Betriebsspezifische Reaktionen auf Klimapolitik im niederländischen Gartenbau

Evert Los, Koos Gardebroek, Ruud Huirne*

Klimaschutz und die Reduktion des Verbrauchs von fossilen Brennstoffen ist ein zentrales Thema in aktuellen politischen Debatten, auch in der Landwirtschaft. Klima- und energiepolitische Massnahmen haben direkt Effekte auf die Produktionsstruktur und Technologiewahl im landwirtschaftlichen Sektor aber auch die Einkommen der Produzenten. Mögliche Politikoptionen umfassen zum Beispiel die Besteuerung oder die Einführung von Emissionsrechten.  Dadurch wird der Ausstoss von Treibhausgasemissionen nicht mehr als externer Effekt betrachtet, sondern Teil der Entscheidungsprozesse von (landwirtschaftlichen) Unternehmen, was oft als erster Schritt zur Reduzierung der Emissionen angesehen wird (Babcock, 2015).

Im spezifischen Kontext des niederländischen Gartenbaus konzentrieren sich die politischen Vorschläge auf die Begrenzung und Verteuerung des Einsatzes von Erdgas. Dies ist insbesondere auf die energieintensiven Produktionsmethoden zurückzuführen, da Erdgas häufig für die Beheizung von Gewächshäusern benötigt wird, um Obst und Gemüse anzubauen, das sonst nur in wärmeren Klimazonen wachsen würde. Um die Nutzung erneuerbarer Energiequellen, wie z.B. Erdwärme oder Abwärme, zu fördern, wird eine Besteuerung des Erdgasverbrauchs erwogen (Dutch Climate Agreement, 2019).

In den letzten Jahrzehnten wurden im niederländischen Gartenbau bereits wesentliche Schritte in Richtung einer nachhaltigeren Produktion unternommen. So haben viele Betriebe haben in energiesparende Technologien investiert, wie z.B. Wärmespeicher, Blockheizkraftwerke und Energieschirme. Gleichzeitig verwendet jedoch eine wachsende Zahl von Betrieben künstliche Wachstumslichtanlagen, um die Wachstumssaison der Pflanzen zu verlängern. Dies führt zu einem zusätzlichen Energieverbrauch (Van der Velden und Smit, 2018). Das Vorhandensein von sehr heterogenen Produktionstechnologien geht einher mit grossen Unterschieden zwischen den Unternehmen in ihrer Produktionsstruktur (Goncharova et al., 2008). Angesichts dieser Heterogenität ist es wahrscheinlich, dass Unternehmen sehr unterschiedlich auf Veränderungen der institutionellen Rahmenbedingungen, wie z. B. restriktivere Klimapolitik und höheren Erdgaspreisen, reagieren (Finger und El Benni, 2021; Reidsma et al., 2010).

Viele Studien im Spannungsfeld Klimapolitik und Landwirtschaft (z. B. Babcock, 2015), tun dies auf einer aggregierten Ebene. Viele der momentan verwendeten Modelle gehen implizit oder explizit davon aus, dass Produzenten identisch auf ökonomische Anreize reagieren (Koutchadé, Carpenter und Femenia, 2018). Studien die heterogene Auswirkungen dieser Politiken auf disaggregierter Ebene oder auf verschiedene Arten von Betrieben analysieren, sind noch wenig vorhanden (z. B. Berger und Troost, 2014).

Unsere empirische Analyse beruht auf einzelbetrieblichen Daten aus dem Niederländischen Gartenbau, und enthält 238 Beobachtungen für spezialisierte Gurkenproduzenten, 704 Beobachtungen für spezialisierte Paprikaproduzenten und 686 für spezialisierte Tomatenproduzenten, für den Zeitraum 2008-2015. Die Daten stammen aus dem Analysis Tool der Rabobank und enthalten sowohl Informationen zu Betriebseigenschaften als auch zu energiebezogenen Ausgaben. Insbesondere enthalten sie Informationen über die Firmengrösse und den Einsatz spezifischer Technologien und Energiesysteme, wie z. B. die Verwendung von künstlichem Wachstumslicht und eines KWK-Motors. Die verwendete Stichprobe deckt über 40 Prozent der gesamten Unternehmen im Niederländischen Gartenbausektor und rund 60 Prozent der gesamten Anbaufläche ab.

Abbildung 1. Aufgrund energieintensiver Produktionsmethoden, zum Beispiel für die Beheizung von Gewächshäusern, ist der niederländische Gartenbau Bestandteil klimapolitischer Diskussionen.

Um potenzielle betriebsspezifische Reaktionen auf diese politischen Veränderungen zu berücksichtigen, wenden wir ein Regressionsmodell (Bayesian random coefficient model), in dem firmenspezifische Preiskoeffizienten geschätzt werden können. Das bedeutet, dass unser Modell die Möglichkeit bietet abzubilden, dass und wie Unternehmen individuell auf Änderungen der relativen (Energie-)Inputpreise reagieren, die sich z. B. aus der Besteuerung von Erdgas ergeben. Für einige Firmen wird ein bestimmtes Steuerniveau ausreichen, um ihre Produktionsmethoden zu ändern, während dies nicht notwendigerweise für alle Firmen der Fall ist. In unserem Bayesianischen Ansatz (siehe z. B. Gardebroek, 2006) kombinieren wir unsere Beobachtungen mit bereits vorhandenen Informationen zu den zu schätzenden Koeffizienten (basierend auf theoretisch oder empirisch gewonnenen Preiselastizitäten). Dies ermöglicht es, firmenspezifische Koeffizienten zu schätzen, auch wenn nur eine geringe Anzahl von Beobachtungen pro Betrieb vorliegt. Dies zeigt auch die Relevanz eines solchen Ansatzes im Kontext der meisten empirischen Datensätze zur landwirtschaftlichen Produktion.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass grössere Firmen im Durchschnitt relativ weniger Erdgas in ihrer Produktion einsetzen (Abbildung 2). In Bezug auf die Streuung der Koeffizienten für die Preiselastizitäten für Erdgas stellen wir fest, dass die Mehrheit der Firmen ähnliche, das heisst um den Mittelwert verteilte Preiselastizitäten haben. Jedoch haben einige Betriebe Elastizitäten, die stark positiv oder stark negativ von dem Mittelwert abweichen. Das bedeutet, dass diese Firmen entweder stärker (bei Firmen mit einer grossen negativen Elastizität) oder weniger stark (bei Firmen mit Elastizitäten nahe Null) auf die Energiepreisänderungen reagieren. Diese Unterschiede in der Preisreaktion der Unternehmen können z.B. auf Unterschiede in den Energieverträgen sowie auf Unterschiede in der Produktionsstruktur zurückgeführt werden. Unterschiedlich Reaktionen führen auch zu heterogenen Einkommenseffekten dieser Politikmassnahmen. 

Abbildung 2. Zusammenhang zwischen Betriebsgrösse und Energieaufwand (in Euro pro produzierter Einheit (obere Reihe) und pro m2 (untere Reihe)) beim Anbau von Gurke, Tomate und Paprika (Los et al. 2021)

Unsere Resultate implizieren, dass politische Interventionen, die auf die Erhöhung oder Senkung bestimmter Inputpreise abzielen, zu unterschiedlichen Reaktionen auf Betriebsebene bzgl. realisierten Anpassungen in der Produktion aber auch Einkommenseffekten führen. In aggregierten Perspektiven geht dies verloren. Dies ist von besonderer Bedeutung, da Heterogenität in der Unternehmensstruktur und den Produktionstechnologien in vielen Agrarsystemen deutlich zunimmt (siehe auch Renner, Sauer und El Benni, 2021). Eine der wichtigsten Einschränkungen unserer Analyse ist der Fokus auf kurzfristige Effekte. Aufgrund des potenziell grossen Übergangs und der Veränderung der Produktionsstruktur, die für Gartenbaubetriebe erforderlich sind, um auf alternative Energiequellen umzusteigen, ist es schwierig, diese Einkommenseffekte auf Basis der vorhandenen Daten vollumfänglich vorherzusagen. Nichtsdestotrotz liefert der in dieser Studie präsentierte Ansatz wichtigen Beitrag zur empirischen Literatur über die Bewertung heterogener und disaggregierter Effekte von politischen Interventionen. Insbesondere wenn heterogene  Betriebsstrukturen und den Produktionstechnologien vorhanden sind, sollte daher eine disaggregierte Analyse von Politikeffekten angewendet werden.

Referenzen

Babcock, B. A. (2015). Costs and benefits to agriculture from climate change policy. Iowa Ag Review 15

Climate Agreement. (2019). https://www.klimaatakkoord.nl/documenten/publicaties/2019/

03/07/achtergrondnotitie-glastuinbouw-ontwerp-klimaatakkoord.

Finger, R., El Benni, N. (2021). Farm income in European agriculture: new perspectives on measurement and implications for policy evaluation. European Review of Agricultural Economics. In Press. https://doi.org/10.1093/erae/jbab011

Gardebroek, C. (2006). Comparing risk attitudes of organic and non-organic farmers with a Bayesian random coefficient model. European Review of Agricultural Economics 33: 485–510.

Goncharova, N., Oskam, A., Oude Lansink, A., Van Der Vlist, A. and Verstegen, J. (2008). Investment spikes in Dutch greenhouse horticulture. Journal of Agricultural Economics 59: 516–536.

Koutchadé, O. P., Carpenter, A. and Femenia, F. (2018). Modelling heterogeneous farm responses to European Union biofuel support with a random parameter multicrop model. American Journal of Agricultural Economics 100: 434–455.

Los, E.J., Gardebroek, C. and Huirne R. Firm-specific responses to energy policies in Dutch horticulture, Forthcoming in the European Review of Agricultural Economics, 2021; https://doi.org/10.1093/erae/jbab004

Reidsma, P., Ewert, F., Oude Lansink, A. and Leemans, R. (2010). Adaptation to climate change and climate variability in European agriculture: the importance of farm level responses. European Journal of Agronomy 32: 91–102.

Renner, S., Sauer, J. and El Benni, N. (2021). Why considering technological heterogeneity is important for evaluating farm performance. Forthcoming in the European Review of Agricultural Economics

Van der Velden, N. and Smit, P. (2018). Energiemonitor van de Nederlandse glastuinbouw 2017. Wageningen Economic Research: 2018–109.

*Evert Los und Koos Gardebroek sind an der Universität Wageningen. Ruud Huirne ist an der Universität Wageningen und bei der Rabobank.

**Der Beitrag ist Teil des Special Issues zu Einkommen in der europäischen Landwirtschaft in der European Review of Agricultural Economics https://agrarpolitik-blog.com/2021/02/18/einkommen-in-der-europaischen-landwirtschaft-neue-perspektiven-und-implikationen-fur-die-politikbewertung/

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About Robert Finger

I am Agricultural Economist and head of the Agricultural Economics and Policy Group at ETH Zurich. Group Website: www.aecp.ethz.ch. Private Website: https://sites.google.com/view/fingerrobert/home