Robert Finger, Cordelia Kreft, Sharmin Akter, Chloe McCallum, Niklas Möhring*
Es ist das erklärte Ziel der europäischen und schweizerischen Agrarpolitik, den Einsatz und das Risiko von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft innerhalb der nächsten Jahre um die Hälfte zu reduzieren (Europäische Kommission, 2020; BBI, 2021; Schebesta und Candel 2020; Candel et al. 2023; Finger 2021). Gleichzeitig ist effektiver Pflanzenschutz unabdingbar für eine produktive und ökonomisch tragbare landwirtschaftliche Produktion. Landwirtinnen und Landwirte brauchen also geeignete und nachhaltige Alternativen, um ihre Kulturen effektiv und effizient vor Schädlingen, Unkräutern und Krankheiten zu schützen.
Eine solche Alternative stellt beispielsweise der integrierte Pflanzenschutz dar (im Folgenden IPM, von engl. Integrated Pest Management). IPM setzt auf Prophylaxe, konsequentes Monitoring und nicht-chemische (also biologische oder physikalische) Bekämpfungsstrategien, um den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft und die damit verbundenen Risiken für Mensch und Umwelt zu verringern (Abbildung 1). Die Prinzipien des integrierten Pflanzenschutzes sind schon lange bekannt (Barzman et al., 2015) und deren Umsetzung ist zentraler Bestandteil der Europäischen und Schweizer Landwirtschaft und Agrarpolitik (z.B. Europäische Union 2009a, 2009b, Waespe und Felix, 2018, Lefebvre et al. 2015). Trotzdem hat dies auf gesamteuropäischer Ebene nicht zu einer breiten Umsetzung von IPM-Massnahmen und einem merklichen Rückgang des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln und den daraus resultierenden Risiken geführt. Wichtige Fragen in diesem Zusammenhang sind: Warum setzen verhältnismässig wenige Landwirtinnen und Landwirte eine breite Menge von IPM Massnahmen auch konsequent um, welche Innovationen und Weiterentwicklungen (z.B. in Technologien, Prozessen) braucht es, und wie können Politik und Industrie den Prozess unterstützen (Deguine et al., 2021)?

Abbildung 1. Die 8 Prinzipien des integrierten Pflanzenschutzes (Barzmann et al., 2015).
Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns im Rahmen des neuen Forschungsprojekts SUPPORT (Supporting Uptake of Integrated Pest Management and Low-risk Pesticide Use), welches durch das Programm Horizone Europe finanziert wird. Das übergeordnete Ziel von SUPPORT besteht darin, den Weg für die Einführung von IPM-Instrumenten und -Technologien zu ebnen. Dazu werden relevante und praktisch umsetzbare wissenschaftliche Erkenntnisse erarbeitet und gemeinsam mit den involvierten Akteuren Strategien für die Politik und den Privatsektor entwickelt. Das Projekt ist im Januar 2023 gestartet und wird bis Ende 2026 laufen.
Ziel ist ein fundiertes Verständnis davon, was Landwirtinnen und Landwirte in verschiedenen europäischen Ländern und Anbausystemen dazu bringt bzw. daran hindert, IPM Massnahmen umzusetzen. Dies trägt einerseits wesentlich zum aktuellen wissenschaftlichen Diskurs bei und versetzt andererseits private und politische Akteure auf lokaler und (inter-)nationaler Ebene in die Lage, effektive Anreize für einen nachhaltigeren Pflanzenschutz zu schaffen sowie bestehende Hindernisse zu beseitigen. Teilweise sollen die verschiedenen Akteure entlang der Wertschöpfungsketten und politische Entscheidungsträger bei der Wissensgenerierung innerhalb des Projekts aktiv mitwirken können (co-creation).
Insgesamt dienen 25 Anbausysteme (sogenannte National Crop Clusters) in 11 europäischen Ländern inkl. der Schweiz als exemplarische Fallstudien (siehe Übersicht in Abbildung 2).

Abbildung 2: Übersicht National Crop Clusters im Forschungsprojekt SUPPORT.
Das Projekt ist in sechs Arbeitspakete unterteilt, von denen sich drei mit den folgenden inhaltlichen Teilaspekten befassen:
- Erstellen eines umfassenden Kompendiums von IPM-Massnahmen und Tools für die verschiedenen Anbausysteme sowie die Erarbeitung eines effizienten Monitoring-Systems.
- Analyse der Entscheidungsprozesse von Landwirtinnen und Landwirten, um die wichtigsten Treiber und Hindernisse für die Umsetzung von IPM zu identifizieren.
- Entwicklung konkreter Politikinstrumente und -empfehlungen.
Die übrigen drei Arbeitspakete (4-6) fördern den transdisziplinären Ansatz, organisieren und etablieren den Dialog mit involvierten Akteuren und kümmern sich um die Kommunikation der Ergebnisse.
Als Gruppe für Agrarökonomie und -politik an der ETH Zürich leiten wir (in Person von Robert Finger) das zweite Arbeitspaket, in dem es um die Entscheidungen von Landwirtinnen und Landwirten im Kontext des integrierten Pflanzenschutzes geht. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Einfluss individueller Präferenzen, persönlicher Risikoeinstellungen und Ziele sowie bestimmter Persönlichkeitsmerkmale wie Selbstwirksamkeit (self efficacy) oder Innovationswille. Als Basis für dieses Arbeitspaket stützen wir uns auf bestehende konzeptionelle Frameworks (z.B. Möhring et al. 2020, Lefebvre et al. 2015), die wir im Rahmen des Projekts weiterentwickeln werden. Für die empirische, quantitative und qualitative Analyse sind Datenerhebungen in Form von persönlichen Interviews mit verschiedenen Akteuren und Wahlexperimente geplant. Letztere werden von unseren Forschungspartnern an der Universität Wageningen (NL) bzw. am Leibniz-Zentrum für Agrarlandforschung (ZALF) in Müncheberg (DE) geleitet.
Wir (ETH Zürich) konzipieren und realisieren eine gross angelegten (online) Umfrage mit Landwirtinnen und Landwirte sowie in allen Fallstudien zur aktuellen und zukünftigen Umsetzung von IPM Massnahmen. In der Schweiz planen wir die Befragung von Weizen- und Maisproduzenten. Die erhobenen Daten dienen als Grundlage für verschiedene wissenschaftliche Studien und Publikationen in entsprechenden Fachjournalen. Dabei sind einerseits vergleichende Analysen über alle Fallstudien als auch spezifischere Fragestellungen im nationalen Kontext vorgesehen.
Weitere Informationen zum Projekt und den involvierten Institutionen finden sich auf der Projektwebseite https://he-support.eu/. Siehe auch die Website der EU Kommission: https://cordis.europa.eu/project/id/101084527
* beteiligte Personen der AECP-Gruppe der ETH Zürich: Robert Finger, Cordelia Kreft, Sharmin Akter, Chloe McCallum. Zudem arbeiten wir in unserem Task eng mit Niklas Möhring (Wageningen University) zusammen. Kontakt: Robert Finger (rofinger@ethz.ch)
Referenzen
Barzman, M., Bàrberi, P., Birch, A.N.E. et al. (2015): Eight principles of integrated pest management. Agronomy for Sustainable Development, 35, 1199–1215. https://doi.org/10.1007/s13593-015-0327-9
BBI (2021): Bundesgesetz über die Verminderung der Risiken durch den Einsatz von Pestiziden, https://www.fedlex.admin.ch/eli/fga/2021/665/de
Candel, J., Pe’er, G., & Finger, R. (2023). Science calls for ambitious European pesticide policies. Nature Food, 1-1.
Europäische Union (2009a): Directive 2009/128/EC of the European parliament and of the council of 21 October 2009 establishing a framework for community action to achieve the sustainable use of pesticides. Official Journal of the European Union, 52:71–86, http://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=OJ:L:2009:309:TOC
Europäische Union (2009b): Regulation (EC) No 1107/2009 of the European parliament and of the council of 21 October 2009 concerning the placing of plant protection products on the market and repealing council directives 79/117/EEC and 91/414/EEC. Official Journal of the European Union, 52:1–50, http://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=OJ:L:2009:309:TOC
Europäische Kommission (2020): Farm to Fork Strategy, https://food.ec.europa.eu/horizontal-topics/farm-fork-strategy_en
Finger, R. (2021). No pesticide-free Switzerland. Nature Plants, 7(10), 1324-1325.
Lefebvre, M., Langrell, S. R., & Gomez-y-Paloma, S. (2015). Incentives and policies for integrated pest management in Europe: a review. Agronomy for Sustainable Development, 35, 27-45.
Möhring, N., Ingold, K., Kudsk, P., Martin-Laurent, F., Niggli, U., Siegrist, M., … & Finger, R. (2020). Pathways for advancing pesticide policies. Nature food, 1(9), 535-540.
Schebesta, H., & Candel, J. J. (2020). Game-changing potential of the EU’s Farm to Fork Strategy. Nature Food, 1(10), 586-588.
Waespe, J. und Felix, O (2018). Aktionsplan Pflanzenschutzmittel: Risiken weiter reduzieren. Agrarforschung Schweiz 9 (2): 60–62.