Schutz von Kulturland: Lieber die Anderen

Alle möchten das Kulturland schützen. Die Frage ist aber, wo genau?

Im Kanton Zürich wurde die Kulturlandinitiative, welche zum Ziel hatte, Fruchtfolgeflächen besser zu schützen, deutlich abgelehnt. Im Jahr 2012 hatte sich noch eine Mehrheit für den Schutz des Kulturlandes ausgesprochen. Die damalige Initiative war jedoch nur eine «allgemeine Anregung» und der Kanton sah das Anliegen in seinem neuen Richtplan bereits umgesetzt. Das Bundesgericht wiederum sah das anders, weshalb es in diesem Herbst erneut zur Abstimmung kam. Die geplante Umsetzung sah vor, dass wenn Ackerfläche eingezont wird, ein gleichwertiger Ersatz des Bodens geschaffen würde. Entweder soll an einem anderen Ort Fläche ausgezont oder schlechte Böden durch den Auftrag von Humus zu Fruchtfolgeflächen aufgewertet werden.

Ein wichtiges Argument der Gegner der Kulturlandinitiative in der Debatte war, dass der gleichwertige Ausgleich zu höheren (Bau-)Kosten führen würde. Aus einer agrarökonomischen Perspektive wäre das aber gerade der gewünschte Effekt gewesen. Kulturland dient, gerade in stadtnahen Gebieten, nicht nur zur landwirtschaftlichen Produktion. Dieser Boden ist Grundlage für eine Vielzahl von Ökosystemleistungen von der Erhaltung des Wasserhaushalts bis zur Sicherstellung von kulturellen Leistungen z.B. durch die Erhaltung eines Naherholungsgebiets. Eine Internalisierung dieser Leistungen in den Preis für die Einzonung von Ackerflächen wäre sinnvoll.

Aus einer wissenschaftlichen Perspektive stellt sich einerseits die Frage, wie die Ökosystemleistungen des Bodens erfasst, quantifiziert und bewertet werden können. Andererseits muss sich die angewandte Wissenschaft auch damit beschäftigen, wie die entsprechenden Informationen zu diesen Leistungen in den politischen Entscheidungsprozess einfliessen können. In einer unserer neuen Publikationen sind wir diesen Fragen nachgegangen.

Mit Hilfe eines ökonomisch-ökologischen Modells haben wir die Ökosystemleistungen des Bodens für ein Fallstudiengebiet im Wallis berechnet und simuliert, wie unterschiedliche Raumplanungsszenarien sich auf die Erbringung dieser Leistungen auswirkt (Drobnik et al. 2016). Dabei haben wir explizit auch Szenarien verwendet, bei denen die Gemeinden miteinander kooperieren und es daher zu einem räumlichen «Ausgleich» der Einzonungen kommt – ähnlich wie es der Umsetzungsmechanismus in Zürich vorgesehen hätte. Zudem wurden die Ergebnisse der Berechnungen in eine Computer-Plattform integriert, mit deren Hilfe die Veränderung der Ökosystemleistungen mit Entscheidungsträgern aus den Gemeinden und der Politik diskutiert werden können.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Berücksichtigung von Ökosystemleistungen in unseren Simulationen dazu führt, dass sich der optimale Standort für die Einzonung von neuen Siedlungsflächen verschiebt. Die Berücksichtigung von Flächenabtausch zwischen den Gemeinden verstärkt diesen Effekt und führte in unseren Simulationen zu einer deutlich höheren Erbringung von ökologischen und kulturellen Leistungen, ohne dass weniger gebaut werden müsste. Ausserdem konnten mit den modellbasierten Karten die Gewinner und Verlierer, d.h. Gemeinden die Bauzonen erhalten oder verlieren würden, dargestellt werden. Solche Informationen könnten eine wichtige Grundlage für die politische Planung von Einzonungen sein. Entscheidungsträger aus Gemeinden, dem Kanton und der Politik zeigten sich interessiert an diesen Ergebnissen. An einem gemeinsamen Workshop wurde über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Szenarien diskutiert. Dabei zeigte sich aber auch, dass es in der Umsetzung solcher Ideen in erster Linie darum geht, dass der Handlungsspielraum der einzelnen Akteure – insbesondere der Gemeinden – nicht eingeschränkt werden darf.

Darin widerspiegelt sich die grundlegende Herausforderung in der Schweizerischen Raumplanung: Grundsätzlich sind alle damit einverstanden, dass mehr Schutz von Kulturland sinnvoll ist. Zu selten aber sind die Akteure bereit, bestehende Privilegien gegenüber übergeordneten Zielen aufzugeben. Das ist letztendlich auch das Verdikt aus der Abstimmung in Zürich.

Literatur:

Drobnik T., Huber R., Grêt-Regamey A. 2016. Coupling a settlement growth model with an agro-economic land allocation model for securing ecosystem services provision. Journal of Environmental Planning and Management, 1-26; http://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/09640568.2016.1197828

 

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