Christian Sponagel, Amibeth Thompson, Hubertus Paetow, Anne-Christine Mupepele, Claudia Bieling, Martin Sommer, Alexandra-Maria Klein, Josef Settele, Robert Finger, Robert Huber, Christian Albert, Juliane Filser, Florian Jansen, Janina Kleemann, Vera Schreiner, Sebastian Lakner*
Der Rückgang der Artenvielfalt in der Agrarlandschaft ist vielfach belegt worden. Die Landwirtschaft und unsere Ernährungssysteme gelten als indirekte Treiber des Verlustes der Artenvielfalt (IPBES 2019). Hierbei sind die Verwendung von Betriebsmitteln wie Dünger oder Pflanzenschutzmitteln, so wie die Strukturvielfalt innerhalb der Agrarökosysteme wichtige Einflussfaktoren. Doch auch der Konsum innerhalb der Gesellschaft übt einen indirekten Einfluss auf Artenvielfalt aus (Crenna et al., 2019). Ähnlich zu den globalen Trends zeigt sich daher auch in Agrarlandschaften in Deutschland ein Verlust von Habitaten und Populationen sowie der Anzahl von Arten, wie der 2024 vorgestellt Faktencheck Artenvielfalt gezeigt hat (Wirth et al., 2024).
Doch wie kann dieser Trend gestoppt und umgekehrt werden? Im diesem Blogbeitrag zeigen wir, wie man basierend auf der Methode der Cross-Impact-Balance (CIB) mögliche Entwicklungspfade zum Erhalt der Artenvielfalt herleiten kann.
Forschungslücke: Entwicklungspfade für die Artenvielfalt im Kontext der Interaktion multipler sozio-ökonomischer Treiber innerhalb des Agrar- und Ernährungssystems
Verschiedene Faktoren beeinflussen die Entwicklung der biologischen Vielfalt, wie beispielsweise die weltweite Nachfrage nach landwirtschaftlichen Gütern, Umwelt- und Agrarpolitik oder gesellschaftliche Werte. All diese Faktoren haben einen großen Einfluss auf den Schutz der biologischen Vielfalt (Plieninger et al., 2016; Thompson and Scoones, 2009). Der Zusammenhang zwischen einzelnen Treibern und Biodiversität wird häufig untersucht, aber über die Wechselwirkungen mehrerer gleichzeitig wirkender Treiber innerhalb des Agrar- und Ernährungssystems ist weniger bekannt. Diese stärker holistische Betrachtung ist jedoch notwendig, um den Verlust der Artenvielfalt zu stoppen (Jaureguiberry et al., 2022).
Anwendung der Cross-Impact-Balance Methode als systematische Szenariotechnik
Im Rahmen der Studie „Pathways for biodiversity enhancement in German agricultural landscapes“ die in der Fachzeitschrift People and Nature veröffentlicht wurde (Sponagel et al. 2025) haben wir Entwicklungspfade zur Förderung der Biodiversität in Agrarlandschaften am Beispiel von Deutschland mit Hilfe der Cross-Impact-Balance (CIB) Methode entwickelt. Die CIB ist ein systematischer Ansatz zur Entwicklung von konsistenten Szenarien bzw. Entwicklungspfaden (Weimer-Jehle, 2006). Diese Entwicklungspfade stellen eine Kombination künftiger Veränderungen im Agrar- und Ernährungssystem dar, die zu einer gewünschten Entwicklung führen, nämlich der Verbesserung der Artenvielfalt in der Agrarlandschaft (Leach et al., 2010).
Die CIB-Analyse war eine ausgelagerte Aktivität des Projekts „Faktencheck Artenvielfalt (Wirth et al., 2024), insbesondere der Arbeitsgruppe für das Kapitel „Agrar- und Offenland“. Der „Faktencheck Artenvielfalt“ war ein Gemeinschaftsprojekt von über 150 Autor*innen aus verschiedenen Instituten. Er zeigt den aktuellen Status und Trends der Biodiversität in Deutschland sowie die wesentlichen Einflussfaktoren.
Auf Basis der Arbeit im Faktencheck Artenvielfalt wurden die relevantesten sozio-ökonomischen Treiber der Biodiversität im Agrar- und Ernährungssystem bestimmt. Dieser konzeptionelle Rahmen der Zusammenhänge zwischen sozio-ökonomischen Treibern und direkten Treibern der Artenvielfalt ist in Abbildung 1 dargestellt.

Abbildung 1: Konzeptioneller Rahmen der sozio-ökonomischen Treiber für die Biodiversität in der Agrarlandschaft mit Verbindungen zwischen indirekten Treibern (durch gestrichelte Pfeile dargestellt) und Verbindungen zwischen indirekten und direkten Triebkräften in der Mitte (durch durchgezogene Pfeile dargestellt)
Für die sozio-ökonomischen Treiber wurden mögliche Trendalternativen für die Zukunft im Zieljahr 2030 definiert. Anschließend wurden drei Workshops mit Expertinnen und Experten aus verschiedenen Disziplinen und Sektoren, wie die Wissenschaft, Landwirtschaft und Landschaftspflege, organisiert, um die Wechselwirkungen und Auswirkungen der wichtigsten sozio-ökonomischen Treiber der Biodiversität in Agrarlandschaften in Deutschland zu bewerten. Die Ergebnisse zeigten komplexe Wechselwirkungen. So beeinflussen beispielsweise gesellschaftliche Werte andere Treiber wie die Naturschutzpolitik stark. Die Entwicklung gesellschaftlicher Werte ist jedoch eher unabhängig von anderen Treibern.
Vier Entwicklungspfade zum Erhalt der Artenvielfalt
Aus der Analyse wurden vier mögliche Entwicklungspfade hin zu mehr Biodiversität abgeleitet (Abbildung 2). Diese Pfade sind: 1) „Innovation und strengere Rechtsvorschriften“, 2) „Größere Veränderungen in der Proteinproduktion und Umstellung der Gemeinsamen Agrarpolitik“, 3) „Größere Veränderungen in der Proteinproduktion und strengere nationale Umweltgesetzgebung“ und 4) „Größere Veränderungen gesellschaftlicher Werte kompensieren fehlende Innovationen in der Nahrungsmittelproduktion“.
Alle vier Pfade sehen eine Verringerung des Landnutzungsdrucks, eine stabile globale Marktversorgung und einen Paradigmenwechsel in der Rolle der Landwirtschaft hin zu einer extensiveren Produktion und Bereitstellung öffentlicher Güter vor. Die Studie hebt auch die potenzielle Bedeutung von Innovationen in der Pflanzen- oder Proteinproduktion und die Notwendigkeit ihrer Umsetzung hervor. Dazu gehören unter anderem die Digitalisierung, neue Züchtungstechnologien oder Innovationen in der Proteinproduktion wie zelluläres Fleisch. Insbesondere die gesellschaftlichen Werte stellen einen Schlüsselfaktor dar, da sie stark auf andere Treiber wie die Naturschutz- und Agrarpolitik wirken. Auch Innovationen müssen Hand in Hand mit der gesellschaftlichen Akzeptanz gehen, damit sie effektiv wirken können.

Abbildung 2: Übersicht über die vier Entwicklungspfade zur Verbesserung der Artenvielfalt
Die Ergebnisse haben auch Implikationen für die Politik. So wurden Leitlinien für politische Entscheidungen auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen wie z. B. der Regionalplanung oder der Gesetzgebung auf Bundesebene abgeleitet. Grundsätzlich sollte der Flächendruck reduziert werden, was auch die Förderung innovativer und multifunktionaler Nutzungskonzepte wie Agri-PV umfasst. Für die Verbesserung der Biodiversität in Agrarlandschaften ist ein Wandel der gesellschaftlichen Werte wichtig, was bedeutet, dass Biodiversität auch in der öffentlichen Kommunikation einen höheren Stellenwert erhalten muss. Zudem ist ein stärkerer Fokus der Gemeinsamen Agrarpolitik auf Umweltziele bzw. eine Verschärfung der nationalen Umweltgesetzgebung erforderlich. Die Entwicklungspfade zeigen aber auch klar, dass es nicht nur einen Weg gibt, um das politisch vereinbarte Ziel der Verbesserung der Biodiversität zu erreichen. Wenn beispielsweise auf EU-Ebene keine stärkere Ausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik auf Umweltleistungen erreichbar sein, sollte ein stärkerer Fokus auf die nationale Naturschutz- und Umweltpolitik gelegt werden. Darüber hinaus sollten Innovationen in der Pflanzenproduktion einschließlich neuer Züchtungsmethoden sowie in der Proteinproduktion vorangebracht werden. Zur Erreichung von Biodiversitätszielen in Deutschland ist letztendlich auch eine stabile globale Versorgungslage für Agrarprodukte notwendig.
Studie: Pathways for biodiversity enhancement in German agricultural landscapes. People and Nature. In: People and Nature. DOI: https://doi.org/10.1002/pan3.70103 (Open Access)
Autor*innen:
Christian Sponagel1, Amibeth Thompson2, Hubertus Paetow3, Anne-Christine Mupepele4, Claudia Bieling5, Martin Sommer6, Alexandra-Maria Klein2, Josef Settele7,8, Robert Finger9, Robert Huber9, Christian Albert10, Juliane Filser11, Florian Jansen12, Janina Kleemann7,13, Vera Schreiner13, Sebastian Lakner12
1- Department of Farm Management, University of Hohenheim, Stuttgart, Germany
2- Nature Conservation and Landscape Ecology, University of Freiburg, Freiburg, Germany
3- DLG e.V. – German Agricultural Society, Frankfurt am Main, Germany
4- Department of Biology—Animal Ecology, University of Marburg, Marburg, Germany
5- Department of Societal Transition and Agriculture, University of Hohenheim, Stuttgart, Germany
6- Deutscher Verband für Landschaftspflege (DVL)—Landcare Germany, Ansbach, Germany
7- German Centre for Integrative Biodiversity Research (iDiv) Halle-Jena-Leipzig, Leipzig, Germany
8- Helmholtz-Centre for Environmental Research—UFZ, Halle, Germany
9- Agricultural Economics and Policy, ETH Zürich, Zürich, Switzerland
10- Leibniz University Hannover, Institute of Environmental Planning, Hannover, Germany
11- Center for Environmental Research and Sustainable Technology (UFT), University of Bremen, Bremen, Germany
12- Faculty of Agricultural and Environmental Sciences, University of Rostock, Rostock, Germany
13- Martin-Luther University Halle-Wittenberg, Institute for Geosciences and Geography,
Department of Sustainable Landscape Development
Kontakt:
Christian.Sponagel@Uni-Hohenheim.de
Faktencheck Artenvielfalt
Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Forschungsinitiative zur Erhaltung der Biodiversität (FEdA) gefördert und die Ergebnisse im Oktober 2024 veröffentlicht. Eine Zusammenfassung ist online verfügbar unter https://www.feda.bio/wp-content/uploads/2024/11/Faktencheck-Artenvielfalt-ZfE_hq.pdf
Referenzen
Crenna, E., Sinkko, T., Sala, S., 2019. Biodiversity impacts due to food consumption in Europe. J. Clean. Prod. 227, 378–391. https://doi.org/10.1016/j.jclepro.2019.04.054
Jaureguiberry, P., Titeux, N., Wiemers, M., Bowler, D.E., Coscieme, L., Golden, A.S., Guerra, C.A., Jacob, U., Takahashi, Y., Settele, J., Díaz, S., Molnár, Z., Purvis, A., 2022. The direct drivers of recent global anthropogenic biodiversity loss. Sci. Adv. 8, eabm9982. https://doi.org/10.1126/sciadv.abm9982
Leach, M., Stirling, A.C., Scoones, I., 2010. Dynamic Sustainabilities: Technology, Environment, Social Justice. Taylor & Francis, New York.
Plieninger, T., Draux, H., Fagerholm, N., Bieling, C., Bürgi, M., Kizos, T., Kuemmerle, T., Primdahl, J., Verburg, P.H., 2016. The driving forces of landscape change in Europe: A systematic review of the evidence. Land Use Policy 57, 204–214. https://doi.org/10.1016/j.landusepol.2016.04.040
Thompson, J., Scoones, I., 2009. Addressing the dynamics of agri-food systems: an emerging agenda for social science research. Environ. Sci. Policy 12, 386–397. https://doi.org/10.1016/j.envsci.2009.03.001
Weimer-Jehle, W., 2006. Cross-impact balances: A system-theoretical approach to cross-impact analysis. Technol. Forecast. Soc. Change 73, 334–361. https://doi.org/10.1016/j.techfore.2005.06.005
Wirth, C., Bruelheide, H., Farwig, N., Marx, J.M., Settele, J. (Eds.), 2024. Faktencheck Artenvielfalt: Bestandsaufnahme und Perspektiven für den Erhalt der biologischen Vielfalt in Deutschland. oekom verlag, München.
Liebe Heidi
Manchmal fragt man sich schon, ob sich die heutigen Forscherinnen überhaupt noch mit der Realität auseinandersetzen. Die deutsche, bzw. EU-Landwirtschaft fährt nämlich mit immer noch Volldampf auf dem Gleis der Produktivitätssteigerung, der Globalisierung, der Automatisierung und Digitalisierung und der Entmenschung der Agrarwirtschaft. Der neue Landwirtschaftsminister, der gelernte Metzger Alois Rainer, tut jetzt schon alles, um die notorisch bekannten Fehlallokationen weiter zu verstärken.
Lösungsvorschläge für diese verfahrene Agrarpolitik werden seit 50 Jahren en masse geliefert, Erfolg hatten sie keinen. Und die Systematik des Versagens mit den relevanten Treibern ist schon längst bekannt.
Was macht es also für einen Sinn, weiter für die Schublade zu produzieren? Eben, keinen! C’est l’art pour l’art oder „Alter Wein in neuen Schläuchen.“
Und dann enthält die Studie auch noch – wohl aus ideologischen Gründen – zwei grobe Fehler: Erstens fehlen in der Analyse die Bevölkerung und die herrschende Überproduktion als Faktoren und zweitens wird das Produktionswachstum noch immer als Ausweg aus der Krise gewertet. Wichtiger wäre es, wenn die Forschung sich mit Schrumpfungsprozessen und Qualitätsanpassungen beschäftigen würde.
Viele Grüsse aus den Wetziker Hundstagen bei 13°C und Dauerregen, zum Glück habe ich gestern noch einmal die Gurken abgeerntet! Uwe
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