Lenkungsabgaben in der Landwirtschaft

Robert Finger*

Lenkungsabgaben sind ein in der Agrarpolitik viel diskutiertes Thema, das grosse Potenziale, aber auch Herausforderungen birgt. Wie können gezielte Lenkungsabgaben dabei helfen, nachhaltigere Produktionsweisen zu fördern und zur administrativen Vereinfachung beitragen, ohne dabei die Einkommen zu reduzieren? In diesem Beitrag beleuchte ich wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen aus Europa und zeige, warum Lenkungsabgaben nur in einem abgestimmten Instrumentenmix ihre volle Wirkung entfalten können.

(Anmerkung: am 29.08. wurden zwei Sätze angepasst, markiert mit ** und ***, mit ausführlicher Erklärung am Ende des Textes)

Lenkungsabgaben werden in der agrarpolitischen Diskussion in der Schweiz und in Europa immer wieder thematisiert. So forderte bereits die Volksinitiative «Bauern und Konsumenten – für eine naturnahe Landwirtschaft» (zustande gekommen 1992): «[Der Bund] erhebt Lenkungsabgaben auf Produktionsmitteln, insbesondere auf Handelsdüngern und Pflanzenbehandlungsmitteln. Er bemisst sie so, dass die Anwendung umweltschonender Produktionsmethoden wirtschaftlich lohnend wird.» (Bundeskanzlei (o.J.)). Zurzeit werden Lenkungsabgaben als Teil einer Neuausrichtung der Agrarpolitik im Rahmen der AP 2030 diskutiert (vgl. Bauernzeitung 2024, Bundesrat 2022). Die Internalisierung externer Kosten mittels Lenkungsabgaben ist auch Teil der ‘True Costs of Food Systems’ Debatte die aktuell geführt wird (z.B. de Adelhart Toorop et al. 2021).

Dieser Blog-Beitrag fasst die aktuelle Literatur zu Lenkungsabgaben in der Landwirtschaft zusammen. Dabei stehen folgende Fragen im Vordergrund: Was sind Lenkungsabgeben und für welche landwirtschaftlichen Inputs werden sie angewandt? Wie wirken Lenkungsabgaben und wie reagieren die Landwirtinnen und Landwirte darauf? Wie können Lenkungsabgaben ausgestaltet werden und auf welche Weise erfolgt die Rückverteilung? Welche Erfahrungen wurden mit Lenkungsabgaben in Europa gemacht und wie können diese kohärent in eine bestehende Agrarpolitik integriert werden? Was sind die Grenzen von Lenkungsabgaben und wie können diese adressiert werden?

Die Analyse zeigt, Lenkungsabgaben können bei richtiger Ausgestaltung (i) Anreize setzen, Umweltziele möglichst kosteneffizient zu erreichen ohne Einkommen zu senken, (ii) zur administrativen Vereinfachung beitragen (weniger Auflagen, Kontrollen, Dokumentationspflichten), und (iii) den Betrieben mehr Freiheitsgrade geben und Vorschriften ersetzen. Wie genau eine Lenkungsabgabe ausgestaltet werden muss, um diese Vorteile nutzen zu können, beinhaltet allerdings eine Reihe offener Fragen. Auch ist es nicht sinnvoll, Lenkungsabgaben isoliert zu betrachten, sondern immer nur im Rahmen einer umfassenden Agrar- und Ernährungspolitik und in Kombination mit anderen Instrumenten (Möhring et al. 2020).

Was sind Lenkungsabgaben?

Während Steuern primär Einnahmen für den Staat generieren sollen, geht es bei Lenkungsabgaben um eine gezielte Verhaltenssteuerung durch finanzielle Anreize: Externe Effekte sollen in den Produktionsentscheid von Landwirtinnen und Landwirten internalisiert werden. Zudem ist die Verwendung der Einnahmen ein zentraler Unterschied. Werden die Einnahmen aus der Abgabe vollumfänglich an die landwirtschaftlichen Betriebe zurückgegeben, ist die Einkommenswirkung auf sektoraler Ebene gering** (siehe auch den Abschnitt zur Rückverteilung). Darüber hinaus gibt es Lenkungsabgaben mit Zweckbindung, bei denen die Einnahmen z.B. verwendet werden, um Kosten für die Trinkwasseraufbereitung aufgrund von Verunreinigungen durch die Landwirtschaft zu decken (siehe Frankreich, OECD 2011). Beide Ansätze (Rückverteilung und Zweckbindung) können auch kombiniert werden.

Für welche Inputs werden Lenkungsabgaben angewendet?

Grundsätzlich können verschiedene Inputs durch Abgaben gelenkt werden. In Europa gibt es z.B. Abgaben auf Pflanzenschutzmittel (z.B. in Dänemark, Norwegen, Schweden und Frankreich, Böcker und Finger 2026, Nielsen et al. 2023), auf Düngemittel (z.B. in Dänemark (für nicht-professionelle Betriebe)***, und früher auch in Ländern wie den Niederlanden, Schweden und Österreich, OECD 2017, FAO 1998), auf Futtermittel (z.B auf mineralischen Phosphor für Tierfutter in Dänemark von 2005 bis 2019, Andersen 2017, FAO 2004) und Antibiotika (z.B. in Belgien und Dänemark, Agence fédérale des médicaments et des produits de santé 2016, Nyegaard-Signori 2021). Ausserdem sind Abgaben auf Kraftstoffe ausserhalb der Landwirtschaft weit verbreitet.

Wie wirken Lenkungsabgaben?

Es gibt 3 zentrale Mechanismen für die Wirkung einer Lenkungsabgabe: i) direkte Anpassung des Inputeinsatzes in einer bestimmten Kultur (in der Ökonomie: intensive margin), z.B. weniger Stickstoffeinsatz im Weizen, ii) Anpassung der Aktivitäten, z.B. Wechsel der angebauten Kulturen (extensive margin), z.B. mehr Dinkel statt Weizen, iii) Änderung der Anbausysteme oder Technologie (super-extensive margin), z.B. Einsatz von teilflächenspezifischer Düngung als Reaktion auf eine Lenkungsabgabe auf Düngemittel.

Entscheidend für die potenzielle Lenkungswirkung einer Abgabe ist die kombinierte Wirkung dieser Mechanismen. Dies bedeutet auch, dass unerwünschte ‘Nebeneffekte’ berücksichtigt werden müssen, z.B. welche Kulturen in Zukunft angebaut und welche Technologien eingesetzt werden. Die Politik kann entlang der 3 Achsen auch gezielt Unterstützungsmassnahmen ergreifen, z.B. bestimmte Technologien, Kulturen und Anbauverfahren gezielt ermöglichen und fördern (siehe auch den Abschnitt zur Rückverteilung).

Wie reagieren die Landwirtinnen und Landwirte?

Generell gilt: Je höher die Abgabe, desto grösser die potenzielle Mengenwirkung und Reaktion. Wenn die Betriebe den Einsatz von Inputs jedoch nicht anpassen können, gibt es keinen Lenkungseffekt. Insbesondere kurzfristig ist die Anpassungsfähigkeit oft begrenzt, nicht alle Betriebe können ihre Produktion vollumfänglich wie oben beschrieben schnell anpassen. Beispielsweise können Dauerkulturen nicht einfach ersetzt werden und neue Technologien sind oft mit hohen Investitionen verbunden. Eine Preiserhöhung für Pflanzenschutzmittel mitten im Jahr hat ebenfalls keine Lenkungswirkung, da die Betriebe nicht mehr ausweichen können. Langfristig kann jedoch mit einer Reaktion gerechnet werden. Die Reaktionsfähigkeit der Betriebe auf höhere Inputpreise wird durch die Nachfrageelastizität ausgedrückt. Sie gibt an, um wie viel Prozent der Einsatz eines Inputs sinkt, wenn der Preis um 1% steigt.

Wie gross diese Elastizitäten sind, ist sehr kontextspezifisch. Um einen gesamthaften Überblick zu erhalten, haben Böcker und Finger (2017) in einer Metaanalyse Nachfrageelastizitäten für Pflanzenschutzmittel aus 31 Studien (94 Beobachtungen) aus Europa und Nordamerika analysiert. Der Median der kurzfristigen Elastizitäten betrug in dieser Studie -0,28, d.h. ein Preisanstieg um 10 % führt zu einem Rückgang des Pflanzenschutzmitteleinsatzes um 2,8 %. Das bedeutet, dass es einen Effekt gibt, dieser aber nicht gross ist. Langfristig, wenn die Reaktion über mehrere Jahre analysiert wird, ist die Elastizität mit -0.39 jedoch höher als kurzfristig (-0.18). Über die Zeit sind die Betriebe also eher in der Lage, sich an eine Abgabe anzupassen. Böcker und Finger (2017) zeigen ebenfalls, dass die Nachfrage nach Herbiziden preissensitiver ist als bei anderen Pflanzenschutzmitteln. Betriebe können Herbizide schneller substituieren, z.B. in dem sie mechanische Verfahren nutzen. Zudem ist die Nachfrageelastizität bei Spezialkulturen geringer ist als bei Ackerkulturen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich für den Düngemitteleinsatz. Für Stickstoff weist Anderssen (2017) eine langfristige Elastizität für Schweden von -0.4 aus; d.h. eine Preissteigerung von +10% bedeutete in eine Reduktion des Stickstoffeinsatz um 4%. Hansen (2004) berechnete für Dänemark eine Elastizität von -0.45. Finger (2012) zeigt für die Schweizer Maisproduktion, dass eine Lenkungsabgabe von 10%, 20% und 30% den Stickstoffeinsatz um 5%, 9% und 14% reduzieren würde. Schliesslich fanden auch Merel et al. (2014) eine relevante Wirkung von Lenkungsabgaben auf Sickstoff in den USA. Hingegen fanden Schmid et al. (2017) keine Wirkung einer Stickstoffabgabe für die Schweizer Landwirtschaft.

Die Literatur zeigt also, die Elastizität der Nachfrage für landwirtschaftliche Inputs ist in der Regel vorhanden, aber nicht gross. Lenkungsabgaben müssen also hoch sein, um wirksam ‘lenken’ zu können (siehe auch Abschnitt Erfahrungen wurden mit Lenkungsabgaben in Europa).

Wie können Lenkungsabgaben ausgestaltet werden?

Lenkungsabgaben müssen zielführend ausgestaltet werden. Eine falsche Ausgestaltung kann sogar kontraproduktiv sein. Würde eine Abgabe auf Pflanzenschutzmittel z.B. pro Kilogramm erhoben, würden die Risiken für Mensch und Umwelt wahrscheinlich steigen, da Mittel aus dem Biolandbau (oft grosse Mengen mit weniger Risiko, z.B. Öle) deutlich teurer würden, sehr toxische Pflanzenschutzmittel, die in kleinen Mengen eingesetzt werden, jedoch nicht. Daher ist eine differenzierte Abgabe auf Pflanzenschutzmittel in Abhängigkeit des Risikos von zentraler Bedeutung. Dänemark hat ein solches System, bei dem für jedes Produkt eigene Abgabenhöhe definiert wird: Je höher das Risiko, desto höher die Abgabe. Grundlage ist der dänische Load-Indikator, der auch als nationaler Zielindikator dient. Der Indikator hat 3 Komponenten: i) Risiko für die Umwelt, ii) Risiko für die menschliche Gesundheit, iii) Persistenz in Ökosystemen (Kudsk et al. 2018, Möhring et al. 2021). Auch die Abgaben auf Antibiotika in Belgien und Dänemark sind differenziert, d.h. kritische Antibiotika werden mit höheren Abgaben belegt (Agence fédérale des médicaments et des produits de santé 2016, Nyegaard-Signori 2021).

Wie erfolgt die Rückverteilung?

Die Rückverteilung der Einnahmen aus der Lenkungsabgaben an die landwirtschaftlichen Betriebe ist ein zentraler Aspekt. Nur dadurch können Einkommenseffekte reduziert oder sogar fast vermieden werden. Würden alle Einnahmen zurückgeführt, gäbe es auf Ebene des landwirtschaftlichen Sektors nur geringe Einkommensverluste**. Trotzdem können einzelne Betriebe stärker betroffen sein als andere. Dies kann jedoch bei der Rückverteilung berücksichtigt werden.

Basierend auf Erfahrungen aus bestehenden Lenkungsabgaben kann diese Rückverteilung auf vier Arten stattfinden. Erstens könnte diese proportional zur Betriebsgrösse erfolgen. Dieser Ansatz wird in Dänemark genutzt, so werden Einnahmen der Pflanzenschutzmittel-Abgabe durch Reduktion einer landbezogenen Grundsteuer zurückgeführt. Auch Schläpfer (2016) schlägt diesen Ansatz für die Schweiz vor. Zweitens könnte jeder Betrieb den gleichen Betrag erhalten, wie die Schweiz dies bei der Abgabe für CO2 und flüchtige organische Verbindungen (VOC) handhabt (BAFU o.J., BAZG o.J.). Drittens kann nach spezifischer ‘Betroffenheit’ differenziert werden. So wurde in Dänemark die überproportionale Belastung von Kartoffelproduzentinnen und Kartoffelproduzenten durch die Senkung anderer Steuern für diese Betriebe und die Einführung eines ‘Potato Tax Fund’ abgefedert (Pedersen 2016). Viertens kann die Rückverteilung auch zur Förderung emissionsarmer Produktionstechnologien (z.B. für einen effizienteren Einsatz von Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln) genutzt werden und so eine Hebelwirkung erzielen, d.h. die Reduktion des Inputeinsatzes weiter verstärken (Finger et al. 2017). Alle vier Ansätze können auch miteinander kombiniert werden.

Welche Erfahrungen wurden mit Lenkungsabgaben in Europa gemacht?

Die Erfahrungen mit Lenkungsabgaben in der Europäischen Landwirtschaft sind sehr unterschiedlich. Viele Programme wurden entweder wieder aufgegeben und/oder sind im Kern unwirksam. So wurden einige Lenkungsabgaben in Europa wegen mangelnder Kompatibilität mit EU-Recht wieder abgeschafft (z.B. beim EU-Beitritt, siehe OECD 2017, S. 38). Die Abgaben auf Pflanzenschutzmittel in Ländern wie Schweden, Frankreich und Norwegen sind zu wenig differenziert und vor allem viel zu niedrig, um eine grosse Wirkung zu entfalten (Böcker und Finger 2016, OECD 2011, 2017). Diese Schlussfolgerung zieht die OECD (2017) auch für viele Abgabensysteme auf Düngemittel. In Dänemark hat die Abgabe auf mineralischen Phosphor für Futtermittel zwar zu einem Rückgang des Phosphatverbrauchs um 15 Prozent geführt, wurde aber 2019 wieder abgeschafft, weil sie die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt habe (Andersen, 2017a).

Oft ist es nicht möglich ist, einen kausalen Zusammenhang zwischen der Einführung von Lenkungsabgaben und der Veränderung des Verhaltens von Landwirten und der Umweltauswirkungen herzustellen, da gleichzeitig auch andere flankierende Massnahmen eingeführt wurden. Westhoek et al. (2004) weisen jedoch auf eine Verbesserung der Grundwasserqualität in den Niederlanden und Schweden aufgrund von Lenkungsabgaben auf Düngemittel hin. Generell bleibt jedoch häufig das Fazit, dass die Abgaben zu gering waren und sind, um signifikante Veränderungen in der Nutzung der Inputs oder den Umweltauswirkungen zu bewerkstelligen (OECD, 2011, 2017, Böcker und Finger 2016).

Die grosse Ausnahme ist Dänemark, wo in den letzten Jahrzehnten verschiedene Ausgestaltungen von Lenkungsabgaben ausprobiert wurden, vieles gescheitert ist, aber sukzessive erfolgreichere Ansätze gefunden wurden (Kudsk et al. 2018, Nielsen et al. 2023). So ist seit 2013 die differenzierte Abgabe auf Pflanzenschutzmittel (mit sehr hohen Abgaben für sehr toxische Produkte) in Kraft. Das Risiko, ausgedrückt als ‘Load’, ist landesweit um 16 % gesunken (Nielsen et al. 2023, Pedersen und Nielsen, 2017, Miljøstyrelsen 2018, Pedersen, 2016). Die Landwirte nutzen immer häufiger weniger toxische Produkte, haben die Effizienz des Pflanzenschutzmitteleinsatzes erhöht und, wo möglich, mehr auf Prävention gesetzt. Paradoxerweise stieg die Menge der eingesetzten Pflanzenschutzmittel, unter anderem durch den vermehrten Einsatz von Produkten aus dem Biolandbau. Die Anpassung an Lenkungsabgaben war jedoch kulturspezifisch. So war der Pflanzenschutzmitteleinsatz bei Kartoffeln weniger elastisch und die absoluten Pflanzenschutzmittelaufwendungen bei Kartoffeln und Beeren stiegen (Miljøstyrelsen 2018). Es gab keine signifikanten Ertrags- oder Flächeneffekte und der Rückgang der Anbaufläche einiger Kulturen war auf andere Faktoren z.B. Produktpreise der Erzeugnisse zurückzuführen (Nielsen et al. 2023, Miljøstyrelsen 2018).

Wie können Lenkungsabgaben kohärent in eine bestehende Agrarpolitik integriert werden?

Die Grundidee einer Lenkungsabgabe besteht darin, dass die externen Kosten in den von den Landwirten zu zahlenden Inputpreis integriert werden. Dies kann andere agrarpolitische Instrumente teilweise ersetzen oder ergänzen (Finger et al. 2017). So können beispielsweise Abgaben auf Düngemittel an die Stelle von Düngenormen treten. Kritische Pflanzenschutzmittel würden mit hohen Abgaben belegt und so Anreize gesetzt, sie seltener einzusetzen, ohne sie gleich zu verbieten. Auch Direktzahlungsprogramme könnten durch Lenkungsabgaben ersetzt und damit Auflagen und Kontrollen reduziert werden, z.B. wenn Direktzahlungsprogramme für Futtermittel (Phasenfütterung, graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion) und Pflanzenschutzmittel (Direktzahlungen für den (Teil)Verzicht auf Pflanzenschutzmittel) durch Lenkungsabgaben ersetzt würden. Dieser Schritt führt zu weniger Auflagen, Dokumentationspflichten und Kontrollen. Freiwerdende Mittel, z.B. aus Direktzahlungsprogrammen, aber auch aus eingesparten Verwaltungskosten auf Kantons- und Bundesebene, können der Landwirtschaft anderweitig zur Verfügung gestellt werden.

Darüber hinaus sind Lenkungsabgaben ein effizientes Instrument, grade im Vergleich zu Vorschriften und Direktzahlungen, da die Inputs von den Betrieben genau dort reduziert werden, wo es kosteneffizient ist. Die Betriebe sind frei in der Entscheidung, wie und wo sie auf Anreize reagieren. Zudem gibt es keine reinen Mitnahmeeffekte wie bei Direktzahlungsprogrammen. Schliesslich sind die Transaktionskosten von Lenkungsabgaben geringer als bei Auflagen und Direktzahlungsprogrammen, da sie keine Dokumentation oder Kontrolle benötigen. Lenkungsabgaben werden in der Regel bei Produzenten, Händlern, oder Importeuren der Inputs erhoben, so dass sich für die landwirtschaftlichen Betriebe nur der Einkaufspreis ändert, aber kein zusätzlicher Aufwand entsteht.

Jedoch reichen Lenkungsabgaben allein nicht um agrarpolitische Ziele zu erreichen, sondern können nur in einem abgestimmten Instrumentenmix ihre volle Wirkung entfalten.

Was sind die Grenzen von Lenkungsabgaben und wie können diese adressiert werden?

Es gibt viele kritische Punkte, die bei Lenkungsabgaben in der Landwirtschaft berücksichtigt werden müssen.

Es gibt beispielsweise nie eine ‘perfekte’ Abgabenhöhe. Externe Effekte sind räumlich und zeitlich sehr heterogen (es kommt z.B. sehr darauf an, wo, wann und wie ein Pflanzenschutzmittel ausgebracht wird), so dass eine Quantifizierung und Monetarisierung solcher Effekte im Detail nicht möglich sind. Dies ist jedoch kein Grund, nicht zu handeln. Das gleiche Problem stellt sich z.B. bereits heute bei der Ausgestaltung von Direktzahlungsprogrammen, Auflagen etc.. Literatur- und modellgestützte Analysen sowie Erfahrungen aus anderen Ländern können eine gute Grundlage für die Festlegung von Abgabenhöhen liefern.

Das externe Effekte orts- und zeitabhängig sind, hat auch Konsequenzen für die Wirksamkeit einer Lenkungsabgabe. Beispielsweise sind die Auswirkungen des Einsatzes von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln in der Nähe von Gewässern oft mit höheren Risiken für die Ökosysteme verbunden. Lenkungsabgaben adressieren jedoch nur ‘globale’ und nicht solch lokale Verschmutzungsprobleme. Daher ist eine Kombination mit anderen Instrumenten notwendig, z.B. für den lokalen Gewässerschutz. Hier setzen zum Teil staatliche Massnahmen ausserhalb der Agrarpolitik an, wie z.B. die Gewässerschutzverordnung.

Ein weiterer offener Punkt ist die mögliche Wettbewerbsverzerrung gegenüber Importen. Hier sind gezielte Massnahmen erforderlich, um sowohl Umweltziele zu erreichen als auch die Wettbewerbsfähigkeit nicht zu beeinträchtigen, z.B. durch die Förderung neuer Technologien und Anbausysteme im Rahmen der Rückverteilung. Auch hier gilt, dass die Agrarpolitik auch ohne Lenkungsabgaben die Wettbewerbsfähigkeit massgeblich beeinflusst, zumal die Schweiz in vielen Bereichen eine ambitioniertere Agrarpolitik als andere Länder betreibt, bzw. betreiben will.

Zudem gilt es, Behandlungslücken und Resistenzbildung zu vermeiden. So könnten Produkte (z.B. Pflanzenschutzmittel, Antibiotika) aufgrund hoher Preise und damit geringer Nachfrage vom Markt verschwinden und kritische Lücken im für Landwirte verfügbaren Produktportfolio hinterlassen. Eine dynamische Ausgestaltung von Lenkungsabgaben sollte diese Probleme adressieren. Auch hier gilt, dass bereits heute z.B. die Regulierung von Pflanzenschutzmitteln zu diesen Problemen beiträgt.

Eine dynamische Ausgestaltung von Lenkungsabgaben ist auch aus anderen Gründen notwendig. Erstens sind Aspekte wie Umweltbelastungen nicht statisch, sondern verändern sich im Laufe der Zeit. Wenn z.B. das Problem der Nährstoffüberschüsse nicht mehr besteht, kann es auch weniger Interventionsbedarf geben. Zweitens sind auch die Grundlagen für die Bewertung von Risiken, z.B. von Pflanzenschutzmitteln, nicht fix, sondern ihre Bewertung kann sich im Laufe der Zeit durch neue Erkenntnisse ändern. Gezielte Ansätze können mit diesen dynamischen Problemen umgehen (z.B. Topping et al. 2020). Generell erfordern die oben genannten Aspekte zwar Anpassungen der Ausgestaltung von Lenkungsabgaben über die Zeit, gleichzeitig benötigen Landwirte aber einen stabilen Planungshorizont, um Investitionsentscheidungen treffen zu können. Daher sollten Abgabenanpassungen einem verlässlichen Zeitplan folgen und damit mit Vorlauf planbar sein.

Abschliessend ist nochmals zu betonen, dass es in der Landwirtschaft mehr braucht als Lenkungsabgaben. Diese können aber ein sinnvoller Teil einer umfassenden Agrar- und Ernährungspolitik und eines Instrumentenmixes sein, um agrarpolitische Ziele effizient zu erreichen (vgl. z.B. Möhring et al. 2020, Kanter et al. 2020). Dies bedeutet auch, dass bei der Diskussion von Lenkungsabgaben auf landwirtschaftliche Inputs dieses Instrument auch auf der Konsumseite geprüft werden sollte (z.B. Klenert et al. 2023). Lenkungsabgaben wären auch geeignet das Verhalten von Konsumentinnen und Konsumenten zu verändern, und externe Effekte auch auf Stufe Konsum zu internalisieren.

*Autor: Robert Finger, ETH Zürich. Kontakt: rofinger@ethz.ch  Dieser Beitrag wurde unabhängig, d.h. ohne Auftrag oder Finanzierung durch Dritte, erstellt. Im Jahr 2016 hat meine Gruppe im Auftrag des BLW eine Studie zu diesem Thema durchgeführt (Finger et al. 2016, 2017).

** In diesem Satz wurde am 29.08. ein Wort angepasst. Statt ‚keine‘ heisst es ’nur geringe‘ Einkommensverluste. Das war unklar formuliert. Aufgrund der Lenkungsabgabe passen Betriebe sich an, und dies kann zu tieferen Einkommen führen. Zum Beispiel, wenn durch tieferen Düngereinsatz Deckungsbeiträge sinken. Dies wird nicht durch die Rückverteilung aufgewogen, und Einkommen würden sinken. Dank an Alan Matthews, dass dies klarer herauskommen soll. Deswegen wurde dies nun angepasst. Aber, der Abschnitt ‚Wie können Lenkungsabgaben kohärent in eine bestehende Agrarpolitik integriert werden?‚ erörtert wie Lenkungsabgaben andere Instrumente ersetzen können und so Einkommen der Landwirte (aufgrund weniger Auflagen, und geringerem administrativem Aufwand) erhöhen kann. Auch Mittel aus anderen Instrumenten (z.B. Direktzahlungen) und der Verwaltung würde frei und könnten in den Sektor zurückgeführt werden. In der Summe kann dies Einkommensverluste vermeiden. Daher die übergeordnete (zugegeben, leicht zugespitze) Botschaft «ohne dabei die Einkommen zu reduzieren».  

*** Die dänische Abgabe auf Stickstoffdünger befreit die meisten landwirtschaftlichen Betriebe (für die meisten Betriebe werden Düngemittel mittels Quoten reguliert), und adressiert nur kleine (nicht professionelle) Betriebe und Anwender ausserhalb der Landwirtschaft. Siehe: https://info.skat.dk/data.aspx?oid=1921425. Dank an Helle Ørsted Nielsen für die Information.

Referenzen

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Eine Antwort auf „Lenkungsabgaben in der Landwirtschaft

  1. Aus diesem Blogbeitrag wurde in diesem Jahr auch ein Paper in erweiterter Form veröffentlicht, in dem das Thema breiter analysiert wird: Finger, R.; Pedersen, A. (2025): Input Taxes in Agriculture: Experiences and Perspectives for European Agriculture. Ecological Economics 233: 108575, https://doi.org/10.1016/j.ecolecon.2025.108575. Melden Sie sich bei Interesse an einer PDF-Version gerne bei uns. Robert Finger

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I am professor of Agricultural Economics and Policy at ETH Zurich. Group Website: www.aecp.ethz.ch. Private Website: https://sites.google.com/view/fingerrobert/home