Wie Nachbarn die Diversifizierung landwirtschaftlicher Betriebe beeinflussen

Willemijn Vroege, Manuela Meraner, Nico Polman, Hugo Storm, Wim Heijman, Robert Finger*

Die Diversifizierung landwirtschaftlicher Betriebe nimmt einen immer grösseren Stellenwert ein. Es schafft neue wirtschaftliche Möglichkeiten und unterstützt so das Überleben landwirtschaftlicher Betriebe, stärkt die wirtschaftliche Entwicklung ländlichen Regionen und trägt damit zur Resilienz ganzer landwirtschaftlicher Systeme bei (Meuwissen et al., 2019). Daher ist die Diversifizierung landwirtschaftlicher Betriebe eine wichtige Komponente der ländlichen Entwicklung und in vielen Europäischen Ländern ein explizites Politikziel (Augère-Granier 2016). Die Diversifizierung landwirtschaftlicher Betriebe bedeutet eine Verlagerung der Ressourcen des Betriebes (Land, Arbeit und/oder Kapital) weg von der eigentlichen landwirtschaftlichen Produktion, um so zusätzliches Einkommen zu schaffen. In unserem kürzlich in der Zeitschrift Land Use Policy veröffentlichten Artikel (Vroege et al., 2020) untersuchen wir die Bedeutung der Nachbarschaft für diese Diversifizierungsentscheidungen am Beispiel der Niederländischen Landwirtschaft.

Beispiele für Diversifizierungsaktivitäten in landwirtschaftlichen Betrieben sind der Agrotourismus, Verarbeitung auf dem Betrieb, Direktvermarktung aber auch Einkommensgenerierung aus Agrarumweltprogrammen. Diese breitere Palette landwirtschaftlicher Aktivitäten trägt zu einer Stabilisierung der landwirtschaftlichen Einkommen bei und ermöglicht es den landwirtschaftlichen Haushalten ihre Ressourcen breiter zu nutzen. Neben den Eigenschaften des eigenen Betriebes (z.B. Lage, Grösse, Produktionsmöglichkeiten, Arbeitskapazität), haben auch Aktivitäten und Charakteristika anderer, benachbarter landwirtschaftlicher Betriebe potentiell einen Einfluss auf dessen Entscheidungen, auch bei der Diversifikation (Läpple und Kelley 2015). So kann es vorteilhaft sein, mit einer Verarbeitung auf dem eigenen Betrieb zu beginnen, wenn in der Nachbarschaft Vermarktungskapazitäten vorhanden sind, oder gemeinsame Label aufgebaut werden. Besteht jedoch ein starker Wettbewerb mit anderen Betrieben (z.B. im Agrotourismus oder der Direktvermarktung) kann dies das Potenzial für ein weiteres Angebot in der Nachbarschaft verringern (van der Meulen, et al. 2014).

In unserem Artikel untersuchen wir den Einfluss benachbarter Betriebe auf Diversifizierungsentscheidungen mit Hilfe eines räumlich-expliziten Regressionsanalyse. Wir verwenden dazu die Zensusdaten aller landwirtschaftlichen Betrieben in den Niederlanden für das Jahr 2013 (ca. 66.000). Diese Daten liefern detaillierte Informationen über die Lage und Charakteristika (z.B. Struktur, Produktion) der Betriebe sowie deren Diversifizierungsaktivitäten. Wir reichern diesen Datensatz mit räumlich expliziten Informationen über Bodenbeschaffenheit, die Attraktivität der Landschaft, Bevölkerungsdichte und weitere regionale Merkmale an. Neben den Eigenschaften der jeweiligen Betriebe und Betriebsleiter werden immer auch die Eigenschaften benachbarter Betriebe explizit berücksichtigt um zu erklären, wer welche Diversifizierungsaktivitäten umsetzt oder nicht. 

Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Struktur, Ausrichtung und die Diversifikation benachbarter Betriebe für die Diversifikationsentscheide einzelner Betriebe zentral sind. Das bedeutet, dass sich die Entscheidung eines Betriebes, seine Aktivitäten zu diversifizieren, immer auch von den Aktivitäten und Merkmalen anderer, benachbarter Betriebe beeinflusst ist. Es gibt also Spillover-Effekte. Wir finden sowohl positive als auch negative Spillover-Effekte der Diversifizierungsaktivitäten.

So stellen wir beispielsweise fest, dass agrartouristische Aktivitäten in den Niederlanden häufig von jüngeren Landwirten in diversifizierten Ackerbau- und Weideviehbetrieben aufgenommen werden, die sich in einer Nachbarschaft von Betrieben mit den gleichen Merkmalen und Aktivitäten befinden. Ferner stellen wir fest, dass Nachbarn mit Verarbeitungsaktivitäten auf dem Betrieb die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ein Betrieb mit der Direktvermarktung beginnt. Insgesamt deuten unsere Ergebnisse auf ein gewisses Mass an Zusammenarbeit zwischen diversifizierten Betrieben hin. Unsere Ergebnisse zeigen jedoch auch, dass die Attraktivität der umliegenden Betriebstypen wichtig für die Aufnahme von Diversifizierungsaktivitäten ist. Beispielsweise entstehen weniger agrartouristische Aktivitäten, wenn in der Nachbarschaft Betriebe mit intensiver Viehhaltung sind, oder dort intensive Gartenbaubetriebe oder Obstproduzenten vorhanden sind.

Abbildung 1. Die Umsetzung von Diversifikationsstrategien landwirtschaftlicher Betriebe wird massgeblich auch durch Strukturen und Entscheidungen benachbarter Betriebe bestimmt.

Die in dieser Studie identifizierten und quantifizierten Spillover-Effekte implizieren, dass die landwirtschaftliche Diversifizierung nicht nur die Einkommensdiversifizierung einzelner Betriebe fördert, sondern auch wirtschaftliche Chancen für Betriebe in der Nachbarschaft schaffen kann. Dies beeinträchtigt auch die Wirksamkeit von Förderprogrammen. Politikmassnahmen, die die Diversifikation fördern, sollten daher diese Spillover-Effekte berücksichtigen. Zum Beispiel können Politikmassnahmen zur Entwicklung ländlicher Gebiete effizienter sein, wenn sie über die Ebene der einzelnen Betriebe hinaus konzipiert werden. Die Nichtberücksichtigung von Spillover-Effekten über die einzelnen Betriebe hinaus verzerrt die Kosten, die für eine erfolgreiche Diversifizierung der Betriebe erforderlich sind. So kann die gezielte Stärkung räumlicher Cluster die die Nutzung positiver Spillover Effekte fördert, effizienter sein, als jeden Betrieb im gleichen Masse zu fördern.

Um Spillover-Effekte besser zu verstehen sollten verstärkt die Grösse und Struktur lokaler sozialer Netzwerke gezielter untersucht und abgebildet werden. Das kann dazu dienen auch in grossen statistischen Analysen (wie hier mit mehreren zehntausend Betrieben) die Relevanz lokaler Kooperationen, Genossenschaften oder Verbänden sowie den Einfluss von Meinungsführern besser zu berücksichtigen.

Referenzen

Augère-Granier, M.-L. Farm diversification in the EU, <http://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/BRIE/2016/581978/EPRS_BRI(2016)581978_EN.pdf> (2016).

Ilbery, B. Farm Diversification as an Adjustment Strategy on the Urban Fringe of the West Midlands. Journal of Rural Studies 7, 207-218 (1991).

Läpple, D. & Kelley, H. Spatial dependence in the adoption of organic drystock farming in Ireland. Eur. Rev. Agric. Econ. 42, 315-337, doi:10.1093/erae/jbu024 (2015).

Meuwissen, M. P. M. et al. A framework to assess the resilience of farming systems. Agric. Syst. 176, 102656, doi:10.1016/j.agsy.2019.102656 (2019). (Open access)

van der Meulen, H. A. B. et al. Kijk op multifunctionele landbouw: Omzet en impact 2007-2013. (LEI Wageningen UR, Den Haag, Netherlands:, 2014).

Vroege, W., Meraner, M., Polman, N., Storm, H., Heijman, W., Finger, R. (2020). Beyond the single farm – A spatial econometric analysis of spill-over effects in farm diversification in the Netherlands. Land Use Policy 99: 105019 >> https://doi.org/10.1016/j.landusepol.2020.105019 (open access)

*Willemijn Vroege und Robert Finger sind an der ETH Zürich (CH), Manuela Meraner und Hugo Storm an der Universität Bonn (D), Nico Polman an der Wageningen University and Research (NL) und Wim Heijman an der Czech University of Life Sciences Prague (CZ) und Wageningen University and Research (NL).

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About Robert Finger

I am Agricultural Economist and head of the Agricultural Economics and Policy Group at ETH Zurich www.aecp.ethz.ch