Reduktion von Risiken aus dem Pflanzenschutzmitteleinsatz – eine ökonomische Analyse

Niklas Möhring. Niklas Möhring hat im April 2019 seine Dissertation mit dem Titel ‚Reducing Pesticide Use Risks: An Economic Analysis‘ in der Gruppe für Agrarökonomie und -politik der ETH Zürich abgeschlossen und diese in diesem Blogbeitrag zusammengefasst.

Pflanzenschutzmittel (PSM) spielen weltweit eine wichtige Rolle in der Nahrungsmittelproduktion. Studien1,2,3 haben jedoch wiederholt, sowohl auf globaler als auch lokaler Ebene, gezeigt dass der Einsatz von PSM Risiken für die menschliche Gesundheit und die Umwelt bergen kann[1]. Die Reduktion von Risiken aus dem PSM Einsatz wird deshalb nicht nur in der Schweiz stark diskutiert – und ist ein Thema mehrerer Volksinitiativen, sondern ist auch weltweit eine Top-Priorität der Agrarpolitik. Nationale Aktionspläne zur Reduktion von Risiken aus dem PSM Einsatz sind etwa seit 2012 in der EU und seit 2017 in der Schweiz eingeführt worden.

Die Gestaltung von Politikmassnahmen zur Risikoreduktion ist jedoch komplex – und die Effektivität derzeitiger Politikmassnahmen wurde in Frage gestellt4,5. Das Ziel meiner Dissertation war es daher politische Entscheidungsträger und -trägerinnen bei der Gestaltung effizienter und effektiver Politikmassnahmen zur Reduktion von Umwelt- und Gesundheitsrisiken des PSM Einsatzes zu unterstützen. Dabei liegt der Fokus der Arbeit auf dem Kontext der europäischen Landwirtschaft und die Analyse bedient sich empirischer Methoden.

In meiner Dissertation habe ich drei wesentliche Aspekte für die Gestaltung effizienter und effektiver Politikmassnahmen identifiziert.

Erstens, die Gestaltung von Politikmassnahmen muss dem Fakt Rechnung tragen, dass PSM sehr heterogen sind. So unterscheiden sich PSM massgeblich bezüglich ihrer Zusammensetzung, d.h. bezüglich potenzieller Risiken, als auch hinsichtlich ihrer Anwendungsgebiete und dem unterliegenden Entscheidungskalkül bei ihrer Anwendung. In der Arbeit untersuchen wir mehrere Aspekte dieser Heterogenität – und finden in jedem Fall, dass eine Nicht-Berücksichtigung von Unterschieden zu weniger effektiven Politikmassnahmen oder sogar gegensätzlichen Anreizen führt. So werden beispielsweise in vielen Ländern derzeit reine Mengenindikatoren genutzt um den PSM Einsatz zu messen. Wir zeigen6, dass diese Mengenindikatoren gerade nicht die potenziellen Risiken für Mensch und Umwelt aus dem PSM Einsatz abbilden können. Sie sind deshalb ungeeignet um Politikziele und -massnahmen zur Risikoreduktion zu definieren. Die Politik ist daher gefordert die massgeblichen Risiken aus dem PSM Einsatz zu definieren und Indikatoren zu benennen, welche diese Risiken abbilden können.

Zweitens, die Anwendungsentscheidungen von PSM sind nicht mit einem rein deterministischen, d.h. gewinnmaximierenden Kalkül der Landwirte und Landwirtinnen zu erklären. Mehrere Studien zeigen, dass auch das ökonomische Risiko, also z.B. Einkommensschwankungen, eine wichtige Rolle bei der Anwendungsentscheidung spielen7,8,9. So sind zukünftige Erträge, aber auch potenzielle Schäden durch Unkräuter, Pflanzenkrankheiten oder Insekten aufgrund von Umwelteinflüssen (wie z.B. Wetter) nicht vorhersehbar zum Zeitpunkt der Anwendungsentscheidung. Der Einsatz von PSM kann damit einen Einfluss auf die Variabilität der Erträge, also das ökonomische Risiko, haben. In der Arbeit zeigen wir beispielsweise, dass das ökonomische Risiko massgeblich dafür sein kann, dass Politikmassnahmen wie Prognosesysteme zum bedarfsgerechten PSM Einsatz von Landwirten und Landwirtinnen tatsächlich genutzt werden. Weiterhin müssen Politikmassnahmen welche diese „Risikoeffekte“ berücksichtigen zwischen verschieden Typen von Pestiziden (z.B. Herbiziden und Fungiziden) mit potenziell unterschiedlichen Effekten differenzieren. Bei der Messung dieser „Risikoeffekte“ müssen wiederum Indikatoren zur Anwendung kommen, welche die Heterogenität der eingesetzten Mittel, z.B. hinsichtlich Effizienz und Toxizität, berücksichtigen.

Drittens, können andere Politikmassnahmen der Agrarpolitik, wie Risiko-Management Instrumente, Direktzahlungen oder Cross-Compliance Regeln, einen Einfluss auf den PSM Einsatz haben. Wir zeigen beispielsweise, dass Ernteversicherungen zu einem steigenden PSM Einsatz führen können. Ein wichtiger Faktor ist hierbei der Einfluss von Versicherungen auf Landnutzungsentscheidungen. Auch können Zielkonflikte mit anderen Politikzielen, wie der Reduktion von Bodenerosion auftreten. Eine Reduktion von Risiken für Mensch und Umwelt aus dem PSM Einsatz erfordert deshalb einen gesamtheitlichen Ansatz der Agrarpolitik – mögliche Effekte auf den PSM Einsatz müssen bei der Gestaltung von Politikmassnahmen aus allen Bereichen der Agrarpolitik Berücksichtigung finden.

 

* Link zur Dissertationsschrift: Niklas Möhring (2019). ‚Reducing Pesticide Use Risks: An Economic Analysis‘. ETH Zürich https://www.research-collection.ethz.ch/handle/20.500.11850/337919 (leider begrenzter Zugang, bitte eine Email an rofinger@ethz.ch für mehr Details)

1Beketov, M. A., Kefford, B. J., Schäfer, R. B., & Liess, M. (2013). Pesticides reduce regional biodiversity of stream invertebrates. Proceedings of the National Academy of Sciences, 110(27), 11039-11043.

2Doppler, T., Mangold, S., Wittmer, I., Spycher, S., Comte, R., Stamm, C., … & Kunz, M. (2017). Hohe PSM-Belastung in Schweizer Bächen—NAWA-SPEZ-Kampagne untersucht Bäche in Gebieten intensiver Landwirtschaftlicher Nutzung. Aqua und Gas, 4, 46-56.

3Larsen, A. E., Gaines, S. D., & Deschênes, O. (2017). Agricultural pesticide use and adverse birth outcomes in the San Joaquin Valley of California. Nature communications, 8(1), 302.

4Hossard, L., Guichard, L., Pelosi, C., & Makowski, D. (2017). Lack of evidence for a decrease in synthetic pesticide use on the main arable crops in France. Science of the Total Environment, 575, 152-161.

5Stokstad, E. (2018). A new leaf. Science 362(6411), 144-147.

6Möhring, N., Gaba, S., & Finger, R. (2019). Quantity based indicators fail to identify extreme pesticide risks. Science of the Total Environment, 646, 503-523.

7Horowitz, J. K., & Lichtenberg, E. (1994). Risk‐reducing and risk‐increasing effects of pesticides. Journal of Agricultural Economics, 45(1), 82-89.

8Carpentier, A., & Weaver, R. D. (1997). Damage control productivity: why econometrics matters. American journal of agricultural economics, 79(1), 47-61.

9Skevas, T., Stefanou, S. E., & Lansink, A. O. (2014). Pesticide use, environmental spillovers and efficiency: A DEA risk-adjusted efficiency approach applied to Dutch arable farming. European Journal of Operational Research, 237(2), 658-664.

[1]Um Verwirrung zu vermeiden werden „Risiken für menschliche Gesundheit und Umwelt“ und „ökonomische Risiken“, also z.B. Einkommensfluktuationen, wann immer möglich, im Text klar benannt und unterschieden.

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About Robert Finger

I am Agricultural Economist and head of the Agricultural Economics and Policy Group at ETH Zurich www.aecp.ethz.ch