Produktionsflexibilität als Triebkraft für die Wettbewerbsfähigkeit von Milchverarbeitern

Stefan Hirsch, Ashok Mishra, Niklas Möhring, Robert Finger

Die Frage, warum kleine und weniger effiziente Unternehmen auf dem Markt überleben können, ist von besonderem Interesse für den Agrar- und Lebensmittelsektor, in dem eine grosse Zahl von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) neben einer kleinen Zahl von grossen, multinationalen Unternehmen tätig ist. Dies gilt insbesondere für den Lebensmitteleinzelhandel in der EU, aber auch für Teilbereiche der Lebensmittelverarbeitung wie der Milchverarbeitung, ein Sektor, in dem der Anteil der KMUs deutlich über 90% liegt.

Aus theoretischer Sicht erklären Mills und Schumann (1985) die Ko-Existenz von KMUs und multinationalen Unternehmen auf dem Markt durch einen tradeoff zwischen Unternehmenseffizienz und Flexibilität. In diesem Rahmen ist es möglich, dass kleinere, weniger effiziente Unternehmen mit hohen Durchschnittskosten aufgrund ihrer Produktionsflexibilität auf dem Markt überleben können, da diese es ihnen ermöglicht, einen überproportionalen Anteil an Produktionsschwankungen aufzufangen. Dazu gehören die Fähigkeit zur Anpassung der Produktion ohne signifikanten Anstieg der Durchschnittskosten sowie die Fähigkeit zur schnellen Anpassung des Produktportfolios. Im Gegensatz dazu arbeiten grosse, multinationale Unternehmen unter geringerer Flexibilität, zeichnen sich jedoch durch eine hohe Effizienz bei niedrigen Durchschnittskosten aus, welches zu stabileren Outputniveaus führt.

In einer kürzlich im European Review of Agricultural Economics (Hirsch, Mishra, Möhring & Finger, 2019) veröffentlichten Studie haben wir diese Hypothese bezüglich Produktionsflexibilität und Effizienz für Milchverarbeiter in der EU getestet. Unsere empirische Analyse fokussiert sich auf Milchverarbeiter in Frankreich, Italien, Polen und Spanien. Unsere Datenbasis umfasst umfangreiche Informationen von insgesamt 2.186 Betrieben zu Unternehmensstruktur und -erfolg (Rentabilität, Kosten, Assets, Grösse etc.) für den Zeitraum 2006 bis 2014. Die gewählten Märkte widerspiegeln sehr heterogene geografische Standorte, Produktionstechnologien und Marktstrukturen und stellen damit eine interessanten Fallstudie dar, um die oben genannte Hypothese zu testen. Darüber hinaus zeichnet sich die EU Milchverarbeitungsindustrie generell durch eine hohen Marktsättigung, einer starken Verhandlungsmacht auf Ebene der Einzelhändler, schwankenden Inputpreisen und einer zunehmend differenzierten Verbrauchernachfrage aus. Weiterhin war der Milchverarbeitungssektor der EU in jüngster Zeit von mehreren politischen Ereignissen betroffen, wie dem Ende des EU-Milchquotensystems, einer Senkung der Interventionspreise für Butter und Magermilchpulver, dem China-Milchskandal im Jahr 2008, die Finanzkrise 2009, sowie dem russischen Lebensmittelembargo 2014. Dies illustriert, dass die Flexibilität der Produktion ein wichtiger Vorteil in diesem Sektor sein kann.

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Abbildung 1. Grosse Milchverarbeiter arbeiten effizienter, aber kleine Unternehmen haben eine höhere Produktionsflexibilität.

Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass die Produktionsflexibilität zwischen den beteiligten Milchverarbeitungssektoren sehr unterschiedlich ist. So wird beispielsweise für Italien und Polen eine hohe Flexibilität festgestellt, während für Spanien das Gegenteil gilt. Wir können zudem zeigen, dass während grosse Milchverarbeiter effizienter arbeiten, kleine Unternehmen durch eine deutlich höhere Produktionsflexibilität gekennzeichnet sind. Dies ist einer der Gründe für die Ko-Existenz von beiden Unternehmenstypen auf dem Markt. Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse, dass grosse Milchverarbeiter einen tradeoff zwischen Flexibilität und Effizienz eingehen müssen. Dies deutet darauf hin, dass für  grössere Unternehmen im Hinblick auf ihre Wettbewerbsfähigkeit ein alleiniger Fokus auf Effizienz irreführend sein kann. Im Gegensatz dazu kann für kleine Unternehmen kein Zielkonflikt zwischen Effizienz und Flexibilität erkannt werden. Ein wichtiger Grund für diesen Unterschied könnte darin liegen, dass kleinere Unternehmen Wettbewerbsvorteile und Marktmacht in bestimmten Nischenmärkten nutzen können.

Schliesslich zeigen wir, dass Milchverarbeiter mit hoher Produktionsflexibilität während der Finanzkrise 2009 weniger Rentabilität einbüssen mussten. Produktionsflexibilität ist somit ein wichtiger Faktor, um die Unternehmensrentabilität in Zeiten wirtschaftlicher Rezession zu erhalten.

 

Referenzen:

Hirsch, S., Mishra, A., Möhring, N. and Finger, R. (2019): Revisiting Firm Flexibility and Efficiency: Evidence from the EU Dairy Processing Industry. European Review of Agricultural Economics (in press). >>

Die verwendeten Daten sind frei zugänglich: Hirsch, S., Mishra, A., Möhring, N., & Finger, R. (2019). Dataset on the dairy processing industry in France, Italy, Poland and Spain.  ETH Research Collection https://doi.org/10.3929/ethz-b-000333174

Mills, D.E. and Schumann, L. (1985). Industry structure with fluctuating demand. American Economic Review 75(4): 758-767.

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About Robert Finger

I am Agricultural Economist and head of the Agricultural Economics and Policy Group at ETH Zurich www.aecp.ethz.ch