Wettbewerbsfähigkeit und Gewinne im EU Lebensmitteleinzelhandel: Ein Vergleich zwischen führenden Ketten und kleinen Einzelhändlern

Stefan Hirsch, David Lanter, Robert Finger*

Der Lebensmitteleinzelhandel ist das verbindende Element zwischen der lebensmittelverarbeitenden Industrie und dem Endverbraucher. Mit einem Gesamtumsatz von 1,130 Billionen Euro ist der Lebensmitteleinzelhandel der wirtschaftlich bedeutendste Einzelhandelssektor in der EU (Eurostat, 2017a).

Die Konzentration der Marktanteile im Lebensmitteleinzelhandel der EU ist hoch, auch aufgrund zunehmender Konsolidierung des Marktes bedingt durch Fusionen und Übernahmen. So liegt der Marktanteil der grössten fünf Firmen im Lebensmitteleinzelhandel in den meisten EU-Mitgliedstaaten bei über 70%. 

Wenn wenige Firmen den Markt dominieren, können diese Firmen Produktimitationen verhindern oder den Markteintritt weiterer relevanter Firmen blockieren. Das hat Auswirkungen auf Konsumenten, da Preise steigen sowie Vielfalt und Qualität des Angebots sinken können. Diese Firmen haben zudem oft einen besseren Zugang zu Produktionsfaktoren und Finanzmitteln sowie ein höheres technisches Knowhow. Neben der kleinen Anzahl an dominanten Firmen gibt es aber auch eine beträchtliche Anzahl kleinerer und unabhängiger Firmen (European Commission, 2014). Die mit der hohen Konzentration des Umsatzes auf wenige grosse Firmen verbundene Marktmacht kann sich allerdings nachteilig auf die Wettbewerbsfähigkeit kleinerer Händler auswirken. Marktkonzentration und Marktmacht grosser Firmen im Lebensmitteleinzelhandel ist daher von hoher politischer Relevanz (OECD, 2014a, b).

In einem kürzlich in der Zeitschrift Agribusiness: an International Journal veröffentlichten Artikel untersuchen wir die Wettbewerbsfähigkeit von Firmen und die Treiber ihrer Unternehmensgewinne im Lebensmitteleinzelhandel in Frankreich, Spanien und Schweden (Hirsch et al., 2020). Die Studie basiert auf Unternehmensfinanzdaten aus der AMADEUS Datenbank** von 12.786 Firmen im Lebensmitteleinzelhandel aus den 3 Ländern über den Zeitraum 2006-2014.  

Abbildung 1: Wenige dominante Firmen im Lebensmitteleinzelhandel generieren hohe und persistente Kapitalrenditen.

Wir verwenden Profitpersistenz um die Wettbewerbsfähigkeit von Firmen zu messen und analysieren zu dem die Triebkräfte der Unternehmensgewinne. Profitpersistenz misst den Zusammenhang von Gewinnen aus der Vorperiode mit aktuellen Gewinnen. Bei hohem Wettbewerb, ist Profitpersistenz gering, d.h. überdurchschnittlich hohe Gewinne passen sich innerhalb kurzer Zeit dem Wettbewerbsniveau an.  Hohe Profitpersistenz deutet hingegen auf geringeren Wettbewerb hin, so dass Firmen dauerhaft hohe Gewinne realisieren können.  Wir verwenden Kapitalrendite als Mass für Unternehmenserfolg, d.h. Gewinne vor Steuern und Zinsen im Vergleich zum Gesamtvermögen der Firmen. Unsere Analyse erlaubt es, sowohl die Profitpersistenz als auch die Triebkräfte für Gewinne einzelner Firmen zu schätzen. Zudem untersuchen wir, wie sich strukturelle Unterschiede zwischen verschiedenen Firmentypen im Lebensmitteleinzelhandel auf Gewinne und Profitpersistenz auswirken. Der Schwerpunkt unserer Analysen liegt dabei auf den Unterschieden zwischen Händlern der grössten Lebensmitteleinzelhandelsketten (Top 5) und kleinen unabhängigen oder spezialisierten Firmen im Lebensmitteleinzelhandel, sogenannten fringe-Firmen. Zudem analysieren wir auch spezifisch die Rolle von Discountern, Convenience Stores, Supermärkten und Hypermärkten.

Unsere Ergebnisse zeigen allgemein eine hohe Profitpersistenz im Lebensmitteleinzelhandel in Frankreich, Spanien und Schweden im Vergleich zu anderen Sektoren der Lebensmittelindustrie. Dies widerspiegelt die hohe Verhandlungsmacht im Lebensmitteleinzelhandel gegenüber vorgelagerten Sektoren wie der Lebensmittelverarbeitung (Wijnands et al., 2007). Zudem zeigt sich, dass die Profitpersistenz bei Top-5 Firmen im Lebensmitteleinzelhandel höher ist als bei fringe-Firmen. Dies deutet darauf hin, dass grosse Firmen vorteilhafte Verhandlungsposition haben, welche durch Grössen- und Verbundvorteile, effizientere Verkaufs- und Vertriebskanäle und einen geringeren Verwaltungsaufwand hervorgerufen werden. Die geringere Profitpersistenz für kleinere fringe-Firmen deutet hingegen auf Wettbewerbsnachteile dieser Firmen, unter anderem aufgrund einer weniger effizienten Betriebskostenbasis, geringerem Investitionskapital und fehlender Grössenvorteile hin (McEachern & Waranby, 2019). Nichtsdestotrotz können diese kleinen Firmen auf dem Markt überleben. Insbesondere dann, wenn sie Nichtpreisstrategien einsetzen, die ihre Wettbewerbsvorteile auf lokalen Märkten erhöhen. Zu diesen Nichtpreisstrategien gehören Kooperationen, eine starke Kundenorientierung, die Schaffung einer eigenen Identität durch spezielle Umgebungen in den Verkaufsräumen sowie die Rolle dieser Unternehmen als Zentrum sozialer Aktivitäten für die lokale Bevölkerung.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass unabhängige und spezialisierte Lebensmitteleinzelhändler in allen drei Ländern im Vergleich zu grossen Supermärkten und sogenannten Hypermärkten eine deutlich geringere Kapitalrendite aufweisen. Durch aktuelle Konsolidierungs- und Konzentrationsprozesse sowie einen wachsenden Anteil an Discountern im Lebensmitteleinzelhandel sind unabhängige und spezialisierte Firmen verstärkt unter Druck (Ahlert et al., 2010). Die Firmen der 5 grössten Ketten des Lebensmitteleinzelhandels der jeweiligen Länder generieren signifikant höhere Kapitalrenditen als andere Firmen. Unsere Ergebnisse zeigen zudem, dass Discounter eine höhere Kapitalrendite generieren. Zudem hat der zunehmende Preiswettbewerb in vielen EU-Ländern zu einer stark preisorientierten Strategie der marktbeherrschenden Firmen geführt, wovon Discounter profitieren (USDA, 2012). Zuletzt zeigen unsere Ergebnisse, dass sogenannte Convenience Stores, d.h. kleine Supermärkte die eine begrenzte Auswahl an Grundprodukten führen und in der Regel täglich geöffnet haben, insbesondere in Frankreich ein höheres Profitniveau erzielen. Dies lässt sich auf die Beliebtheit dieses Ladentyps in Frankreich, höhere Preise und Margen sowie längere Öffnungszeiten zurückführen (USDA, 2018).

Unsere Ergebnisse tragen zu einem besseren Verständnis der Funktionsweise des Wettbewerbs und der Profitdynamik im Lebensmitteleinzelhandel bei. Zudem zeigen unsere Ergebnisse ein existierendes Machtungleichgewicht zwischen den grossen Ketten und kleineren fringe-Firmen im Lebensmitteleinzelhandel der EU. Dies ist insbesondere aus wettbewerbspolitischer Sicht von Bedeutung. Die Verhandlungsmacht grosser Firmen hat nicht nur Auswirkungen auf den Wettbewerb zwischen Firmen des Lebensmitteleinzelhandels, sondern auch auf die Beziehungen entlang der Lebensmittelwertschöpfungskette. Dazu gehören nachteilige Auswirkungen für kleine vorgelagerte Unternehmen in der Lebensmittelindustrie sowie für Landwirte, eine geringere Innovationstätigkeit auf Ebene der Industrie, eine geringere Konsumentenwohlfahrt sowie ein geringeres Produktivitätswachstum (Sexton & Xia, 2018). Beispielsweise kann strategisches Verhalten von dominanten Einzelhändlern die Fähigkeit landwirtschaftlicher Produzenten, als unabhängige Unternehmer zu agieren, einschränken (Carstensen 2000). Marktbeherrschende Firmen können zudem durch die Einführung von Lebensmittelsicherheitsstandards, und damit einhergehenden regulatorischen Hürden, hohe Kosten für kleine landwirtschaftliche Betriebe verursachen und diese damit aus dem Markt verdrängen (Richards et al. 2013).

Referenzen

Ahlert, D., Blut, M., & Evanschitzky, H. (2010). Current status and future evolution of retformats. In M. Kraft & M. K. Mantrala (Eds.), Retailing in the 21st Century, Current and Future Trends (2nd ed., pp. 337–356). Berlin: Springer.

Ellickson, P. B. (2006). Quality competition in retailing: A structural analysis. International Journal of Industrial Organization, 24, 521–540.

Ellickson, P. B. (2007). Does Sutton apply to supermarkets? RAND Journal of Economics, 38(1), 43–59.

European Commission (2014). The economic impact of modern retail on choice and innovation in the EU food sector, Final report. Luxembourg, Germany: European Commission

European Commission, 2019. Antitrust: Commission opens investigation into possible collusion by two French retailers in a purchasing alliance. Brussels. https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/IP_19_6216

Eurostat (2017a). Annual detailed enterprise statistics for trade (NACE Rev. 2 G). Luxembourg, France: European Commission. http://appsso.eurostat.ec.europa.eu/nui/show.do?dataset=sbs_na_dt_r2&lang=en

Hirsch, S., Lanter, D., Finger, R. (2020).  Profitability and profit persistence in EU food retailing: Differences between top competitors and fringe firms. Agribusiness: an International Journal, https://doi.org/10.1002/agr.21654

McEachern, M. G., & Waranby, G. (2019). Community building strategies of independent cooperative food retailers. In J. Byrom & D. Medway (Eds.), Case Studies in Food Retailing and Distribution (pp. 1–12). Woodhead Publishing.

Mueller, D. C. (1990). Dynamics of Company Profits: An International Comparison. Cambridge, UK: Cambridge University Press.

OECD, 2014a. Competition Issues in the Food Chain Industry. Directorate for Financial and Enterprise Affairs, Paris.

OECD, 2014b. Competition Issues in the Food Chain Industry 2013. DAF/COMP(2014)16, OECD, Paris.

Richards, C., Bjørkhaug, H., Lawrence, G., & Hickman, E. (2013). Retailer‐driven agricultural restructuring—Australia, the UK and Norway in comparison. Agriculture and Human Values, 30, 235–245.

USDA (2012). Sweden Retail Foods Retail Food Sector Report for Sweden and Finland. Global Agricultural Information Network, USDA.

USDA (2018). France Retail Foods Annual Report 2017. Global Agricultural Information Network, USDA.

Wijnands, J. H. M., der Meulen, Van, & Poppe, K.J., B. M. J. (2007). Competitiveness of the European food industry: an economic and legal assessment 2007. Luxemburg, LU: Office for Official Publications of the European Communities.

* Stefan Hirsch ist an der TUM München, David Lanter ist ehemaliger Student an der ETH Zürich, Robert Finger ist Mitarbeiter der ETH Zürich.

**AMADEUS Daten: https://amadeus.bvdinfo.com/version-2019919/home.serv?product=AmadeusNeo

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About Robert Finger

I am Agricultural Economist and head of the Agricultural Economics and Policy Group at ETH Zurich www.aecp.ethz.ch