China – Chance und Herausforderung zugleich

Matteo Aepli. Chinas Wirtschaftswachstum liegt trotz weltweiten konjunkturellen Schwierigkeiten immer noch über 7%. Die Kaufkraft in den Städten steigt rasch und damit steigt auch die Nachfrage nach Importprodukten, die nicht zuletzt aufgrund der Lebensmittelskandale in China an Boden gutmachen konnten. Das birgt ein wachsendes Potential für den Export von Schweizer Nahrungsmitteln nach China.

China hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Schwergewicht im internationalen Agrarhandel entwickelt. Die zunehmenden Importe besonders von Ölsaaten und jüngst auch Reis zeugen von der grossen Nachfrage und der dominanten Stellung auf dem Weltmarkt und schliesslich vom Einfluss auf das weltweite Preisniveau von Agrargütern.

Die Schweiz hat Vorarbeit geleistet und steht als eines der ersten Länder kurz vor dem Abschluss eines Freihandelsabkommens mit China. Der Aussenhandel zwischen der Schweiz und China bei Agrargütern ist mit einem Prozent am totalen Agraraussenhandel der Schweiz zwar verhältnismässig gering, die Wachstumsraten wiederspiegeln aber die Potentiale des chinesischen Marktes. So haben sich beispielsweise die Exporte von Schweizer Milchprodukten in den letzten 10 Jahren mehr als verdoppelt und liegen bei einem aktuellen, wenn auch immer noch tiefen Volumen von knapp 5 Mio. Franken. Das sind 3.5% der totalen Exporte von Milch und Milchprodukten.

Die geringen Exportmengen bei gleichzeitig hohen Wachstumsraten des chinesischen Marktes zeigen, dass die Potentiale noch nicht ausgeschöpft sind. Denn China dürstet nicht nur nach Agrarrohstoffen, sondern immer mehr auch nach verarbeiteten Nahrungsmitteln und etabliert sich für die Schweiz zu einem vielversprechenden Handelspartner. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Das stark steigende Pro-Kopf-Einkommen führt besonders im urbanen China zu einer gesteigerten Kaufkraft. Die schnell fortschreitende Urbanisierung führt ihrerseits in Kombination mit dem steigenden Pro-Kopf-Einkommen zu einer wachsenden Bevölkerungsschicht mit höherer Kaufkraft. Obwohl Importprodukte teurer als Inlandprodukte sind, führt nicht zuletzt  das schwindende Vertrauen in eigene chinesische Produkte – grösstenteils verursacht durch verschiedene Lebensmittelskandale in den letzten Jahren – zu einer steigenden Nachfrage nach Importgütern. Bei einigen Importprodukten wie Milchpulver für Babynahrung ist die Preiselastizität der Nachfrage fast vollkommen unelastisch, die Zahlungsbereitschaft somit sehr hoch. Dasselbe gilt für die Substitutionselastizität der Herkunft. Obwohl der Preisunterschied zwischen inländischem und importiertem Milchpulver mehrere hundert Prozent beträgt, ist die Präferenz für importiertes Milchpulver ungebrochen (inländisches Milchpulver <10 CHF/800g, importiertes Milchpulver 30-60 CHF/800g). Die Erklärung für diese hohe Zahlungsbereitschaft liegt in diesem besonderen Fall vor allem in der Angst um die Gesundheit des einzigen Kindes.

Auch bei anderen Schweizer Exportprodukten können stolze Preise gelöst werden. Emmentaler, Appenzeller und Gruyère gehen für ca. 25 CHF/kg bis 45 CHF/kg über den Ladentisch. Diese hohen Preise wiederspiegeln einerseits die hohen Kosten beim Markteintritt, anderseits auch die Zahlungsbereitschaft eines kleinen, aber für Schweizer Unternehmen oft immer noch genügend grossen Kundensegments. Um dieses Segment zu erreichen, braucht es eine optimale Wahl der Distributoren und Verkaufsstellen. Dabei muss beachtet werden, dass der Detailhandel in China eine andere Struktur als in Europa aufweist. Einzelne unabhängige Verkaufsstellen dominieren, während Detailhandelsketten erst im Aufbau sind. Das macht die Positionierung und den Verkauf von Schweizer Produkten in China eher aufwändig. Obwohl der chinesische Detailhandel/Lebensmitteleinzelhandel für Schweizer Exportprodukte im Vordergrund steht, sollte auch die chinesische Gastronomie in Betracht gezogen werden. Deren Wachstum war in den letzten Jahren mit durchschnittlich 13% höher als beim Detailhandel.

Neben Milchprodukten (Käse, Joghurt und Frischmilch), die zu einem grossen Teil durch Emmi exportiert werden, sind auch Schweizer Schokolade und Biscuits erfolgreich auf dem chinesischen Markt. Unternehmen wie Lindt, Chocolat Frey oder Hug mit Wernli haben den Markteintritt geschafft. Andere wie Cailler stehen kurz davor. So werden zum Beispiel Lindorkugeln in China zum doppelten Preis im Vergleich zur Schweiz verkauft. Da Schokolade und Biscuits oft zum Schenken gekauft werden (‚Gift market‘ = ca. 40% bei Schokolade und Biscuits), spielt die Verpackung eine sehr wichtige Rolle. Chinesen mögen grosse und aufwändige Verpackungen mit edlen Schriftzügen – wenn auch mit wenig Inhalt. Ganz im Gegensatz zu den Europäern, die darin womöglich eine Täuschung des Konsumenten sehen würden.

Trotz dem starken Wachstum ist der Eintritt in den chinesischen Markt mit einigen Herausforderungen und Schwierigkeiten verbunden. Das zeigt sich auch darin, dass erst wenige Schweizer Unternehmen den Sprung nach China erfolgreich geschafft haben, während sich einzelne internationale Grosskonzerne wieder aus dem chinesischen Markt zurückgezogen haben. Eine besondere Herausforderung ist die Rechtsunsicherheit und -willkür und die weit verbreitete Fälschungskultur. Was heute gilt, kann bereits einen Tag später seine Gültigkeit wieder verloren haben. Nach der gut überlegten Wahl der Distributoren, der Transportunternehmen usw.  gilt es, regelmässig zumindest alle chinesischen Partner in China zu kontrollieren. Trotzdem sind verlässliche Partnerunternehmen vor Ort besonders zu Beginn des Markteintritts eine wichtige Komponente, um diese lokalen Eigenheiten verbunden mit hohen administrativen Kosten zu bewältigen.

Langfristig wird sich der Aussenhandel Schweiz-China in beide Richtungen verstärkt auf verarbeitete Produkte fokussieren. Denn China hat in den letzten Jahren grosse Anstrengungen unternommen und Know-how eingekauft, um die Wertschöpfungsketten zu stärken und die Effizienz zu steigern. Tiefe Lohnkosten und weitere attraktive Standortbedingungen machen es möglich. High-end-Produkte aus dem Bereich Backwaren werden schon heute nach Europa und in die ganze Welt exportiert. Es ist deshalb nur eine Frage der Zeit, bis auch andere verarbeitete Produkte den europäischen Markt erreichen. Auch aus diesem Grund sind die Schweizer Unternehmen gefordert, sich vermehrt auf die ausländischen Absatzmärkte auszurichten. Für den chinesischen Markt braucht es eine offensive, aber gut durchdachte Strategie. Damit wird auch der Schweizer Agrarsektor langfristig vom Wachstum im Markt profitieren.

Matteo Aepli, Gruppe Agrar-, Lebensmittel und Umweltökonomie, ETH Zürich

Ein Gedanke zu „China – Chance und Herausforderung zugleich

  1. Hat dieser Weltwirtschafts-Unsinn in irgendeiner Weise noch etwas mit Umwelt zu tun? Mit Ökonomie wohl nur kurzfristig. Prof. Rieder hat den Export von teuren CH-Agrarproduktion vor Jahrzehnten prophezeit, jetzt ist diese Zukunft angebrochen. Im Gegenzug essen die SchweizerInnen, welche das mit ihren Steuern berappen, chinesische Agrarprodukte mit den darin enthaltenen Giftcocktails; GVO oder nicht spielt keine Rolle mehr. Alles schön hin und her mit Schädlingen usw. in der Fracht, die dann den Absatz unserer Agrarchemie ankurbelt, damit der Pestizidabsatz auch wächst. Grünes Wachstum halt. Schöne neue Welt! Und wann kaufen die chinesischen Investoren überschuldete Schweizer Bauernhöfe?
    Grüsse aus den Bergen
    Heidi

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