Braucht die Politik Evidenz aus der Wissenschaft? – Antworten aus der Schweizer Landwirtschaftspolitik

Ueli Reber, Karin Ingold, Christian Stamm*

Um ihre Aussagen zu untermauern, können sich Redner: innen im politischen Diskurs entweder auf Evidenz aus der Wissenschaft oder auf Evidenz aus der Praxis stützen. Es ist jedoch wenig darüber bekannt, wann politische Akteure in ihren Aussagen eher die Wissenschaft und wann eher die Praxis bemühen. In einer Studie zur Schweizer Landwirtschaftspolitik im Generellen und der Regulierung von Pflanzenschutzmitteln im Spezifischen, haben wir untersucht, was diese Wahl beeinflusst. Dafür haben wir den medialen Diskurs von politischen Akteuren über 10 Jahre analysiert und sind zum Schluss gekommen, dass insbesondere bei einer Polarisierung des politischen Diskurses vermehrt auf Erfahrungswissen aus der Praxis und weniger auf Information aus der Wissenschaft gesetzt wird.

Eckdaten der Studie

In dieser Studie haben wir eine Medienanalyse durchgeführt und untersucht, wie sich politische Akteur: innen zur Pflanzenschutzmittelpolitik äussern und welche Evidenz sie dabei verwenden. Konkret haben wir die Nutzung von Evidenz aus der Wissenschaft und praktischer Erfahrung einander gegenübergestellt. Wie wissenschaftliche Erkenntnisse kann sich praktische Erfahrung auf sehr unterschiedliche Aspekte beziehen, beispielsweise auf die Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die Produkte selbst, Umweltauswirkungen oder politische Massnahmen. Wir haben dabei Faktoren untersucht, welche die Auswahl von Evidenz beeinflussen. Anhand von Daten aus der quantitativen Inhaltsanalyse waren dies: (1) die Polarisierung des Themas, (2) die Fokussierung der Aussage auf das Problem oder auf die Lösung und (3) die Position der Redner:innen für oder gegen eine Veränderung in der Pflanzenschutzmittelregulierung.

Analysiert haben wir Zeitungsartikel aus fünf viel gelesenen Tageszeitungen in der Schweiz zwischen 2013 und 2022 analysiert (Blick, Le Temps, Neue Zürcher Zeitung, Tages-Anzeiger und Tribune de Genève). Von den 3274 Artikeln, in denen im untersuchten Zeitraum etwas zur Pflanzenschutzpolitik gesagt wurde, haben wir eine Stichprobe von 371 analysiert. Dabei haben wir den gesamten Zehnjahreszeitraum mit den Wochen vor den Abstimmungen über die Pestizid- und Trinkwasserinitiative verglichen. Für jeden Artikel haben wir erfasst, wer sich äussert, welche Position vertreten wird und ob dabei wissenschaftliche Erkenntnisse (zum Beispiel durch das Zitieren einer begutachteten Studie) oder aber Erfahrungen aus der Praxis (wie das Beobachten von Ernteverlusten) als Beleg für die Richtigkeit der Aussage herangezogen wird.

Resultate

Unsere Ergebnisse zeigen, dass im Schweizer Diskurs um Pflanzenschutzmittelregulierung beide Arten von Evidenz regelmässig verwendet werden. Wissenschaftliche Evidenz wird dabei jedoch generell, das heisst unabhängig von der vertretenen politischen Position der Redner: innen, gegenüber praktischer Evidenz bevorzugt. Unsere Resultate machen aber auch klar, dass bei zunehmender Polarisierung des Themas, wie das im Vorfeld der Abstimmungen über die Initiativen der Fall war, vermehrt auf Erfahrung und praktisches Wissen als Evidenz gesetzt wird. Dabei ist es zwar immer noch wahrscheinlicher, dass wissenschaftliche Erkenntnisse herangezogen werden, aber die Verschiebung deutet auf eine Verlagerung des Diskurses hin zu emotional ansprechenden Narrativen anstelle von streng validiertem Wissen hin. Verglichen mit problemorientierten Aussagen, hat sich in unserer Analyse gezeigt, dass es bei Aussagen, die eine Lösung thematisieren, also eine solche vorschlagen oder ablehnen, die Verwendung von Praxiswissen als Evidenz etwas wahrscheinlicher ist. Dennoch scheint die Wissenschaft sowohl bei der politischen Problemdefinition als auch bei der Suche nach Lösungen eine unverzichtbare Partnerin zu sein. Die Analyse zeigt, dass beide Arten von Evidenz für den politischen Prozess wichtig sind. Dabei können sie im politischen Diskurs sowohl mit den besten Absichten verwendet als auch instrumentalisiert werden.

Studie: Reber, U.; Hofmann, B.; Stamm, C.; Ingold, K. (2025). Pick of the Crop: Understanding the Choice of Scientific and Experiential Evidence in Swiss Pesticide Discourse. Evidence & Policy, early view. https://doi.org/10.1332/17442648Y2025D000000064.

*AutorInnen: Ueli Reber (Universität Bern, EAWAG), Karin Ingold (Universität Bern, EAWAG, OCCR), Christian Stamm (EAWAG)

Projektwebseite: www.trapego.ch

Weiterführende Literatur: Hofmann, B.; Ingold, K.; Stamm, C; Ammann, P.; Eggen, R.; Finger, R.; Fuhrimann, S.; Lienert, J.; Mark, J.; McCallum, C.; Probst-Hensch, N.; Reber, U.; Tamm, L.; Wiget, M.; Winkler, M.; Zachmann, L.; Hoffmann, S. (2023). Barriers to evidence use for sustainability: Insights from pesticide policy and practice. Ambio, 52(2), 425-439. https://doi.org/10.1007/s13280-022-01790-4.

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About Robert Finger

I am professor of Agricultural Economics and Policy at ETH Zurich. Group Website: www.aecp.ethz.ch. Private Website: https://sites.google.com/view/fingerrobert/home