Der Preis der Biodiversität

Sergei Schaub, Robert Finger, Nina Buchmann, Vera Steiner, Valentin H Klaus*

Weltweit erleben wir einen dramatischen Verlust der Biodiversität in der Agrarlandschaft sowie eine Degradierung der natürlicher Ökosysteme. Im Grasland zeigte sich, dass eine höhere Artenvielfalt an Pflanzen sich positiv auf den Ertrag und dessen Stabilität sowie auch auf andere Ökosystemleistungen, wie zum Beispiel auf Bestäubung oder ästhetisch Aspekte, auswirken kann (Le Clec’h et al. 2019**, Manning et al. 2019, Schaub et al. 2020a,b***). Mehr Artenvielfalt kostet jedoch auch mehr Geld. Beispielsweise kann das Säen oder Übersäen von Graslandparzellen mit artenreichen Saatgutmischungen zusätzliche Kosten für Landwirt*innen verursachen. Jedoch fehlte bisher ein systematischer Überblick über die von Saatgutmischungen ausgehenden Kosten und deren Zusammenhang mit der enthaltenen Artenvielfalt sowie anderen Saatguteigenschaften.  

Abbildung 1: Verschiedene Futterbau-Saatgutmischungen werden in einem Schweizer Agrarfachgeschäft (Landi) angeboten. Quelle: Robert Finger.

In einem kürzlich in der Fachzeitschrift Environmental Research Letters erschienenen Artikel (Schaub et al. 2021) haben wir den Zusammenhang von Artenvielfalt und den Preisen von Saatgutmischungen für die landwirtschaftliche Graslandnutzung und/oder für die Renaturierung von Grasland untersucht. Dafür haben wir 262 kommerziell erhältliche Saatgutmischungen betrachtet, die in der Schweiz und in Deutschland in sechs Online-Shops angeboten wurden. Neben der Artenvielfalt-Preis-Beziehung haben wir uns auch die Beziehung zwischen Preisen und anderen Eigenschaften der Saatgutmischungen angeschaut, wie zum Beispiel die Zusammensetzung der Mischungen und die Verwendung von einheimischen Ökotypen (d.h. Eignung für Renaturierungszwecke).

Unsere Ergebnisse zeigen, dass die am häufigsten angebotenen Saatgutmischungen 1 bis 10 Arten enthielten und für eine eher intensive Graslandbewirtschaftung konzipiert waren. Diese Mischungen setzten sich in erster Linie aus Gräsern und Leguminosen zusammen, während andere Kräuter sehr selten vorhanden waren. Des Weiteren wurden relativ wenige Saatgutmischungen mit besonders hoher Artenvielfalt (mehr als 30 Arten) angeboten, welche in der Regel aus einheimischen Ökotypen zusammengesetzt waren. Saatgutmischungen mit höherer Artenanzahl waren klar teurer als diejenigen mit wenigen Arten (Abbildung 2). So war eine Saatgutmischung mit 10 bzw. 30 Arten im Durchschnitt 63 % bzw. 387 % teurer als Saatgut mit nur einer Art. Die Beziehung zwischen der Artenvielfalt und dem Preis der Saatgutmischungen hing zudem von verschiedenen Eigenschaften der Saatgutmischungen ab, wobei die Herkunft der Samen (d.h., einheimische Ökotypen vs. landwirtschaftliche Züchtungen) für den Preis besonders wichtig war. Saatgutmischungen, die nur einheimische Ökotypen enthielten, hatten mehr als 75% höhere Preise als solche, die Züchtungen enthielten (Preise pro ha).

Abbildung 2: Preis der Saatgutmischung pro ha im Bezug zur Artenvielfalt, dargestellt als (A) Anzahl der Arten und (B) Shannon Index. Der Shannon Index ist ein Diversitätsindex und ein höherer Indexwert zeige eine höhere Artenvielfalt an. Zusätzlich angegeben ist die Information zur Herkunft der Samen (einheimische Ökotypen vs. Züchtungen). Die Geraden zeigen die lineare Beziehung zwischen Artenvielfalt und Preisen. Die Y-Achsen sind logarithmische sowie sind die Preise log-transformierten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die aktive Förderung der Biodiversität (im Sinne einer Erhöhung oder Aufrechterhaltung der Artenvielfalt an Pflanzen im Grasland) mittels artenreicherer Saatgutmischungen zusätzliche Kosten verursachen wird. Diese Kosten müssen in einzelbetrieblichen, aber auch agrarpolitischen Analysen berücksichtigt werden, zum Beispiel wenn Empfehlungen an Landwirt*innen und andere Interessengruppen ausgesprochen werden. Daher lassen unsere Ergebnisse die folgenden Schlussfolgerungen zu: Die Senkung der Kosten für artenreiche Saatgutmischungen kann für Landwirt*innen eine wirksame Option für politische Entscheidungsträger*innen sein, um die Zunahme der Artenvielfalt im Grasland zu unterstützen. Zudem können die hohen Kosten für die Wiederherstellung der Artenvielfalt erhebliche finanzielle Auswirkungen auf Renaturierungsmassnahmen haben und somit die Umsetzung von landwirtschaftlichen Praktiken im Zusammenhang mit bestimmten Agrarumweltmassnahmen verhindern. Die Senkung der Saatgutkosten erfordert jedoch erhebliche Anstrengungen, wie die Förderung des Wettbewerbs zwischen den Saatgutanbietern, die Forschung zur Entwicklung kosteneffizienterer Produktions- und Betriebsverfahren, oder eine direkte oder indirekte finanzielle Förderung der Verwendung artenreicher Saatgutmischungen.****

Referenzen

Le Clec’h, S., Finger, R., Buchmann, N., Gosal, A. S., Hörtnagl, L., Huguenin-Elie, O., Jeanneret, P., Lüscher, A., Schneider, M. K., & Huber, R. (2019). Assessment of spatial variability of multiple ecosystem services in grasslands of different intensities. Journal of Environmental Management, 251, 109372. https://doi.org/10.1016/j.jenvman.2019.109372

Manning, P., et al. (2019). Transferring biodiversity-ecosystem function research to the management of ‘real-world’ecosystems. Advances in Ecological Research, 61, 323-356. https://doi.org/10.1016/bs.aecr.2019.06.009

Merritt, D. J., & Dixon, K. W. (2011). Restoration seed banks—a matter of scale. Science, 332, 424-425. https://doi.org/10.1126/science.1203083

Pedrini, S., et al. (2020). Collection and production of native seeds for ecological restoration. Restoration Ecology, 28, S228-S238.

Schaub, S., Buchmann, N., Lüscher, A., & Finger, R. (2020a). Economic benefits from plant species diversity in intensively managed grasslands. Ecological Economics, 168, 106488. https://doi.org/10.1016/j.ecolecon.2019.106488

Schaub, S., Finger, R., Leiber, F., Probst, S., Kreuzer, M., Weigelt, A., Buchmann, N., & Scherer-Lorenzen, M. (2020b). Plant diversity effects on forage quality, yield and revenues of semi-natural grasslands. Nature Communications, 11, 1-11. https://doi.org/10.1038/s41467-020-14541-4 (open access)

Schaub, S., Finger, R., Buchmann, N., Steiner, V., & Klaus, V. H. (2021). The costs of diversity: higher prices for more diverse grassland seed mixtures. Environmental Research Letters, 16, 094011. https://doi.org/10.1088/1748-9326/ac1a9c (open access)

* Sergei Schaub1,2,3, Robert Finger1, Nina Buchmann2, Vera Steiner1, Valentin H Klaus2. 1 = Gruppe für Agrarökonomie und –politik, 2 = Gruppe für Graslandwissenschaften, 3 = Gruppe für Ökosystemmanagement.

** Le Clec’h, S. (2019). Évaluation de la variabilité spatiale de multiples services écosystémiques dans des prairies gérées selon différents modes. Agrarpolitik-Blog. https://agrarpolitik-blog.com/2019/09/30/evaluation-de-la-variabilite-spatiale-de-multiples-services-ecosystemiques-dans-des-prairies-gerees-selon-differents-modes/

*** Schaub, S., Buchmann, N., Lüscher, A., & Finger, R. (2020). Der ökonomische Mehrwert von Diversität im intensiven Grasland. Agrarpolitik-Blog. https://agrarpolitik-blog.com/2020/01/15/der-oekonomische-mehrwert-von-diversitaet-im-intensiven-grasland/

**** Siehe zum Thema Produktion von Saatgutmischungen beispielsweise Merritt and Dixon (2011) oder Pedrini et al. (2020).

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About Robert Finger

I am Agricultural Economist and head of the Agricultural Economics and Policy Group at ETH Zurich. Group Website: www.aecp.ethz.ch. Private Website: https://sites.google.com/view/fingerrobert/home