe, European Review of Agricultural Economics, https://doi.org/10.1093/erae/jbz029

Wuepper, David, Stefan Wimmer, Johannes Sauer 2020, Is small family farming more environmentally sustainable? Evidence from a spatial regression discontinuity design in Germany, Land Use Policy, https://doi.org/10.1016/j.landusepol.2019.104360

Wuepper, David, Stefan Wimmer, Johannes Sauer 2021, Does family farming reduce rural unemployment?, European Review of Agricultural Economics, Special Issue on European Farm Income, Edited by R. Finger and N. El Benni; https://doi.org/10.1093/erae/jbab002

* David Wuepper und Stefan Wimmer sind an der ETH Zürich, Johannes Sauer an der TU München

**Der Beitrag ist Teil des Special Issues zu Einkommen in der europäischen Landwirtschaft in der European Review of Agricultural Economics https://agrarpolitik-blog.com/2021/02/18/einkommen-in-der-europaischen-landwirtschaft-neue-perspektiven-und-implikationen-fur-die-politikbewertung/ 

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About Robert Finger

I am Agricultural Economist and head of the Agricultural Economics and Policy Group at ETH Zurich. Group Website: www.aecp.ethz.ch. Private Website: https://sites.google.com/view/fingerrobert/home