„Ethik für die Landwirtschaft“ – Die Debatte um Tierwohl

Autor: Christian Dürnberger*

Landwirtinnen und Landwirte sehen sich gegenwärtig vor neue Herausforderungen gestellt: Ihre Arbeit ist umstritten, das gesellschaftliche Wissen um die Nahrungsmittelproduktion gering – die Erwartungen, die an Landwirtschaft gerichtet werden, sind es jedoch nicht.

Das Buch „Ethik für die Landwirtschaft“ richtet sich daher im Besonderen an Bäuerinnen und Bauern. Es soll ihnen nicht nur dabei helfen, ihrer besonderen Verantwortung gerecht zu werden, mehr als das: Es soll sie auch unterstützen, in den Debatten Rede und Antwort stehen. Das Selbstverständnis des Buches ist dabei zurückhaltend, wenn es um Urteile geht: Es will nicht beantworten, was moralisch richtig bzw. falsch ist, sondern vielmehr Debatten und Positionen beschreiben und auf diesem Wege zum selbstständigen Nachdenken anregen.

Das Buch ist im Mai 2020 als Book-on-Demand erschienen**. Es behandelt in zwölf Kapiteln zwölf relevante Fragestellungen: Von der Grünen Gentechnik über die Digitalisierung in der Landwirtschaft und die Sehnsucht nach dem Idyll bis hin zur gegenwärtigen Debatte um das „Laborfleisch“.

Kapitel 5 widmet sich der Diskussion um das „Tierwohl“: Welchen moralischen Umgang schulden wir Tieren? Im Folgenden ein Auszug (!) aus diesem Kapitel.

 

AUSZUG-BEGINN

Welchen moralischen Umgang schulden wir Tieren?

Die Tierethik ist – wie die Philosophie insgesamt – ein Wirrwarr an Positionen, die nicht erschöpfend dargestellt werden können. Wir wollen im Folgenden daher radikal vereinfachen und die Antworten der vergangenen Jahrhunderte zu diesem Thema auf vier idealtypische Positionen verkürzen.

 

#1 Das Tier ist bloß ein Gegenstand: Radikaler Anthropozentrismus

Man kann behaupten, dass Tiere überhaupt keinen moralischen Eigenwert besitzen, dass sie also so etwas wie Dinge sind, die nur als Eigentum moralisch bedeutsam sind. In dieser Perspektive sind Tiere bloße Gegenstände: Gehört ein Tier mir, kann ich mit ihm machen, was immer ich möchte. Ähnlich wie wenn mir ein Tisch oder ein Buch gehört. […] Bei Immanuel Kant (1724-1804), einem der bedeutendsten Philosophen, haben Tiere beispielsweise keinen moralischen Eigenwert. Kants Ethik fokussiert auf die Vernunftfähigkeit: Jedes Wesen, das Vernunft aufweist (das also nachdenken, entscheiden und begründen kann), müssen wir moralisch um seiner selbst willen berücksichtigen. Ein vernunftfähiges Wesen dürfen wir beispielsweise nur in absoluten Ausnahmefällen einsperren oder töten. Alle anderen Wesen und Dinge, die keine Vernunft haben, sind für Kant moralisch nicht weiter bedeutsam. Diese Position wird oft Anthropozentrismus genannt, weil sie im Grunde darauf hinausläuft, dass nur (vernunftbegabte) Menschen (aus dem griech. ánthropos = „Mensch“) moralischer Eigenwert zugesprochen werden muss. […]

 

#2 Tiere können Leid empfinden: Pathozentrismus

Es war vor allem der Philosoph Jeremy Bentham (1748-1832), der in dieser Frage einen Paradigmenwechsel bewirkte. Bentham hielt mit Blick auf Kant fest: Der Irrtum bisheriger Ethik liegt in ihrer falschen Fragestellung. Die klassische Ethik – wie jene von Kant – spricht nur jenen Wesen moralische Bedeutung zu, die denken und sprechen können, sprich die Vernunft besitzen. Die entscheidende Frage würde aber nicht lauten, ob ein Wesen denken kann, sondern ob es leiden kann. […] Benthams Position wird Pathozentrismus genannt (von griech. ‚pathos’ = Leid). […] Wer Leid erfahren kann, der wünscht sich einen leidensfreien Zustand. Aus ethischer Perspektive gibt es keinen triftigen Grund, warum man das „Interesse“ eines Tiers an einem schmerzfreien Leben einfach ausblenden dürfte. […]

 

#3 Leidensfreiheit genügt nicht für ein gutes Leben: Tierwohl

[…] Unter Tierwohl wird mehr verstanden als „nur“ Leidensfreiheit oder Tiergesundheit. Dem „klassischen“ Tierschutzgedanken folgend ist ein Tier – wie oben diskutiert – eine leidensfähige Kreatur und wir haben die moralische Pflicht, solchen Wesen Leid zu ersparen. Tierwohlkonzepte aber fragen: Genügt das? Leidensfreiheit ist sicherlich eine Art Vorbedingung für Wohlergehen – aber ein gutes Leben zeichnet sich durch wesentlich mehr aus. (Und auch „andersherum“ argumentiert: Nur, weil man mal kurz leidet, bedeutet dies noch lange nicht, dass man kein gutes Leben führt.) Das Konzept „Tierwohl“ versucht demnach, über den „klassischen“ (leidvermeidenden) Tierschutz hinauszugehen und näher zu beschreiben, was ein gutes Leben für das Tier, sprich tiergerechte(re) Haltung bedeutet. (Beispielsweise das weitgehende Ausleben angeborener Verhaltensmuster.)

 

Tierwohl lässt sich nicht an Produktivität ablesen

Tierwohl-Konzepte zeigen exemplarisch, inwieweit „Tierwohl“ mehr meint als „nur“ Leidvermeidung. Dabei wird auch klar: Tierwohl und Produktivität eines Tiers müssen sich nicht widersprechen – Tierwohl lässt sich jedoch nicht an Produktivität ablesen. Das Argument „Meine Tiere fühlen sich wohl, sonst würden sie nicht diese immense Leistung bringen“ stimmt nicht notwendigerweise; so kann ein Tier schier unglaubliche Leistungen bringen und doch beispielsweise keine Möglichkeit aufweisen, ein „soziales Leben“ zu führen, das diese Beschreibung verdient. Tierwohl und Produktivität schließen sich demnach nicht aus, sind aber auch nicht deckungsgleich.

 

#4: Tiere wollen leben – lasst sie daher am Leben: Tierrechte

Schließlich gibt es Stimmen, die argumentieren, dass Tiere einen derart hohen moralischen Rang einnehmen, dass jegliche Tierhaltung im Grunde falsch ist, mit Sicherheit aber ihre Tötung für die Nahrungsmittelproduktion: Wie man keinen Menschen halten und töten darf, verbietet sich das auch bei Tieren, so die Position, die meist als „Tierrechts“-Position betitelt wird.

AUSZUG-ENDE

 

Der weitere Verlauf des Kapitels stellt u.a. alle vier genannten Positionen noch näher dar, wirft die Frage auf, inwieweit „Tierwohl“ nur eine Art „Käfigethik“ ist und skizziert tierethische Positionen, die eine Schlachtung von Tieren grundsätzlich für moralisch rechtfertigbar halten. Am Ende der Lektüre soll der Leser, die Leserin die bedeutenden Positionen innerhalb der Debatte kennen gelernt haben und sich die Frage stellen, wo er seine eigene Überzeugung wie Praxis verortet.

 

 

* Über den Autor: Christian Dürnberger, Doktor der Philosophie und Magister der Kommunikationswissenschaften, arbeitet seit über einem Jahrzehnt an verschiedenen Forschungsinstitutionen zu ethischen Fragen in der Landwirtschaft. Gegenwärtig arbeitet er als Philosoph am Messerli Forschungsinstitut, Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, Medizinischen Universität Wien und Universität Wien sowie am Campus Francisco Josephinum Wieselburg. (Kontakt)

 

**Über das Buch: „Ethik für die Landwirtschaft. Das philosophische Bauernjahr. Taschenbuch: 192 Seiten. Verlag: Independently published (2. Mai 2020). Sprache: Deutsch. ISBN-13: 979-8637671571. Link zum Buch (via Amazon): https://amzn.to/2YziFZD

Cover LaWi-Ethik

Warum der gewählte Vertriebsweg? Auf diese Frage antwortete der Autor in einem Interview wie folgt: „Ich weiß, dass Amazon vielfach kritisiert wird – und ich teile diese Kritik durchaus. Mit Blick auf Autoren jedoch bietet das „Book on Demand“-Service von Amazon ein interessantes Paket. Um dies zu konkretisieren: Bei vielen Verlagen werde ich als Autor eines Lehrbuchs aufgefordert, einen Druckkostenzuschuss von mehreren tausend Euro zu bezahlen, damit das Buch überhaupt gedruckt wird. Gerade prekär Beschäftigte in den Wissenschaften können das aus eigener Tasche finanziell nicht guten Gewissens stemmen. Derartige Bücher kosten dann auch noch gut und gerne um die 40 oder 50 Euro im Laden. Bei „Book on Demand“ zahle ich als Autor hingegen nichts – und kann den Verkaufspreis festlegen. Insofern hoffe ich auch bei Amazon-kritischen Lesern auf Verständnis, dass meine Wahl auf diesen Vertriebsweg fiel.“

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About Robert Finger

I am Agricultural Economist and head of the Agricultural Economics and Policy Group at ETH Zurich www.aecp.ethz.ch