Vielfalt braucht es nicht nur auf den Feldern, sondern auch bei den Landwirten

Für eine Erfüllung ihrer multifunktionalen Aufgaben bei stetig ändernden Rahmenbedingungen braucht die Landwirtschaft betriebliche Vielfalt.

Wenn die Bäuerinnen und Bauern auch dann noch Lebensmittel produzieren, die Landschaft pflegen und die Biodiversität fördern, wenn sich die klimatischen und sozioökonomischen Rahmenbedingungen rundherum ändern, dann spricht die Wissenschaft von einer resilienten Landwirtschaft. In einem neuen Artikel, welcher in der Zeitschrift Nature Sustainability* erschienen ist, untersuchten wir, wie sich die Vielfalt von landwirtschaftlichen Betrieben auf die Resilienz der Landwirtschaft auswirkt.

Dabei ging es nicht nur um die Anzahl der unterschiedlichen Betriebe, sondern auch darum, wie gut sich diese dank der Vielfalt ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeiten an veränderte Produktionsbedingungen anpassen und wie gut sie weiterhin ihre multifunktionalen Aufgaben erfüllen können. Die Hypothese unserer Forschung war – in Analogie zur Biologie, wo mehr Biodiversität zu stabileren Ökosystem führt – dass mehr sozioökonomische Vielfalt zu einer dauerhafteren Erbringung der multifunktionalen Aufgaben der Landwirtschaft führt.

Wir unterschieden zwei Typen von Veränderungen: Einerseits sind das langfristige Änderungen von Produktionsgrundlagen wie beispielsweise eine Verlängerung der Vegetationsperiode durch höhere Durchschnittstemperaturen, einen Abbau von Direktzahlungen oder eine Senkung der Produzentenpreise durch stetige Marktöffnungsschritte (Englisch: presses). Andererseits untersuchten wir den Effekt von kurzfristigen Schocks wie beispielsweise einem Trockenjahr oder einem plötzlichen Absinken der Produktepreise (Englisch: pulses).

Mit Hilfe eines Simulationsmodells** analysierten wir den Effekt unterschiedlicher Kombinationen von langfristigen Entwicklungen mit kurzfristigen Schocks auf die Landwirtschaft im Visper- und Saastal. Für den Zeitraum bis 2030 quantifizierten wir die jährliche landwirtschaftliche Kalorienproduktion, die Offenhaltung der Kulturlandschaft und den Anteil von Biodiversitätsförderflächen und stellten diese der Vielfalt der landwirtschaftlichen Tätigkeiten auf den Betrieben gegenüber.

Die Ergebnisse zeigten, je ausgeprägter die Vielfalt auf den Betrieben ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass die erwünschten sozialen Leistungen der Berglandwirtschaft auch erbracht wurden. Der zugrundeliegende Mechanismus ist, dass Betriebsleiter mit unterschiedlichen Einstellungen und Produktionsausstattung wie z.B. hauptberufliche Milchproduzenten, engagierte Züchter, ökologische Kleinviehalter oder kleine Nebenerwerbsbetriebe ganz unterschiedlich von den langfristigen Entwicklungen und den Schocks betroffen sind. Solange es genügend Vielfalt gibt, können Betriebe sich anpassen oder diejenigen, die weniger stark betroffen sind, Flächen und Produktion von den anderen Betrieben übernehmen. Die Komplementarität der Fähigkeiten und der Produktionsaktivitäten der Betriebsleiter erlauben dadurch eine Aufrechterhaltung von Nahrungsmittelproduktion, Landschaftspflege und Biodiversität.

Unsere Schlussfolgerung ist, dass es für die Erbringung von sozial erwünschten Leistungen der Berglandwirtschaft nicht ausreicht, lediglich Betriebe erhalten zu wollen. Für eine resiliente Landwirtschaft braucht es möglichst vielfältige Produktionsstrategien und Bäuerinnen und Bauern mit unterschiedliche Fähigkeiten, Einstellungen und Motivationen. Diesem Grundsatz sollte auch in der Agrarpolitik gebührend Gewicht geschenkt werden.

*Grêt-Regamey, A., Huber, S.H., Huber, R., 2019. Actors’ diversity and the resilience of social-ecological systems to global change. Nature Sustainability. https://www.nature.com/articles/s41893-019-0236-z

** Huber, R., Brunner, S., Peter, S. & Briner, S. Alpine Land-Use Allocation Model (ALUAM). ETH Zürich Research Collection: https://doi.org/10.3929/ethz-b-000221406 (2017).

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