Produktion und Produktionsflächen

Therese Haller. Die Bevölkerung, aber auch bäuerliche Kreise neigen dazu, gewisse Zusammenhänge zu ignorieren. Mit negativen Folgen für die Landwirtschaft.

Ergebnisse aus unserer Forschung zeigen: Die Bevölkerung wünscht sich – fragt man sie – eine produzierende Landwirtschaft. Ihre landschaftspflegerische Leistungen werden zwar hoch geschätzt, sie verleihen aber, für sich gesehen, der Landwirtschaft keine Existenzberechtigung. So spiegelt sich in der Bevölkerung, bis zu einem gewissen Grad, das Selbstbild der Bauern, die sich in erster Linie als Produzenten sehen wollen. Aus dieser Übereinstimmung der Vorstellungen darf aber nicht automatisch auf eine Unterstützungs- oder Zahlungsbereitschaft geschlossen werden.

Die Übereinstimmung der Vorstellungen ist denn auch eine unvollständige. Wenn Landwirte als Produzenten gesehen werden, so will das nicht heissen, dass die von ihnen bewirtschaftete Fläche als Produktionsfläche wahrgenommen wird. Der fortschreitende Verlust an Landwirtschaftsfläche wird nicht primär wegen der zerstörten Produktionsmöglichkeiten bedauert, sondern vielmehr wegen der Umwandlung natürlicher Lebensräume in Siedlungsfläche. Der öffentlich zugängliche landwirtschaftliche Raum ist für die Bevölkerung ein Ort der Begegnung mit der Natur, mit Tieren und Pflanzen. Je vielfältiger diese Landschaft ist, als desto ursprünglicher und  naturnaher wird sie empfunden. Eine allzu intensive Landwirtschaft widerspricht dieser Erwartung. Nur zu gerne wird sie als Monokultur oder Tierfabrik verschrien. Der landwirtschaftliche Raum wird nicht anhand seiner Produktivität gemessen, sondern viel eher aufgrund der Qualität der Naturbegegnungen, die er ermöglicht. Wenn im siedlungsnahen Raum intensiv genutzte Landwirtschaftsflächen eingezont und überbaut werden, hält sich der Verlust daher in Massen. Denn der mobile Mensch von heute kann in kurzer Zeit weit attraktivere Umgebungen erreichen. So kann es kommen, dass, obwohl sich eine Mehrheit der Bevölkerung einen höheren Beitrag der Schweizer Landwirtschaft an die Versorgung des Landes wünscht, die gleichen Bürger oder deren Vertreter auf kommunaler Ebene der Landwirtschaft Stück um Stück ihre Produktionsgrundlage entziehen. Damit werden in den gegenwärtigen politischen Prozessen raumplanerisch suboptimale Entscheidungen gefällt, da nicht alle relevanten Zusammenhänge berücksichtigt werden.

Die Schweizer Landwirtschaft soll nun also das Kunststück vollbringen, auf einer abnehmenden Fläche für eine zunehmende Bevölkerung genügend zu produzieren, und zwar – zum Beispiel – Milch von glücklichen Kühen auf artenreichen Blumenwiesen. Wird sie diesen aufs Tierwohl oder die Biodiversität bezogenen Erwartungen nicht gerecht, so droht sie, ihre Glaubwürdigkeit und damit die Unterstützung der Bevölkerung zu verspielen. Da eine Intensivierung der Landwirtschaft diesen Erwartungen widerspricht, stellt auch die Fokussierung bäuerlicher Kreise auf einen möglichst hohen Inlandanteil eine suboptimale Entscheidung ohne Berücksichtigung aller relevanten Zusammenhänge dar. Denn, wer auf Unterstützung oder auf höhere Preise hofft, der sollte auf Qualität setzen, nicht auf Quantität. Denn diese bestimmt den Wert, das gilt für Produkte, aber auch für Kulturlandschaften.

Therese Haller arbeitet an der Professur für Agrarwirtschaft, AFEE-ETH Zürich

Ein Gedanke zu „Produktion und Produktionsflächen

  1. der stimmbürger sagt, er wünsche eine produzierende landwirtschaft, meint aber eine landschaftspflegende landwirtschaft. ein grundlegendes kommunikationsproblem.
    erstaunlich finde ich, dass in unserer dienstleistungsgesellschaft die dienstleistung der landschaftspflege weder von den dienstleistern noch von den leistungsnehmern als solche erkannt wird. so kann/will sie auch nicht abgegolten werden.

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